Aktualisiert 21.01.2005 15:27

Serienkiller zeigt Reue

Der Prozess gegen den Krankenpfleger, der zum Serienkiller wurde, hat heute von Neuem betroffen und ratlos gemacht.

Der Angeklagte wirkte vor Gericht gefasst und zeigte Reue. Die Frage, warum er trotz massiver Überforderung jahrelang unbemerkt das Leben demenzkranker Menschen nach Belieben auslöschen konnte, musste offen bleiben.

Rund 150 Zuschauerinnen und Zuschauer und gegen 50 Medienleute unterziehen sich am frühen Morgen den massiven Sicherheitskontrollen im Zentrum Gersag in der Luzerner Vorortsgemeinde Emmenbrücke und lassen ihre Kleider und Taschen von Metalldetektoren abtasten. Rund um das Zentrum sind Polizeipatrouillen unterwegs. Im grossen Saal, wo bald Fasnacht gefeiert wird, herrscht gespannte Ruhe, als der Präsident des Luzerner Kriminalgerichts, Werner Bachmann, mit der Befragung des jüngeren Mannes beginnt, der in Bluejeans, hellem Hemd und grauem Pullover mit dem Rücken zum Publikum sitzt. Der 36-jährige Angeklagte spricht mit klarer Stimme ins Mikrofon und gibt Auskunft über seine beruflichen Misserfolge als Elektroniker und Tanzlehrer, die Probleme mit dem Stiefvater, dem er etwas beweisen will. Über die Ausbildung zum Pfleger, die er auf Drängen seiner Lebenspartnerin mit Diplom abschliesst. Eine Berufswahl, die für mindestens 24 demenzkranke Frauen und Männer den vorzeitigen Tod bedeutet. Weil er das Leiden nicht erträgt, das in der Langzeitpflege allgegenwärtig ist. Ein «Wartesaal», wie er sich ausdrückt. Aber auch aus Selbstmitleid greift er zu Sediermitteln in Überdosen und Plastiksack. Um Hilfe zu bitten in seiner Überforderung traut er sich nicht. Aus Angst, erneut als Versager dazustehen, aber auch in der Hoffnung auf eine leichtere Arbeit in der Administration.

Gut drei Jahre nach dem letzten Tötungsdelikt und nach zwei suizidalen Krisen stellen ihm die Gutachter günstige Prognosen aus. Im vorzeitigen Strafvollzug verhält er sich beispielhaft. Die Therapie habe ihn verändert, sagt er von sich selbst. Auch seine Einstellung zur Sterbehilfe sei nicht mehr die gleiche. Hinweise, dass er ausserhalb des Pflegeberufs schwerwiegend gegen das Gesetz verstossen würde, gibt es laut Psychiatrie nicht. Der Staatsanwalt will ihn für fünffachen Mord und 19-fache vorsätzliche Tötung mit 17 Jahren Zuchthaus bestrafen. Laut Verteidigung ist eine Verurteilung wegen Mordes nicht zu rechtfertigen. Der Angeklagte ist nach übereinstimmenden Einschätzungen voll zurechnungsfähig. Das sind gemäss einschlägiger Erfahrung die meisten Serienkiller. Das Urteil soll am 2. Februar veröffentlicht werden. (dapd)

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