Aktualisiert 30.03.2010 11:50

Aus der Kirche ausgetreten

«Sex ist für die Kirche etwas 'Grusiges'»

Der ehemalige katholische Pfarrer Josef Hochstrasser spricht über die sexuelle Lust der Priester – und fordert den Aufstand der Kirchgemeinden.

von
Fabienne Riklin
«Viele Priester beginnen wegen der unterdrückten sexzellen Lust zu trinken»: Josef Hochstrasser ehemaliger katholischer Priester.

«Viele Priester beginnen wegen der unterdrückten sexzellen Lust zu trinken»: Josef Hochstrasser ehemaliger katholischer Priester.

Keystone

Josef Hochstrasser, 63, verliebte sich 27-jährig als katholischer Priester in eine Frau. Erst ein Jahr zuvor hatte er die Priesterweihe erhalten. Trotz Gewissenskonflikt entschied er sich für eine Ehe. Allerdings wurde Hochstrasser vier Jahre später in den Laienstand versetzt. Heute ist er als reformierter Pfarrer tätig. Mit 20 Minuten Online sprach Hochstrasser über das Zölibat und die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche.

Herr Hochstrasser, Sie haben die ersten 27 Jahre Ihres Lebens zölibatär gelebt, wie ging das?

Josef Hochstrasser:Ich habe versucht, meine sexuelle Lust zu verdrängen und habe mich im Priesterseminar in die Arbeit gestürzt. Teilweise setzte ich noch um Mitternacht Sitzungen an, nur um nichts «Verbotenes» zu unternehmen.

Aber Sie hatten erotische Fantasien?

Klar, doch als junger Mann hatte ich grosse Skrupel bezüglich Onanie.

Fühlten Sie sich zu einer Frau nie erotisch angezogen, bevor sie mit 27 Jahren Ihre Frau kennenlernten und heirateten?

Doch schon. Während des Studiums bei den Jesuiten bin ich einmal während eines Gartenfestes mit einer Studentin unter einem Apfelbaum gelegen. Aber das war ein Flirt - mehr nicht.

Sie haben als Priester hinter die Mauern der katholischen Kirchen gesehen. Werden katholische Priester wegen alternativen Möglichkeiten homosexuell oder pädophil?

Nein. Aber die Kirche zieht - wie Schulen oder Sportvereine - Pädophile an.

Hängen die Missbrauchs-Skandale mit dem Zölibat zusammen?

Nein, es besteht kein direkter Zusammenhang. Ein Priester der mit dem Zölibat hadert, sonst aber keine pädosexuellen Neigungen hat, vergreift sich nicht aus «Not» an Kindern. Aber die Missbrauchsfälle bringen das Grundproblem, das die katholische Kirche mit der Sexualität hat, an den Tag.

Welches ist das?

Sex wird zur Fortpflanzung zwar toleriert, doch eigentlich empfindet es die katholische Kirche als etwas «Grusiges» und Missliches. Eine fröhliche und befreite Sexualität ist nicht erlaubt.

Schon gar nicht als Priester. Warum haben Sie trotzdem diesen Beruf gewählt?

Ich wurde stark katholisch erzogen. Mich hatte die Kirche vor allem wegen den vielen Feste fasziniert. Bereits im Alter von 12 Jahren wollte ich Priester werden, damit wusste ich, dass ich nie meine Sexualität ausleben könnte.

Sie haben Ihre sexuelle Lust mit Arbeit unterdrückt. Wie sind andere Priester mit dem «angestauten Druck» umgegangen?

Einige wurden wie ich zum Workaholic und andere haben angefangen zu trinken.

Gehen der katholischen Kirche wegen des Zölibats viele Priester verloren?

Ja. Das Zölibat ist etwas sehr Unnatürliches.

Sollte die Kirche das Zölibat aufgeben?

Ja, auf jeden Fall. Ich plädiere für freie Liebe für alle Priester. Der Aufstand sollte auf Gemeindeebene beginnen. Also die Kirchgemeinden sollten sich freuen, wenn sich ein Pfarrer in eine Frau verliebt und ihn weiter praktizieren lassen.

Der Priestermangel scheint aber noch zu wenig akut, dass die Gemeinden gezwungen sind, verheiratete Priester weiter zu beschäftigen?

Zwar gibt es noch junge Männer, die Priester werden wollen, doch vielen von Ihnen fehlt es oft an Sozialkompetenz. Sie sind unglaublich «verknorzt».

Dann fördert die Kirche Männer mit einer gestörten Sexualität?

Ja, ich habe das Gefühl. Welcher Mann verzichtet schon freiwillig auf Sex?

Das haben Sie auch gemacht.

Wäre ich mir schon bei der Ausbildung wirklich bewusst gewesen, was das heisst, wäre ich gar nie eingetreten. Damals wurde selbst im Seminar wenig darüber gesprochen. Das Thema Sexualität ist in der katholischen Kirche grundsätzlich ein Tabu.

Josef Hochstrasser, 63, bildete sich zum katholischen Priester aus. Mit 27 Jahren verliebte er sich allerdings in eine Frau und heiratete diese. Heute ist er reformierter Pfarrer. Hochstrasser ist ein guter Freund von Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld und Autor des Buches «Ottmar Hitzfeld – Die Biographie» (2004).

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