Setzte Israel Streubomben entgegen US-Abkommen ein?
Aktualisiert

Setzte Israel Streubomben entgegen US-Abkommen ein?

Für die Menschen in Libanon ist die Gefahr trotz des Waffenstillstands noch lange nicht vorüber. Über 5000 Bomben gingen nieder, und bis zu einem Viertel davon explodierte nicht. Die USA untersuchen den Einsatz von umstrittenen Streubomben.

Ganze Landstriche sind weiter von Minen übersät, über 5000 Bomben schlugen im Libanon ein. Mit dem Waffenstillstand am vergangenen Montag wird der Einsatz der Räummannschaften vor Ort zu einem Wettlauf gegen die Zeit: Abertausende Kriegsflüchtlinge, die vor allem von Viehzucht und Landwirtschaft leben, kommen in ihre Heimatdörfer zurück.

«Wenn die Leute nach Hause zurückkehren, könnte das zu einer Katastrophe führen», sagt Marc Garlasco, Waffenexperte der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Grund für die Sorge: Letzte Woche entdeckte die Organisation 267 Orte, wo Streubomben eingeschlagen hatten.

USA untersuchen Streubomben-Einsatz

Laut der «New York Times» untersucht jetzt das US-Aussenministerium den israelischen Einsatz der Streubomben. Denn die Munition wurde in den USA hergestellt, und der Einsatz von Streubomben ist stark umstritten. Vor allem vom Einsatz in Wohngebieten wird wegen der grossen Kollateral-Schäden in der Regel abgesehen (siehe Info-Box).

Die US-Regierung haben laut der «New York Times» mit Israel in den siebziger Jahren abgemacht, wann die in den USA hergestellten Bomben verwendet werden dürfen. Ein Einsatz der Streubomben in bewohnten Gebieten war laut dem Vertrag nicht vorgesehen.

Auch Internationale Konventionen erlauben Splitterbomben zwar auf dem Kampffeld, jedoch nicht in dicht besiedelten Zonen wie Städten oder Dörfern.

Streubomben in Wohngebieten

Das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF meldete am Dienstag, seit der Waffenruhe seien im Süden Libanons fünf Kinder von explodierenden Munitionsrückständen getötet und viele weitere verletzt worden.

In den 34 Tagen des Konflikts sind in Libanon rund 150 000 Sprengkörper in den Vororten von Beirut und im Süden des Landes niedergegangen. Mindestens zehn Prozent davon explodieren erfahrungsgemäss nicht beim Aufschlag, stellenweise können es bis zu einem Viertel sein.

Dalya Farran vom UNO-Koordinationszentrum gegen Minen (MACC) und ihr Team sind derzeit zusammen mit der libanesischen Armee in Südlibanon im Einsatz. «Wir müssen vor allem die Streubomben entschärfen, die zu Hunderten in den Wohngegenden verteilt sind», sagt sie.

Auch Marc Masche ist bei den Räumungsarbeiten im südlibanesischen Tebnin mit vor Ort. Laut dem Minenräumer der britischen Nicht-Regierungsorganisation Mine Adviserly Group (Mag) schreibe niemand den Kriegsparteien vor, die Anzahl der abgeworfenen Geschosse anzugeben.

Es sei zwar relativ leicht, eine Granate oder eine Rakete zu finden und unschädlich zu machen. Streubomben dagegen seien nur schwer auszumachen.

Schwierig zu finden und sehr gefährlich

Nur ein geübtes Auge erkenne im Chaos der zerstörten Strassen, Wege, Häuser und Gärten die fünf bis sechs Zentimeter langen und drei Zentimeter breiten Metallzylinder dieser Geschosse.

«Die Mehrzahl der Streubomben sind schwer zu erkennen, weil sie sehr klein sind und oft mit Staub und Schutt vermischt», ergäzt Steve Priestley, Chef der Mag. «Es ist nicht schwer, sie zu entschärfen, doch sie zu sammeln, das ist ein wahrer Albtraum». Die Sprengkörper seien «sehr sensibel» und explodierten beim «geringsten Kontakt».

Das UNO-Koordinationszentrum gegen Minen (MACC) hat ausserdem kleine orangene, an Bälle erinnernde Sprengkörper gesammelt und fotografiert. Besonders auf Kinder wirken sie anziehend.

Langwierig

Nach Einschätzungen von Priestley ist jedoch im überwiegenden Teil des von Israel zwischenzeitlich besetzten Territoriums nur grosse Munition gefunden worden, vor allem Granaten der Artillerie. «Es gibt nur wenige kleine Sprengkörper, die ja die eigenen Truppen hätten treffen können», sagt Mag-Chef Priestley.

Die Arbeit der Räummannschaften wird langwierig sein. Dies kennen die Spezialisten aber bereits. Bisher ist es UNO-Experten und der libanesischen Armee noch nicht gelungen, die rund fünf Millionen verminten Quadratmeter zu räumen, die die israelische Armee schon bei ihrem Abzug im Jahr 2000 hinterlassen hatte. (sda)

Streubomben

Eine Streubombe («Cluster Bomb») besteht aus einem Behälter, der zwischen drei und über 1000 so genannter Bomblets enthält und diese bei der Aktivierung freisetzt. Es existieren diverse Arten von Bomblets, sowohl konventionelle Arten mit Explosions-, Brand-, Splitter- und/oder panzerbrechender Wirkung als auch spezielle Varianten, zum Beispiel Minen oder Systeme, die durch Graphitfäden Umspannwerke oder Überlandleitungen kurzschliessen.

Streubomben verteilen ihre Submunitionen über grosse Areale und werden aus diesem Grund oft gegen grosse Truppenansammlungen eingesetzt. Durch den grossen Wirkungsradius erhöht sich allerdings auch die Wahrscheinlichkeit von sogenannten «Kollateralschäden».

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete letzte Woche, dass Israel im Libanon Streubomben eingesetzt habe. Streu- und Splitterbomben seien «unzulässig ungenaue und unzuverlässige Waffen», sagte HRW-Chef Kenneth Roth. «Sie sollten in bewohnten Gebieten niemals eingesetzt werden.»

(Quelle: wikipedia)

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