Aktualisiert 24.04.2020 14:04

Kardiologe warnt

«Nun Nikotinpflaster zu verwenden, ist gefährlich»

Laut französischen Forschern könnte Nikotin verhindern, dass das Coronavirus im menschlichen Körper andockt. Kardiologe Frank Ruschitzka ist skeptisch.

von
Fee Anabelle Riebeling
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USZ-Kardiologe Frank Ruschitzka warnt davor, aus Angst vor Sars-CoV-2 prophylaktisch zu Nikotinpflastern zu greifen. Grund ist eine Studie aus Frankreich.

USZ-Kardiologe Frank Ruschitzka warnt davor, aus Angst vor Sars-CoV-2 prophylaktisch zu Nikotinpflastern zu greifen. Grund ist eine Studie aus Frankreich.

Getty Images/iStockphoto
Laut dieser könnte Nikotin die Ausbreitung des Corona-Virus im Körper hemmen.

Laut dieser könnte Nikotin die Ausbreitung des Corona-Virus im Körper hemmen.

KEYSTONE
Konkret soll das Nikotin das Virus daran hindern, an den Zellrezeptoren anzudocken.

Konkret soll das Nikotin das Virus daran hindern, an den Zellrezeptoren anzudocken.

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Darum gehts

  • Französische Forscher wollen prüfen, ob Nikotin den menschlichen Körper vor Sars-CoV-2 schützt.
  • Dafür sollen die Probanden unterschiedlich dosierte Nikotinpflaster erhalten.
  • Ein Schweizer Kardiologe ist skeptisch, ihm fehlen wissenschaftliche Belege für den Ansatz.
  • Er warnt davor, vorsorglich zu Nikotinpflastern zu greifen: Das könnte gefährlich werden – besonders für Nichtraucher.

Nachdem in einer Studie überraschend wenig Raucher unter den untersuchten Covid-19-Patienten waren, hegen französische Forscher den Verdacht, dass Nikotin den menschlichen Körper vor dem Coronavirus schützen könnte. Ihre Hypothese: Das Nikotin haftet an den Zellrezeptoren an, die auch vom Coronavirus genutzt werden. Indem es diese besetzt, könnte es das Virus vom Eindringen in den Körper abhalten.

Zufall oder Zusammenhang?

Auf das Ergebnis gespannt, ist auch Frank Ruschitzka, Leiter des Universitären Herzzentrums am Universitätsspital Zürich – in mehrfacher Hinsicht. Denn für ihn ist bereits die geringe Anzahl Raucher bei den Infizierten eine Überraschung: «Laut unseren Beobachtungen haben Raucher mehr Probleme, schwerere Covid-19-Verläufe und auch ein höheres Sterberisiko.» Entsprechend könne er nur davon abraten, weiterzurauchen.

Die unterschiedlichen Beobachtungen könnten verschiedene Gründe haben, so der Kardiologe. «Das ist eine sehr kleine, statistisch wenig aussagekräftige Studie, die höheren wissenschaftlichen Ansprüchen nicht gerecht wird. So könnten die Zahlen auch auf einem Zufall beruhen.» Die Vermutungen der Pariser Kollegen beruhten auf den Angaben von nur 22 Rauchern unter den befragten Covid-19-Patienten. «Hier können schon kleine Abweichungen die Statistik verzerren. Es wäre auch wichtig zu erfahren, ob die Probanden starke, gelegentliche oder ehemalige Raucher waren. Darüber erfahre ich in der Studie nichts.»

Frank Ruschitzka ist Leiter des Universitären Herzzentrums am Universitätsspital Zürich.

Frank Ruschitzka ist Leiter des Universitären Herzzentrums am Universitätsspital Zürich.

«Fragwürdiges Vorgehen»

Ruschitzka tut sich auch schwer, der Hypothese seiner französischen Kollegen zu folgen. «Es ist sicher eine interessante Überlegung, aber man muss dann auch fragen, ob das biologisch Sinn macht. Und das macht es aus meiner Sicht nicht», so der Experte. Er lasse sich aber gerne überraschen. «Wenn man zeigt, dass das Nikotin am Rezeptor blockierend eingreift, wäre das sehr gut.» Ob es dann den Patienten auch helfe, müsse dann erst noch gezeigt werden. Dieser Nachweis bezüglich Wirksamkeit und vor allem auch Sicherheit liege aktuell nicht vor.

Er kritisiert aber das Vorgehen der Franzosen. «Besonders in Zeiten wie diesen, in denen viele Menschen nach jedem Grashalm greifen würden, um sich vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 zu schützen, hätte ich mir gewünscht, dass die Kollegen aus Frankreich ihre Hypothese zuerst bei einer Fachzeitschrift einreichen, begutachen lassen und erst dann publizieren, anstatt direkt an die Presse zu gehen.»

So arbeiten Forscher

Um neue Erkenntnisse unters Volk zu bringen, publizieren Forscher ihre Studien in Fachzeitschriften (Journals). Dafür arbeiten sie zunächst ein Manuskript aus, den sie der Fachzeitschrift vorlegen. Nimmt dieses den Entwurf an, findet die Begutachtung, das sogenannte Peer-Review statt. Das heisst: In der Regel anonyme und unabhängige Fachkollegen begutachten die Arbeit, kritisieren und machen Anmerkungen. Dies dient der Qualitätssicherung. Dann wird die Arbeit an die Autoren zurückgesandt, welche sie überarbeiten. Dieses Vorgehen kann sich einige Male wiederholen. Abschliessend wird die Arbeit im Journal publiziert.

Wohin voreilige Vermutungen führen können, zeigt das Beispiel Hydroxychloroquin. Nachdem US-Präsident Donald Trump das eigentliche Malariamittel als «Geschenk Gottes» gepriesen hatte, kam es in der Folge zu Berichten von schweren, sogar tödlichen Nebenwirkungen.

So hatten einige Menschen direkt gehandelt und das Medikament prophylaktisch eingenommen – ohne dass es Studien dazu gegeben hätte. Die erscheinen erst jetzt und zeigen: Der Stoff ist bei Covid-19 wirkungslos und kann – hochdosiert oder in Kombination mit anderen Präparaten – schwere Nebenwirkungen auslösen.

Der Kardiologe warnt darum auch davor, sich schon jetzt prophylaktisch mit Nikotinpflastern eindecken. «Das halte ich für gefährlich, da Nikotin eine Menge Kreislaufeffekte hat – nicht nur, aber besonders für Nichtraucher», so Ruschitzka. «Wenn diese jetzt Nikotin aufnehmen, kann es zu schnellerem Herzschlag, Schwindel, Kopf- und Muskelschmerzen, Übelkeit und Erbrechen kommen.»

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