Wirksame Proteste: Shell gibt strittiges Biosprit-Projekt auf
Aktualisiert

Wirksame ProtesteShell gibt strittiges Biosprit-Projekt auf

Die brasilianische Shell-Tochter Raizen will künftig kein Zuckerrohr mehr beziehen, das auf dem Land der Guaraní angebaut wurde. Ein Lichtblick für das bedrängte Indianer-Volk.

von
dhr

Die Biosprit-Firma Raizen hat sich aus einem umstrittenen Geschäft zurückgezogen. Das 2010 als Joint Venture von dem Ölkonzern Shell und dem brasilianischen Biotreibstoff-Konzern Cosan gegründete Unternehmen verpflichtet sich, nach dem 25. November kein Zuckerrohr mehr zu erwerben, das im Gebiet der Guaraní-Indianer angebaut wurde. Der Rückzieher der Firma erfolgt nach einer Protestkampagne der betroffenen Guaraní und der Organisation Survival International.

Raizen verwendet das Zuckerrohr für eine Biodiesel-Anlage. Ein Teil davon wird aber auf Feldern im südlichen Bundesstaat Mato Grosso do Sul angebaut, die eigentlich den Guaraní gehören. Doch Viehzüchter und Zuckerrohr-Plantagenbesitzer haben die indigenen Bewohner fast aus dem gesamten Gebiet vertrieben. Regelmässig heuern sie bewaffnete Männer an, die in ihrem Auftrag die Anführer der Guaraní beseitigen, wie Survival International berichtet. Zudem sind mittlerweile zahlreiche Flüsse in dem Gebiet mit Pflanzenschutzmitteln verseucht.

«Brasiliens Biotreibstoff ist mit indigenem Blut gefärbt»

Möglicherweise wird mit dem Entscheid von Raizen, kein Zuckerrohr mehr von Land zu beziehen, das «vom Justizministerium als indigen erklärt wird», eine Wende zum Besseren eingeläutet. Die Biosprit-Firma hat einen entsprechenden Vertrag mit der Fundação Nacional do Indio (FUNAI), der Organisation zum Schutz der indigenen Bevölkerung, unterzeichnet. Ein Sprecher der Firma sagte gegenüber Survival International: «Mit unserem Rückzug möchten wir ein gutes Beispiel für andere Unternehmen setzen.» Raizen versprach auch, FUNAI zu konsultieren, um weitere Investitionen oder Ausweitungen in Gebieten zu vermeiden, die als indigen erklärt werden könnten.

Stephen Cory, der Direktor der Nichtregierungsorganisation, kommentierte den Entscheid der Shell-Tochter mit deutlichen Worten: «Raizens Entscheidung ist eine ausgezeichnete Nachricht für die Guaraní, die man am Strassenrand hat sterben lassen und die durch die Zuckerrohr-Produktion von ihrem Land vertrieben wurden.» Andere Unternehmen müssten nun dem Beispiel von Raizen folgen. Der Diebstahl am Land der Guaraní dürfe nicht mehr finanziert werden. «Es wird Zeit, dass die Welt aufwacht und feststellt, dass Brasiliens Biotreibstoff mit indigenem Blut gefärbt ist», sagte Cory.

Die Guaraní

Die Guaraní sind ein indigenes Volk, das bereits vor der Ankunft der Europäer als Ackerbauern im mittleren Südamerika siedelte. Schätzungsweise lebten damals 1,5 Mio. Guaraní in einem Gebiet von 350 000 km². Heute sind ihre Siedlungsgebiete über die Staaten Paraguay, Bolivien, Argentinien, Brasilien und Uruguay verteilt. In Brasilien bilden die in drei Untergruppen aufgeteilten Guaraní (Kaiowá, Ñandeva und M’byá) mit etwa 43 000 Menschen das grösste indigene Volk des Landes.

Viele von ihnen leben unter entsetzlichen Bedingungen, in überfüllten Reservaten oder in Lagern am Strassenrand. Sie zählen zu den am meisten verfolgten und verarmten indigenen Völkern Südamerikas. Durch die Abholzung der Wälder wurde ihr fruchtbares Heimatland zu einem Ödland aus Viehweiden und Zuckerrohrplantagen für Brasiliens Biotreibstoff-Industrie. Es gibt daher kaum mehr genug Land für die Guaraní, um Getreide oder Früchte anzubauen. Die Waldzerstörung hat auch das Jagen und Fischen unmöglich gemacht, so dass Unterernährung ein ernsthaftes Problem darstellt.

(Wikipedia/Survival International)

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