Profitiert Waldimir Putin vom Streit zwischen Kosovo und Serbien?

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BalkankriseSerbien und Kosovo – warum Wladimir Putin die Spannungen nur recht sind

Die Spannungen im von Serben bewohnten Norden des Kosovo halten schon seit Monaten an. Den Konflikt zwischen den beiden Ländern nutze die russische Propaganda schon lange massiv aus, sagt Osteuropa-Wissenschaftler Ulrich Schmid von der Uni St. Gallen.

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Wladimir Putin und sein serbischer Amtskollege Aleksandar Vucic im Januar 2019 in Belgrad: «Beide Länder empfinden sich als geteilte Nationen», sagt Osteuropa-Experte Ulrich Schmid. «Das sind Parallelen, die man leicht ausspielen kann.»

Wladimir Putin und sein serbischer Amtskollege Aleksandar Vucic im Januar 2019 in Belgrad: «Beide Länder empfinden sich als geteilte Nationen», sagt Osteuropa-Experte Ulrich Schmid. «Das sind Parallelen, die man leicht ausspielen kann.»

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Im mehrheitlich von Serben bewohnten Norden des Kosovo kommt es seit Monaten immer wieder zu Scharmützeln. Davon profitiere letztlich der Kreml, sind sich manche Beobachter einig.

Im mehrheitlich von Serben bewohnten Norden des Kosovo kommt es seit Monaten immer wieder zu Scharmützeln. Davon profitiere letztlich der Kreml, sind sich manche Beobachter einig.

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Da Putin im Ukraine-Krieg keine militärischen Erfolge vorweisen könne, kämen Waldimir Putin die Spannungen auf dem Westbalkan tatsächlich gelegen, sagt Osteuropa-Experte Ulrich Schmid. 

Da Putin im Ukraine-Krieg keine militärischen Erfolge vorweisen könne, kämen Waldimir Putin die Spannungen auf dem Westbalkan tatsächlich gelegen, sagt Osteuropa-Experte Ulrich Schmid. 

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Darum gehts

  • Moskau nutze die Spannungen zwischen dem Kosovo und Serbien für seine Zwecke,  von einer «zweiten Front» ist gar die Rede. 

  • Professor Ulrich Schmid, Slawist an der Universität St. Gallen, erklärt, wieso der Kreml an einer Deeskalation nicht interessiert ist. 

  • Die Spannungen kämen gerade recht, weil man im Ukraine-Krieg  keine Erfolge vorweisen könne.

  • Allerdings nutze Russland den Konflikt zwischen dem Kosovo und Serbien schon massiv seit 2008.

Die Spannungen zwischen dem Kosovo und Serbien stellen eine anhaltende Gefahr dar, dass sich die Lage «in kürzester Zeit» verschlechtere, warnt der deutsche KFOR-Einsatzkontingentführer Egon Frank diese Woche. Gerade die Unzufriedenheit vieler Menschen im mehrheitlich von Serben bewohnten Norden des Kosovo bilde eine «ständige Basis für mögliche Eskalationen und Gewalt». 

Diese fragile Situation freue vor allem den russischen Präsidenten Wladimir Putin, heisst es bei manchen Beobachtern im Westen. Der Balkan stelle mit seinen Konflikten ein weites Einfallstor für russischen Einfluss dar. Schon ist die Rede von einer «zweiten Front». Stimmt das? Nachgefragt bei Ulrich Schmid, Slawist an der Universität St. Gallen. 

Herr Schmid, profitiert Präsident Wladimir Putin von den Spannungen zwischen dem Kosovo und Serbien? 

Ja. Putin steht in der Ukraine mit dem Rücken zur Wand und kann keine militärischen Erfolge vorweisen. Jetzt kommen ihm die Spannungen im Westbalkan erst recht gelegen. Denn die Stimmung in Russland ist gedrückt und der russische Präsident steht durch verschiedene Machtgruppen unter Druck. Allerdings nutzt die russische Propaganda den Konflikt zwischen dem Kosovo und Serbien eigentlich bereits seit der Unabhängigkeit des Kosovo 2008 massiv.

«Die Unabhängigkeit des Kosovo hat mehr Probleme geschaffen als gelöst»

Prof. Ulrich Schmid

Wie das?

Wladimir Putins Hauptargument bei der Krim-Annexion 2014 lautete: Wenn Kosovo-Albaner über eine Abspaltung abstimmen können, wieso sollen das denn die Menschen auf der Krim nicht auch dürfen? So stellte der Kosovo schon lange eine Gelegenheit dar, gegenüber der eigenen Bevölkerung «die Doppelzüngigkeit des Westens» anzuprangern, der einerseits die Abspaltung des Kosovo unterstütze, andererseits Russland unterstelle, eine imperialistische Macht zu sein.

