Cybergrooming: «Viele haben das Gefühl, das Internet sei ein rechtsfreier Raum»
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Cybergrooming«Viele haben das Gefühl, das Internet sei ein rechtsfreier Raum»

Laut einem Medienpsychologen ist das Problem von Cybergrooming im Lockdown nur noch gewachsen. Das unternehmen die Social-Media-Plattformen dagegen.

von
Dominique Zeier
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Cybergrooming hat während des Lockdowns zugenommen.

Cybergrooming hat während des Lockdowns zugenommen.

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Das weiss Medienpsychologe Daniel Süss.

Das weiss Medienpsychologe Daniel Süss.

ZHAW
Das ist gefährlich, da Jugendliche und Kinder potenziell private Informationen oder persönliche Bilder preisgeben können, wenn sie nicht genügend aufgeklärt sind. 

Das ist gefährlich, da Jugendliche und Kinder potenziell private Informationen oder persönliche Bilder preisgeben können, wenn sie nicht genügend aufgeklärt sind.

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Darum gehts

  • Jugendliche und Kinder sind im Internet immer wieder mit ungewollten Kontaktanfragen bis hin zu Cybergrooming konfrontiert.

  • Dies kann gefährlich werden, wenn die Betroffenen nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

  • Das Problem hat sich laut einem Medienpsychologen im Lockdown noch verstärkt.

  • Die Social-Media-Unternehmen gehen aber aktiv gegen Cybergrooming auf ihren Plattformen vor.

Jennifer ist 14 Jahre alt und geht mit ihren Freundinnen gerne auf Chat-Seiten im Internet. Die Jugendlichen machen sich dort einen Spass daraus, mit Fremden zu schreiben – bis Jennifer einen Mann kennen lernt, der sich als 28-Jähriger mit Verbindungen zu einer Model-Agentur ausgibt. Die beiden schreiben sich immer wieder und es kommt sogar zu einem Treffen. Der Unbekannte stellt sich als 41-jähriger Mann heraus und bereits bei der ersten Begegnung kommt es zu sexuellen Übergriffen auf die Minderjährige. Jennifer ist Opfer eines Cyber-Groomers geworden.

Das Beispiel, das Stern TV beschreibt, ist zwar schon einige Jahre alt, wie neueste Recherchen zeigen, ist das Problem heutzutage aber nur noch gewachsen. Denn als sich drei Schauspieler für den Sender als Minderjährige ausgeben und auf verschiedensten Social-Media-Seiten zu chatten beginnen, erhalten sie innerhalb von nur drei Tagen über 500 übergriffige, sexualisierte Kontaktanfragen.

«Situation kann schnell eskalieren»

«Im Internet haben viele Leute immer noch das Gefühl, sich in einem rechtsfreien Raum zu bewegen oder zumindest nicht leicht bei illegalen Handlungen entdeckt zu werden», erklärt Medienpsychologe Daniel Süss. «Anonyme Chats, Nicknames in Game-Clans, Fake-Profile auf sozialen Netzwerken und Dating-Apps haben einen enthemmenden Effekt.» Zudem bewegten sich die meisten Kinder und Jugendlichen neugierig und zum Teil wenig beaufsichtigt an verschiedensten digitalen Orten. All dies seien Voraussetzungen, die Cybergrooming begünstigen.

Dies zeige sich umso verstärkter in der Phase des Corona-Lockdowns, denn Kinder seien momentan noch intensiver als sonst online unterwegs und seien entsprechend auch häufiger als sonst mit sexueller Belästigung oder Cybergrooming konfrontiert. Für Minderjährige sei in dieser Situation einerseits sexuelle Aufklärung äusserst wichtig, andererseits aber auch ein gutes Vertrauensverhältnis zu den Bezugspersonen. So sollte es laut Süss jederzeit möglich sein, sich an diese zu wenden, wenn sich etwas unangenehm anfühlt oder irritiert. Ausserdem sei es wichtig, Fälle von Cybergrooming umgehend zu melden.

