Aktualisiert 20.10.2011 11:44

Roland Emmerich«Shakespeare? Ein Schwindler!»

Da will uns ein deutscher Action-Regisseur weismachen, der bedeutendste Literat aller Zeiten habe gar nicht existiert. Der Brüller ... oder ist an seinen Theorien gar etwas dran?

von
Oliver Baroni

Roland Emmerich, Regisseur von Blockbustern wie «The Day After Tomorrow» oder «Independence Day», gefällt sich neuerdings als Literaturwissenschaftler. Und so wartet er gleich mit der sensationsträchtigen These auf, dass alle unter dem Namen William Shakespear erschienenen Werke nicht von Shakespeare selbst stammen, sondern von einer anderen Person. Können Legionen hochangesehener Anglistikprofessoren tatsächlich irren und ein Action-Regisseur am Ende Recht haben?

Graf Shakespeare?

Zu Emmerichs Verteidigung muss gesagt werden, dass die Verschwörungstheorie um die Autorenschaft der Shakespeare-Werke eine gewisse Tradition vorweisen kann. Seit dem 19. Jahrhundert argumentieren einige wenige Unbeugsame, es gebe allzu grosse Lücken in den historischen Aufzeichnungen von Shakespeares Leben und es sei kein von ihm geschriebener Brief erhalten oder bekannt. Somit sei Shakespeare in Wahrheit ein Pseudonym für einen anderen Dichter, so die These. Seit einer Veröffentlichung des Lehrers J. Thomas Looney im Jahr 1920 wird demnach Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, als «echter» Shakespeare portiert.

Genau hier knüpft der neue Emmerich-Film, «Anonymous», an. Der Erfolgs-Regisseur mischt gekonnt einige politische Intrigen, verbotene Romanzen am königlichen Hof und machthungrige Aristokraten bei, um einen rasanten Thriller abzuliefern.

Trailer: «Anonymous»

Historische Perspektive ausgeblendet

Die Tatsache, dass die obengenannte «oxfordianische» Theorie von der gesamten etablierten Shakespeare-Forschung verworfen wird, stört Emmerich offenbar herzlich wenig. Zu gut ist das Material, um nicht einen Film daraus zu machen. Und so sitzt er nun da, der erfolgreichste Europäer Hollywoods, in einem Promo-Video zum Kinostart von «Anonymous» und listet in zuweilen schwer verständlichem Deutsch-Englisch zehn «Gründe» auf, weshalb Shakespeare ein Schwindler sein muss. Hier eine Auswahl seiner Thesen:

Obwohl seine Eltern beide Analphabeten waren, benutzte Shakespeare zu Lebzeiten den grössten Englisch-Wortschatz aller Zeiten. Merkwürdig nur, dass seine beiden Kinder Susanna und Judith weder lesen noch schreiben lernten.

«Die grösste literarische Schatzsuche» der Geschichte konnte keine einzige handgeschriebene Zeile Shakespeares erbringen.

Shakespeare beschreibt italienische Städte, das französische Hofleben und die Sitten und Bräuche fremder Länder – doch es existiert kein einziger Nachweis, wonach Shakespeare England je verlassen hat.

In seinem Testament erwähnt er mit keinem Wort irgendwelche Bücher oder Manuskripte. Kann ihm sein Lebenswerk dermassen gleichgültig gewesen sein?

Im Alter von 46 Jahren setzte sich Shakespeare zur Ruhe und kehrte nach Stratford-upon-Avon zurück, wo er bis an sein Lebensende kein Gedicht, kein einziges Sonnett mehr schrieb.

Man muss kein Literaturwissenschaftler sein, um zu erkennen, dass hier mit verschiedenen Ellen gemessen wird: Emmerich wendet moderne Wert- und Moralvorstellungen und subjektive Ansichten auf eine historische Figur an, die er nicht persönlich gekannt hat. Unverständlich, dass Shakespeare seinen Töchtern das Lesen und Schreiben nicht beigebracht hat? Aus heutiger Sicht gewiss - im elisabethanischen England war das aber der Normalfall. Und: Selbst wenn Shakespeare nie nach Italien reiste, sollte es dennoch möglich gewesen sein, akkurate Beschreibungen über die dortigen Sitten zu bekommen. Recherche nennt man das, Herr Emmerich.

Emmerich, Künstler des Untergangs

«Ich persönlich glaube, dass Schreiben von Herzen kommt und so frage ich mich, weshalb kein einziges Bühnenstück oder Gedicht das Leben des Mannes von Stratford reflektiert», sagt Emmerich, sichtlich um Rührung bemüht. «Nennt mich ruhig einen Romantiker, aber ich glaube, dass grosse Künstler von ihrem eigenen Leben inspiriert werden» - wie bei Roland Emmerich, der eine Alien-Invasion, eine Eiszeit und die Ankunft eines Riesen-Sauriers in New York am eigenen Leib erlebte, um sie danach kunstvoll auf Zelluloid zu bannen ...

Übrigens, die Kommentar-Funktion wurde beim YouTube-Video entfernt. Nicht aber bei 20 Minuten Online ...

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