Aktualisiert 10.04.2014 10:56

Leser-UmfrageSex mit Prostituierten soll straffrei bleiben

Der Europarat will Freier bestrafen, Prostituierte hingegen nicht. Die 20-Minuten-Leser wollen von diesem Prostitutionsverbot wie in Schweden nichts wissen.

von
Simon Hehli

Rebecca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration sprach sich im Interview mit 20 Minuten klar dagegen aus, dass sich die Schweiz der schwedischen Variante des Prostitutionsverbots anschliesst: Durch eine Bestrafung der Prostituierten würden Sexarbeiterinnen in den Untergrund gedrängt und könnten sich kaum noch gegen Gewalt und Ausbeutung wehren, so Angelini. Ähnlich denkt die Mehrheit der Leser von 20 Minuten, wie eine nicht repräsentative Umfrage mit gut 4000 Teilnehmern zeigt: Wuchtige 91 Prozent sprechen sich gegen ein Prostitutionsverbot aus.

Für einmal gibt es kaum politische Gräben zwischen den Befragten: Sowohl linke wie rechte Wähler lehnen das Verbot mit mindestens 88 Prozent ab. Einen grösseren Unterschied zeigt hingegen die Aufschlüsselung nach Geschlechtern: Bei den Männern sind nur 5 Prozent dafür, die Prostitution für illegal zu erklären, bei den Frauen sind es 19 Prozent.

Fast die Hälfte war schon mal im Puff

Das schlagendste Argument gegen ein Verbot ist jenes, das auch Angelini ins Feld führt: Drei Viertel der Teilnehmer befürchten, dass sich die Prostitution in den Untergrund verlagern würde und die Behörden den Rotlichtbetrieb kaum mehr kontrollieren könnten. 72 Prozent der Männer und 64 Prozent der Frauen finden, eine Frau solle sich prostituieren dürfen, wenn sie das wolle. Eine Mehrheit ist auch der Überzeugung, dass es ohne Prostitution mehr sexuelle Übergriffe gäbe.

15 Prozent der Männer machen eigennützige Argumente geltend: Sie wollen schlicht nicht auf Besuche bei Prostituierten verzichten. Überhaupt scheinen viele Umfrageteilnehmer das Rotlichtmilieu aus eigener Erfahrung zu kennen. 46 Prozent der Männer waren bereits mindestens einmal bei einer Prostituierten. Bei den Frauen nahmen 10 Prozent die Dienste eines Callboys in Anspruch.

Frauen sind eher fürs Schweden-Modell

Das Hauptargument der – wenigen – Verbotsbefürworter stammt aus der Küche der Feministinnen: Drei Viertel finden, die Prostitution diene der Unterdrückung der Frauen. Doch es gibt auch eine konservative Argumentationslinie – für 53 Prozent ist Prostitution schlicht unmoralisch.

Danach gefragt, wer denn bestraft werden soll, wenn es zu bezahltem Sex kommt, ist für 63 Prozent klar: niemand. Nur jeder Zwanzigste will die Prostituierte belangen, immerhin jeder Dritte den Zuhältern. Den Freier strafen, wie das Schweden praktiziert, möchten nur 10 Prozent. Bei Frauen ist dieses Modell jedoch deutlich beliebter: Fast jede vierte spricht sich dafür aus.

Jagd auf Freier kontraproduktiv

EVP-Präsidentin Marianne Streiff weibelt vor allem deshalb für das schwedische Modell, weil es helfe, den Menschenhandel zu bekämpfen. Diese Hoffnung teilen die 20-Minuten-Leser jedoch nicht: Eine Mehrheit denkt, dass eine Jagd auf die Freier kontraproduktiv wäre und den Frauenhandel nur noch verschlimmern würde.

Die liberale Einstellung der Umfrage-Teilnehmer zur Prostitution hat jedoch Grenzen. 10 Prozent fordern in jedem Fall eine Bestrafung für Männer, die mit Zwangsprostituierten Sex hatten. Für weitere zwei Drittel ist eine Strafe dann angemessen, wenn der Freier die Zwangslage der Frau hätte erkennen können – aber dennoch ihren Körper kaufte.

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