Gesichtserkennung - Setzten Schweizer Polizisten umstrittene Software ein?
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GesichtserkennungSetzten Schweizer Polizisten umstrittene Software ein?

Bei Polizeikorps in Zürich und St. Gallen soll umstrittene Software eines amerikanischen Herstellers zum Einsatz gekommen sein. Diese ist in der Schweiz verboten.

von
Patrick McEvily
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E-Mail-Adressen der Stadtpolizei Zürich befanden sich auf der öffentlich gewordenen Kundenliste des Gesichtserkennungssoftware-Herstellers Clearview AI.

E-Mail-Adressen der Stadtpolizei Zürich befanden sich auf der öffentlich gewordenen Kundenliste des Gesichtserkennungssoftware-Herstellers Clearview AI.

20min/Marco Zangger
Gleiches gilt für die Kantonspolizei St. Gallen.

Gleiches gilt für die Kantonspolizei St. Gallen.

20min/Michael Scherrer
Gemäss einem Zürcher Anwalt kam es bei zwei Fällen, die er betreute, zu Auffälligkeiten bei den Gerichtsverhandlungen, die nur durch den Einsatz von Gesichtserkennungssoftware erklärt werden könnten.

Gemäss einem Zürcher Anwalt kam es bei zwei Fällen, die er betreute, zu Auffälligkeiten bei den Gerichtsverhandlungen, die nur durch den Einsatz von Gesichtserkennungssoftware erklärt werden könnten.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Recherchen zeigen, dass zwei Schweizer Polizeikorps eine Gesichtserkennungssoftware eingesetzt haben.

  • Die Technologie ist bislang nicht reglementiert und stark umstritten.

  • Die Stadtpolizei Zürich sowie die Kantonspolizei St. Gallen streiten den Einsatz ab – und weisen auf etwaige Einzelaktionen von Beamten hin.

Das Thema ist äusserst heikel: Mit Gesichtserkennungssoftwares können Polizisten Bilder ihnen unbekannter Personen innerhalb kürzester Zeit mit Datenbanken abgleichen, die sich aus Milliarden frei erhältlicher Bilder aus dem Netz speisen. Genau das sollen gemäss Recherchen der Tamedia-Zeitungen Beamte der Stadtpolizei Zürich sowie der Kantonspolizei St. Gallen getan haben. In beiden Fällen soll es im Februar 2020 zwischen elf und 50 Suchabfragen mit der Software des amerikanischen Unternehmens Clearview AI gegeben haben.

Polizeikorps streiten Vorwürfe ab

Die Recherchen wurden möglich durch Enthüllungen der amerikanischen Seite Buzzfeed News, welcher interne Dokumente vorlagen. In der Kundendatenbank des Unternehmens sollen sich neben den Adressen von Polizeikorps aus insgesamt 88 Nationen auch E-Mail-Adressen der Stadtpolizei Zürich und der Kantonspolizei St. Gallen befunden haben.

Die Tamedia-Zeitungen haben zudem mit einem Zürcher Anwalt gesprochen. Zwei von dessen Mandanten sollen auf unübliche Weise überführt worden sein. So seien keinerlei Indizien gegen sie vorgelegen und es habe auch keine Zeugen gegeben. Der Anwalt kann sich die Identifizierung nur durch den Einsatz einer Gesichtserkennungssoftware erklären.

Sowohl die Stadtpolizei Zürich als auch die Kantonspolizei St. Gallen streiten den Einsatz der Software ab. Eine Zürcher Mediensprecherin gibt aber an, dass man nicht ausschliessen könne, dass einzelne Beamte sich für das Tool angemeldet und dieses privat genutzt haben. In St. Gallen habe man in der Vergangenheit zwar solche Software getestet, das Produkt der Firma Clearview AI sei aber nicht darunter gewesen. Die Stadtpolizei Zürich hat eine Untersuchung der Angelegenheit angekündigt.

Einsatz in der Schweiz verboten – Clearview AI auf der Überholspur

Bei der Gesichtserkennungssoftware kann vieles schiefgehen: Identifiziert die Software den oder die Falschen, dürfte es für diese Person äusserst schwierig werden, sich zu verteidigen. Ausserdem bestehen Berichte, wonach die Technologie anfällig für Diskriminierung von ethnischen Minderheiten sei. Weder zur Beschaffung noch beim Einsatz bestehen laut Expertinnen und Experten in der Schweiz eine ausreichende Gesetzesgrundlage. Dennoch sollen in der Vergangenheit Kantone wie Aargau oder Schaffhausen gemäss den Tamedia-Zeitungen ähnliche Softwares ausprobiert haben.

Das Unternehmen Clearview AI arbeitet mit Polizeibehörden zusammen und ermöglicht diesen Bilder von unbekannten Personen. Zum Testen stand in der Vergangenheit eine kostenlose Testversion zur Verfügung. Die «New York Times» sprach vor einem Jahr von demjenigen Unternehmen, das die Privatsphäre «wie wir sie kennen» beenden könne. In weiteren Recherchen verkündete das Blatt, dass das Unternehmen unter anderem von konservativen Donatoren unterstützt worden sei. Gemäss den Tamedia-Zeitungen verfügt Clearview über volle Kassen und hat zuletzt weitere 30 Millionen Dollar eingesammelt.

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