Aktualisiert 14.06.2013 10:28

Schrei vor Sucht!

Shopping-Wahn treibt Schweizer in die Klinik

In Schweizer Kliniken landen immer mehr meist junge Patienten, deren Einkaufsverhalten ausgeartet ist. Die Online-Bestellservices haben das Problem deutlich verschärft.

von
hal
Shopping-Süchtige kaufen massenhaft Waren, die sie nicht brauchen – und die dann unbenutzt gestapelt werden.

Shopping-Süchtige kaufen massenhaft Waren, die sie nicht brauchen – und die dann unbenutzt gestapelt werden.

Seiten wie Zalando oder Net-a-Porter verwandeln jedes Wohnzimmer in ein Shoppingparadies - mit gravierenden Folgen: Die Zahl der Kaufsüchtigen nimmt stetig zu. Vor zwanzig Jahren waren 2,5 Prozent Prozent der Schweizer und Schweizerinnen kaufsüchtig. Heute rechnen Experten mit sechs bis sieben Prozent, also mit rund 500'000 betroffenen Bürgern. Zum Vergleich: An Glücksspielsucht, einem durchaus bekannteren Phänomen, leiden gerade Mal zwei Prozent der Schweizer.

«Kaufsucht wird stiefmütterlich behandelt, sie wird nicht ernst genommen», sagt Renato Poespodihardjo, Leiter der Abteilung für Verhaltenssüchte der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Seine Klinik erkannte das Problem und nahm 2009 eine Therapie für Kaufsüchtige ins Angebot. Die Zahl der Patienten, die dieses nutzen, hat sich in den letzten beiden Jahren verfünffacht.

Schulden und Entzugserscheinungen

Auch in der Suchtklinik im Hasel in Gontenschwil AG wird vermehrt Kaufsucht diagnostiziert. «Die Patienten sind wegen ihres Alkohol- oder Drogenproblems bei uns. Dass sie zusätzlich an Kaufsucht leiden, merken wir, wenn ständig Zalando-Päckchen geliefert werden», sagt die leitende Ärztin Iris Klausmann. Viele der Betroffenen würden an einer Online-Kaufsucht leiden. Das Internet ist anonym, das Objekt der Begierde – bei Frauen sind dies meist Kleider und Kosmetik, bei Männern Hightech-Geräte, Autozubehör oder teure Weine - wird mit einem simplen Doppelklick zum Besitz.

Wenn der Kaufleidenschaft nicht nachgelebt werden kann, entstehen Entzugserscheinungen wie Herzrasen, Schweissausbrüche, innere Unruhe und Depressionen. Kaufsüchtige haben schon kurz nach dem letzten Einkauf wieder das unwiderstehliche Verlangen, auf Internetseiten nach neuen Produkten zu stöbern. Die gekaufte Ware stapelt sich dann zu Hause. Oft bleibt sie verpackt und unbenutzt liegen.

Die Shopping-Süchtigen nehmen auch massive Schulden in Kauf. «Einige Kaufsüchtige sind im hohen fünfstelligen Bereich verschuldet und stöbern trotzdem weiterhin in Onlineshops», sagt Poespodihardjo. Entlarvt werden sie dennoch selten. Erst wenn Kaufsüchtige Privatkonkurs anmelden müssen oder anfangen zu klauen und dabei erwischt werden, werde das Umfeld aufmerksam.

Zunehmend Männer betroffen

Vor allem Frauen leiden an der Krankheit. Erst ein Drittel der Kaufsüchtigen ist männlich. Aber das Verhältnis werde sich angleichen, immer häufiger seien auch Männer betroffen, sagt Poespodihardjo, «weil sie Online-Shops bevorzugen, ein Angebot, das täglich grösser wird». Bis die Sucht erkannt wird, dauert es meist sehr lange, auch weil Shopping nicht als negativ bewertet wird. Gibt man Kaufsucht bei der Bildersuche von Google ein, erscheinen attraktive Frauen mit hochhackigen Schuhen und vielen Einkaufstaschen.

Gefeit sei niemand gegen Kaufsucht. Es ist eine Erkrankung des Gehirns. «Das hat nichts mit Charakterschwäche zu tun», sagt Poespdihardjo. Er hofft, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt und enttabuisiert wird. Therapiemöglichkeiten gäbe es noch zu wenige. Online-Beratungen werden aber immer häufiger angeboten. Bei der Hilfe ist es wie beim nächsten Schnäppchen – sie ist nur einen Doppelklick entfernt.

«Ersatz für Zuwendung»

Ab wann ist man kaufsüchtig?

Wer einmal einen Frustkauf macht, ist noch nicht kaufsüchtig. Aber wenn der unwiderstehliche Drang besteht, zu kaufen und wenn negative Gefühle aufkommen, wenn man dem nicht nachkommen kann, spricht man von Kaufsucht. Auch wenn jemand seine Kinder vernachlässigt oder oft früher bei der Arbeit geht, um shoppen zu gehen, ist das ein Indiz.

Warum wird jemand kaufsüchtig?

Personen, die Kaufen als sehr lustvoll empfinden und zudem Mühe haben, ihr Verhalten zu kontrollieren, können eine Kaufsucht entwickelt. Auch Stress bei der Arbeit kann die Sucht fördern. Manche Kaufsüchtige sagen, dass Kaufen für sie ein Ersatz für Zuwendung und Anerkennung ist.

Wer ist am stärksten betroffen?

Junge Leute sind deutlich mehr betroffen als ältere und junge Frauen nochmals stärker. In der Phase der Pubertät wollen sie weiblich wirken, mit Freundinnen shoppen zu gehen ist für sie sehr wichtig.

Was ist der Unterschied zu anderen Süchten?

Im Gegensatz zu einer Drogen- oder Alkoholsucht, die in der Schweiz nicht gefördert oder gar bestraft wird, ist beim Kaufen das Gegenteil der Fall. Konsum ist gesellschaftlich erwünscht, weil es die Konjunktur belebt. Wir werden auch über die Produkte, die wir konsumieren, bewertet. Wer kaufsüchtig ist, fällt sehr spät negativ auf.

Was kann man gegen Kaufsucht tun?

Kaufsüchtigen empfehle ich, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, um den Ursachen der Kaufsucht auf den Grund zu gehen. Es gibt auch Leute, die sich dadurch, dass sie ihre Schulden sanieren müssen, von der Kaufsucht lösen können.

Verena Maag ist Soziologin und Autorin des Buches «Kaufsucht in der Schweiz». (hal)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.