Aktualisiert 11.05.2020 17:22

Schlangen vor Luxus-Shops«Shopping ist ein Ventil in der Corona-Depression»

Vor den Läden in der Zürcher Bahnhofstrasse bildeten sich am Montag lange Schlangen. Zwei Konsumexperten erklären, wieso die Lockdown-Lockerung Konsumenten in den Kaufrausch versetzt.

von
Daniel Graf
Menschen im Kaufrausch

An der Zürcher Bahnhofstrasse geniessen die Menschen die Möglichkeit, wieder shoppen zu gehen.

Video: Daniel Graf

Darum gehts

  • Nachdem am Montag viele Läden wieder aufgingen, bildeten sich teils lange Schlangen – gerade vor Luxus-Shops.
  • Zwei Konsumexperten erklären, weshalb die Menschen sich so schnell wie möglich wieder ins Shopping-Erlebnis stürzen.
  • Bei einigen Menschen wird die Corona-Krise das Einkaufsverhalten nachhaltig verändern.
  • Trotz der heutigen Euphorie ist die Konsumentenstimmung nach wie vor im Keller.

Die Öffnung vieler Läden hat am Montagmorgen Massen von Menschen in die Zürcher Bahnhofstrasse und an andere Shopping-Hotspots gelockt. Gerade vor Luxus-Shops wie Louis Vuitton, Gucci oder Bucherer bildeten sich lange Schlangen. Christian Fichter, Wirtschaftspsychologe mit Schwerpunkt Konsumforschung an der Kalaidos-Fachhochschule, bringt dieses Phänomen so auf den Punkt: «Viele Menschen befriedigen jetzt die Konsumwünsche, welche sie während des Lockdown aufschieben mussten.»

Auch Marta Kwiatkowski, Konsumforscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut, sagt: «Es ist ähnlich wie bei der Öffnung der Baumärkte: Jetzt, wo vieles wieder aufgeht, ist eine grosse Anfangseuphorie feststellbar, bei den Menschen hat sich einiges aufgestaut.» Gerade bei Luxusgütern gehört laut Fichter das Shopping-Erlebnis einfach dazu: «Hier ist der Online-Anteil noch deutlich kleiner als bei anderen Konsumgütern.»

Christian Fichter ist Forschungsleiter und Leiter des Instituts für Wirtschaftspsychologie an der Kalaidos-Fachhochschule. Er befasst sich mit den psychologischen Grundlagen wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind Konsum, Mobilität, Image, soziale Kognition und evolutionäre Grundlagen wirtschaftlichen Verhaltens.

Christian Fichter ist Forschungsleiter und Leiter des Instituts für Wirtschaftspsychologie an der Kalaidos-Fachhochschule. Er befasst sich mit den psychologischen Grundlagen wirtschaftlichen und sozialen Verhaltens. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind Konsum, Mobilität, Image, soziale Kognition und evolutionäre Grundlagen wirtschaftlichen Verhaltens.

«Shopping ist ein Frustventil»

Dazu komme, dass die Menschen nach der «Lockdown-Depression» auch ein wenig Übermut verspüren dürften: «Es ist Mai, der Frühling ist da, die Corona-Prognosen sind gut, die Läden wieder offen – für einige ist das Shopping-Erlebnis ein Ventil, um den angestauten Frust abzubauen», ist Fichter überzeugt.

Die Konsumforscher sind sich aber einig: «Es ist nicht davon auszugehen, dass die Konsumlust der Menschen sich von 0 auf 100 erholt.» Das zeigen auch die jüngsten Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco, siehe Box).

Euphorie hält wohl nicht an

Konsumentenstimmung auf historischem Tiefstand

Die Stimmung der Schweizer Konsumenten ist so schlecht wie seit den frühen 90er-Jahren nicht mehr, als die Immobilienkrise die Schweizer Wirtschaft in eine tiefe Depression stürzte. Das zeigen Befragungen des Seco, die jüngsten Zahlen wurden vor wenigen Tagen veröffentlicht. «Die Erwartungen der Befragten für die allgemeine Wirtschaftsentwicklung haben sich im April stark verschlechtert», heisst es in der entsprechenden Medienmitteilung. Auch die Erwartungen an den Arbeitsmarkt hätten sich getrübt, und die Arbeitsplatzsicherheit wird schlechter beurteilt. Auch bezüglich ihres eigenen Budgets stellen sich die Konsumenten auf schlechte Zeiten ein.

