NLA: Servette oder wenn das letzte Bataillon fehlt

Aktualisiert

NLAServette oder wenn das letzte Bataillon fehlt

Servette führte gegen Kloten 3:0, verlor 4:6 und kann die Playoffs nicht mehr aus eigener Kraft erreichen. Der Ausfall von Tony Salmelainen wog zu schwer.

von
Klaus Zaugg

In einem entscheidenden Spiel 3:0 geführt und noch verloren. Ein Zusammenbruch mit historischen Dimensionen. Erinnerungen werden wach an den 7. Mai 2003. Finnland führte in der 27. Minute des zweiten Drittels im WM-Viertelfinale gegen Schweden 5:1. Und verlor 5:6. Oder an den 15. September 1987. Die Sowjetunion führte im dritten und entscheidenden Finalspiel um den Canada Cup gegen Kanada nach acht Minuten 3:0. Und verlor 5:6.

Und jetzt Servette. Aus einem 3:0 wird gegen die Kloten Flyers ein 4:6. In der Zeitspanne von 81 Sekunden machen der böse Riese Goran Bezina und der flinke Kobold Rico Fata aus einem 1:0 ein 3:0. Fatas Treffer zum 3:0 scheint die Entscheidung zu sein: Er erwischt bei nummerischer Unterlegenheit seines Teams (!) Torhüter Ronnie Rüeger zum 3:0.

Trügerische Führung

Damit scheint alles klar. Davon werden sich die Kloten Flyers nicht mehr erholen. Es ist vollbracht. Ein grosses Servette. Endlich funktioniert die grosse Hockeymaschine von Chris McSorley. Servette kann nun mit einem Sieg gegen die ZSC Lions am Samstagabend aus eigener Kraft die Playoffs erreichen. Eine Wende in diesem Spiel gegen die Kloten Flyers oder gar eine Niederlage? Undenkbar. Völlig undenkbar. Schliesslich steht mit Tobias Stephan einer der Besten der Liga im Tor. Und wenn es eine Mannschaft versteht, mit kluger Organisation, hoher taktischer Disziplin und Schlauheit einen Vorsprung über die Zeit zu bringen – dann wohl Chris McSorleys Servette.

So glauben die Zuschauerinnen und Zuschauer, die eine rauschende Hockeyparty feiern. Aber die dunklen Schatten des Scheiterns liegen schon über Servette. Die grosse Hockeymaschine ist verwundet wie die Titanic nach der Kollision mit dem Eisberg. So wie die Gäste auf dem Luxusschiff den Zusammenstoss mit dem Eisberg nicht wahrgenommen haben, so ist auch jetzt den Party-Gästen im Stadion das Unglück entgangen, das Servette ereilt hat.

Wende nach Salmelainens Out

Nur ein aufmerksamer Beobachter sieht nach dem 3:0, dass Servettes Leitwolf Tony Salmelainen (er hat das 1:0 erzielt und das 2:0 vorbereitet) seltsam passiv spielt. Tatsächlich kommt der Finne im Schlussdrittel nicht mehr. Kloten verkürzt noch im zweiten Drittel auf 3:2 und dominiert dann die Partie im Schlussdrittel mit seinem schnellen und präzisen Tempospiel nach Belieben. Selbst ein starker Tobias Stephan ist machtlos.

Wie ist das alles möglich? Wie kann ausgerechnet Servette einen so historischen Zusammenbruch erleiden. Trainer Chris McSorley erklärt nach dem Spiel, welches Unglück seine Mannschaft diesmal getroffen hat: «Salmelainen hat am letzten Samstag in Bern bei einem Check eine leichte Gehirnerschütterung erlitten. Er schien sich erholt zu haben. Doch im zweiten Drittel kehrten die Beschwerden zurück und im letzten Drittel konnte er nicht mehr spielen. Wir können ihn wohl auch gegen die ZSC Lions nicht einsetzen. Wir hatten letztlich nur fünf Verteidiger und neun Stürmer zur Verfügung und sind nach gutem Beginn im Laufe des zweiten Drittels mit leeren Tanks stehen geblieben. So hatten wir gegen das Tempospiel der Flyers keine Chance mehr.»

Zu wenig breiter Kader

Chris McSorley ist es ergangen wie einem Feldherren, dem der genialste Schlachtplan nichts nützt, weil er im alles entscheidenden Augenblick ein paar Bataillone zu wenig ins Gefecht schicken kann: Die richtige Taktik und das richtige Spielkonzept konnten auf dem Eis nicht mehr umgesetzt werden, weil nach dem Ausfall von Tony Salmelainen ganz einfach nicht mehr genügend Spieler zur Verfügung standen (Vukovic, Walsky, Gautschi und Rivera verletzt). Aus wirtschaftlichen Gründen hält Servette einen weniger breiten Kader als die Titanen aus Davos, Fribourg, Bern, Kloten, Zug, Zürich oder Lugano und die Verletzung von Salmelainen war die Verletzung zu viel.

Chris McSorley gibt trotzdem nicht auf: «Wenn Davos in Biel gewinnt und wir Zürich besiegen und in die Playoffs kommen, lade ich Arno Del Curto ins beste und teuerste Restaurant der Schweiz zum Essen ein.» Die Ausgangslage ist ganz einfach: Die Bieler sind in jedem Fall in den Playoffs, wenn sie gegen Davos gewinnen.

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