Medienpsychologe Daniel Süss

Medienpsychologe Daniel Süss

ZHAW

«Sie sollten zum Beispiel Screenshots der belästigenden Chats anfertigen und den Online-Kontakt sofort abbrechen», so Süss. Es sei wichtig, möglichst rasch zu reagieren, da eine solche Situation schnell eskalieren kann, wenn ein Kind persönliche Informationen oder private Bilder preisgegeben hat. «Eltern sollten dem Kind dann nicht Vorwürfe machen, sondern ihm klar zum Ausdruck bringen, dass es nicht Schuld trägt an den Belästigungen.» Denn Kinder und Jugendliche können in solchen Situationen Schuldgefühle und Scham entwickeln. Sie können ausserdem zu Mobbingopfern werden, wenn zum Beispiel Sexting-Bilder von ihnen im Netz auftauchen.

Instagram und Facebook

Aber nicht nur die Eltern, sondern auch die Unternehmen hinter den Social-Media-Plattformen müssen in Sachen Cybergrooming in Verantwortung gezogen werden. So gelten beispielsweise bei Facebook und Instagram klare und detaillierte Richtlinien gegen Nacktheit von Kindern und sexuelle Ausbeutung, wie Mediensprecher Johannes Prüller erklärt. Dazu gehöre beispielsweise, dass Inhalte, die Kinder explizit sexualisieren, verboten seien.

Ausserdem habe Facebook in erheblichem Masse in Technologien investiert, die illegale Inhalte so schnell wie möglich aufspüren und entfernen. «Wir nutzen beispielsweise Photo DNA – eine Technologie, die Bilder auf Facebook und Instagram scannt und bekannte Aufnahmen markiert, die in Zusammenhang mit Missbrauch von Minderjährigen stehen, damit wir Inhalte schnell entfernen können.», so Prüller. Man arbeite aber auch stark mit externen Experten wie dem NCMEC (National Center for Missing and Exploited Children) und Strafverfolgungsbehörden wie Interpol und der Bundeskriminalpolizei in der Schweiz zusammen.

Darüber hinaus bietet Facebook eine spezielle Plattform für Eltern an, wo sie Erklärungen zu den Sicherheitsfunktionen und Ressourcen finden, die ihnen helfen, mit ihren Teenagern zu sprechen. Ein ähnlicher Leitfaden existiert auch für Instagram. Ausserdem hat Instagram angekündigt, die Kontaktanfragen von Erwachsenen an Nutzerinnen und Nutzer unter 18 Jahren einzuschränken. So sollen neu nur noch jene Personen Minderjährigen Direktnachrichten schicken können, die deren Accounts bereits folgen.

Sicherheit auf Tiktok

Das Thema Sicherheit ist auch für das Unternehmen Tiktok äusserst wichtig, wie Mediensprecherin Elisa Pee bestätigt. «Grundsätzlich empfehlen wir Eltern, eine aktive Rolle bei der TikTok-Nutzung ihres Teenagers zu übernehmen.» Dafür stehen bei Tiktok ebenfalls verschiedenste Online-Tools zur Verfügung. Ausserdem sei es Eltern möglich, die Tiktok-Erfahrung ihrer Kinder über den «Begleiteten Modus» zu regulieren. «Nach dem Download der Tiktok-App und dem Aktivieren des Begleiteten Modus stellen Eltern gemeinsam mit ihren Kindern die Bildschirmzeit, Kontaktmöglichkeiten und Filterung des «For You»-Feeds ein», erklärt Pee.

Darüber hinaus hat Tiktok anfangs diesen Jahres angekündigt, verschiedenste Einschränkungen für Accounts von Unter-16-Jährigen einzuführen. Dazu gehört beispielsweise, dass die betroffenen Profile automatisch auf privat gestellt werden und dass die Videos dieser Accounts anderen Nutzerinnen und Nutzern nicht mehr vorgeschlagen werden.

Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Castagna, Opferhilfe für Betroffene und Angehörige

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Opferberatungsstelle Kinderspital Zürich

Pro Juventute, Tel. 147

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du beim Institut Forio.

Digital-Push

Wenn du den Digital-Push abonnierst, bist du über News und Gerüchte aus der Welt von Whatsapp, Snapchat, Instagram, Samsung, Apple und Co. informiert. Auch erhältst du Warnungen vor Viren, Trojanern, Phishing-Attacken und Ransomware als Erster. Weiter gibt es Tricks, um mehr aus deinen digitalen Geräten herauszuholen.

So gehts: Installiere die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippe unten rechts auf «Cockpit», dann «Einstellungen» und schliesslich auf «Push-Mitteilungen». Beim Punkt «Themen» tippst du «Digital» an – et voilà!

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