«Konsumverhalten wird sich nachhaltig verändern»

Während einige es also geniessen, endlich wieder ausgiebig shoppen zu können, wird die Krise andere wohl dazu gebracht haben, den eigenen Konsum zu überdenken. Christian Fichter ist überzeugt, dass die Einschränkungen während der Corona-Krise das Kaufverhalten nachhaltig verändern werden: «Den Menschen wurde ein Spiegel vorgehalten: Brauche ich dieses Produkt wirklich, oder kann ich darauf verzichten? Gibt es Alternativen? Investiere ich meine Zeit und mein Geld nicht lieber in ein Erlebnis anstatt in ein Statussymbol? Solche Fragen werden die Menschen sich vermehrt stellen, und das wird sich im Konsumverhalten widerspiegeln.»

Das ist laut Fichter aber nicht nur positiv: «Es gibt auch Menschen, die gemerkt haben, dass sie auf den Konsum von Sport, Kultur oder auf Restaurantbesuche verzichten können. Diese Branchen könnten die Verlierer des Corona-bedingten Umdenkens werden.»

Marta Kwiatkowski Schenk ist Senior Researcher und Deputy Head Thinktank am Gottlieb- Duttweiler-Institut. Sie analysiert gesellschaftliche, wirtschaftliche sowie technologische Veränderungen.

Marta Kwiatkowski Schenk ist Senior Researcher und Deputy Head Thinktank am Gottlieb- Duttweiler-Institut. Sie analysiert gesellschaftliche, wirtschaftliche sowie technologische Veränderungen.

«Regionale Produkte werden profitieren»

Für Kwiatkowski kommt noch ein weiterer Aspekt dazu: «Den Menschen wurde in der Krise vor Augen geführt, wie stark die globale Wirtschaft von den Entscheidungen der Konsumenten abhängt.» Sie nennt ein Beispiel: «Weil wir im Homeoffice keine neuen Kleider brauchen und die Nachfrage zusammenbrach, hatten plötzlich die Näherinnen in Bangladesh keine Arbeit mehr.»

Das Erkennen solcher Zusammenhänge kann das Konsumverhalten der Menschen laut der Konsumforscherin ebenfalls beeinflussen: «Der Trend, regional einzukaufen, wird sicherlich davon profitieren.» Die Menschen hätten aber auch festgestellt, wie bequem und einfach es sei, Dinge online zu bestellen: «Der Strukturwandel weg vom stationären Handel wird beschleunigt», sagt Kwiatkowski.

«Lieblingsrestaurant unterstützen»

Die Experten können sich auch gut vorstellen, dass die Schweizer ihr Geld vermehrt wieder im eigenen Land ausgeben werden: «Die Menschen wissen, dass es ihre Ausgaben braucht, um das Lieblingsrestaurant oder den Dorfladen zu unterstützen», sagt Kwiatkowski.

Fichter ergänzt: «Die Forschung zeigt, dass Gruppen, sobald sie unter Druck geraten, einen stärkeren Zusammenhalt entwickeln. Das ist bei den Konsumenten nicht anders: Jetzt, wo wir merken, dass es unseren Konsum braucht, um die hiesige Wirtschaft anzukurbeln, werden wir automatisch vermehrt inländische Produkte und Dienstleistungen konsumieren.»

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61 Kommentare
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Trauriges Kapitel

19.05.2020, 07:26

So weit sind wir nun schon. Die doofen, unsinnigen und überteuerten Produkte werden euer Loch im Inneren auch nicht stopfen. Geld macht nicht glücklich: Eigentlich einfach, aber die Schweiz wird das noch zu lernen haben in Zukunft. Ich wünsche uns eine zweite heftigere Welle, die endlich alle aufwachen lässt und uns zu dem Eigentlichen zurückbringt.

blume

12.05.2020, 12:32

@samira ...... sie meinen wohl beneidenswert .......... so einfache gemüter kommen leichter durchs leben ....... leider verursacht dummheit keine schmerzen

Schein Heilig

12.05.2020, 12:12

Zum einen werden Leute als konsumgeil betitelt, aber gleichzeitig wird gejammert, wenn in der Schweiz nicht eingekauft wird und die Wirtschaft zu Grunde geht.