Die Annexion einer Halbinsel und die Ausrufung eines Staates sind aber doch nicht dasselbe … 

Genau. Doch gleichzeitig muss man festhalten: Die Unabhängigkeit des Kosovo war ein Schritt, der mehr Probleme geschaffen als gelöst hat. Die Bereitschaft des Westens, den Kosovo als eigenständigen Staat anzuerkennen, ist nur als Spätfolge des Massakers von Srebrenica zu erklären. 

Also Unterstützung für die Unabhängigkeit aus schlechtem Gewissen heraus?

Ja. Damals hiess es, dass Kosovo-Albaner in Serbien gewaltsam unterdrückt würden – obwohl das 2008 längst nicht mehr der Fall war. Entsprechend schwach war auch das Argument, der Kosovo müsse deswegen von Serbien abgetrennt werden. Russland kritisierte das stark, zumal Serbien als Brudernation gesehen wird, die über die orthodoxen Kirchen zusätzlich verbunden ist. Doch nicht nur Russland, auch eine ganze Reihe anderer Länder erkennen den Kosovo nicht an. Darunter auch EU-Staaten wie Spanien oder Rumänien, die selbst mit Autonomiebewegungen im Innern kämpfen. 

«Sowohl Serbien wie auch Russland empfinden sich als geteilte Nationen»

Prof. Ulrich Schmid

Welchen Vorteil erhofft sich Putin denn konkret von den Spannungen auf dem Balkan?

Russland ist sehr präsent im serbischen öffentlichen Raum. So spielt der russische Botschafter in Serbien eine sehr prominente Rolle in den dortigen Medien. Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges dürfte sich das weiter verstärken – auch wenn die Ressourcen mittlerweile beschränkt sind, weil Moskau alle Hände voll hat, um irgendeine Lösung für den Ukraine-Krieg zu finden. Dem Kreml geht es letztlich darum, gegenüber Westeuropa zu signalisieren: Schaut, euer Gesellschaftsmodell ist weder seligmachend noch exklusiv, es gibt auch Länder in Europa, die für das russische Gesellschaftsmodell Sympathien haben. 

Was verbindet denn die beiden Länder respektive ihre Modelle? 

Wie in Russland gibt es auch in Serbien viele Menschen, die einen starken Führer wollen und ein System, das den Patriotismus im Innern befördert. Das serbische Nationalprojekt hat aus einer Binnensicht viele Erniedrigungen und Beleidigungen erlitten.

Inwiefern?

Wir dürfen nicht vergessen: Sowohl Serbien wie auch Russland empfinden sich als geteilte Nationen. Die Serben sehen sich des Kosovo beraubt und möchten die serbische Republik in Bosnien-Herzegowina in den eigenen Staat integrieren. Und die Russen beklagen, dass sie seit dem Zerfall der Sowjetunion eigentlich die grösste geteilte Nation der Welt seien, weil Millionen von Russen seit dreissig Jahren nicht mehr im russischen Staat leben. Das sind Parallelen, die man leicht ausspielen kann.

«Ein nicht geringer Teil glaubt, dass die USA hinter dem Überfall stehen»

Prof- Ulrich Schmid

Ist die Zustimmung für Russland in Serbien trotz Ukraine-Krieg ungebrochen?

Es hat sich einiges geändert seit dem 24. Februar, der Krieg ist nicht spurlos an der serbischen Öffentlichkeit vorbeigegangen. Und doch glaubt ein nicht geringer Teil dem Narrativ, dass der Krieg nicht mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine begonnen hat, sondern dass dahinter letztlich die USA stehen. Der Antiamerikanismus ist in Serbien weit verbreitet, was auf die Nato-Bombardierung Belgrads 1999 zurückgeht, die nur mit dem grünen Licht aus Washington möglich wurde.

Der Kosovo hat jetzt den Antrag auf einen EU-Beitritt gestellt – passt das Putin? 

Es stört ihn wahrscheinlich nicht gross. Denn Brüssel existiert als Zentrale der Europäischen Union auf dem Radar der russischen Politik gar nicht – man zieht bilaterale Beziehungen zu den einzelnen EU-Staaten vor. So hat Moskau mittlerweile auch nichts mehr gegen das EU-Beitrittsgesuch der Ukraine einzuwenden. Viel heikler wäre ein Nato-Beitritt. Denn das ist eine persönliche Obsession Putins: Er fühlt sich umzingelt von den osteuropäischen Staaten, die in die Nato drängen. Ein Beispiel ist etwa Montenegro, das bis 2006 mit Serbien in einer Staatenunion verbunden war und 2017 in die Nato eintrat.

Befürchten Sie eine weitere Eskalation der Spannungen zwischen dem Kosovo und Serbien? 

Nein, einen heissen Krieg auf dem Balkan halte ich für sehr unwahrscheinlich. Das sind Drohgebärden, die man regelmässig sieht. Und der Anlass für die aktuellen Spannungen ist auch ziemlich lächerlich.

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(gux)

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