Ronja von Wurmb-Seibel: «Sich News zu verschliessen, ist ein Privileg»
Die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel untersucht in ihrem Buch die negativen Auswirkungen, die ständige negative News auf uns haben.

Die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel untersucht in ihrem Buch die negativen Auswirkungen, die ständige negative News auf uns haben.

Schenck
Publiziert

Nachhaltiger Newskonsum«Sich News zu verschliessen, ist ein Privileg»

In ihrem neuen Buch erklärt die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel, warum sie nur noch selten Newsportale checkt. Und warum das ein Luxus ist.

von
Geraldine Bidermann

Früher war die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel permanent auf der Suche nach Ungerechtigkeiten und Missständen. Bis sie selber ihren Newskonsum radikal einschränkte – und darüber ein Buch schrieb.

«Wie wir die Welt sehen», von Ronja Wurmb-Seibel (Kösel-Verlag), 28.90 Franken bei Orellfüssli.ch.

«Wie wir die Welt sehen», von Ronja Wurmb-Seibel (Kösel-Verlag), 28.90 Franken bei Orellfüssli.ch.

Kösel Verlag

Frau von Wurmb-Seibel, wie sind Sie heute in den Tag gestartet?

Ziemlich entspannt. Ich habe mir den Luxus gegönnt, die letzten zwei Tage das Handy auszuschalten, und habe es erst heute um elf Uhr wieder eingeschaltet. 

Viele scrollen morgens als Erstes durch den News-Feed. Wann haben Sie das letzte Mal Nachrichten konsumiert?

Daran kann ich mich nicht erinnern. Wenn Sie mich fragen, was heute die drei wichtigsten, tagesaktuellen Themen in Deutschland sind, muss ich passen. Ich vermeide klassische Nachrichtensendungen und Tageszeitungen. Ich nehme mir viel lieber Zeit, aktiv zu einem Thema zu recherchieren, lese Hintergrundartikel, Sachbücher oder schaue mir Dokus an. Ich weiss natürlich, dass das viel Zeit kostet.

Über Ronja von Wurmb-Seibel

Ihr Entscheid, keine News mehr zu konsumieren, ist sehr einschneidend. Wie kam es dazu?

Nach dem Schauen der «Tagesschau» fühlte ich mich oft leer, konsterniert und antriebslos. Auch nach dem Checken von Newsportalen war ich nervös, überfordert und angespannt. In der Zeit, als Trump gewählt wurde, der Brexit stattfand und die AFD in den Bundestag einzog, habe ich dann aufgehört, Nachrichten zu konsumieren.

Ich fühlte mich oft leer.

Ronja von Wurmb-Seibel

Hat man als politisch interessierter Mensch keine Angst, etwas zu verpassen?

Nein. Vieles bekomme ich dann vom Hörensagen mit – und auch wenn nicht: Ich kann dazu stehen, dass ich nicht alles auf dem Schirm habe.

Ukraine-Krieg, Klimakrise, Schul-Schiessereien: Ist es nicht ein riesiges Privileg, sich News einfach entziehen zu können, die andere am eigenen Leib erfahren?

Absolut. Nur schon Zugang zu News zu haben, ist ein Privileg, das wir der Pressefreiheit in Europa zu verdanken haben. Sich diesen Nachrichten freiwillig zu verschliessen, ist ein noch grösseres. Aber was hilft es den Menschen vor Ort, wenn ich den ganzen Tag News konsumiere? Ich bin nicht dafür, die Augen vor schlimmen Dingen auf der Welt zu verschliessen, sondern dafür, handlungsfähig zu bleiben. Wer News nur konsumiert, um Leid anzuschauen, wird keine Veränderungen einleiten.

Sie setzen sich für konstruktiven Journalismus ein. Was versteht man darunter?

Während meiner Zeit als Korrespondentin in Afghanistan wurde mir schnell bewusst, dass es mir den Boden unter den Füssen wegzieht, wenn ich nur über Anschläge schreibe. Ich habe dann weiterhin über Probleme im Land geschrieben, aber mir vorgenommen, immer gleich auch Lösungsansätze und Hoffnungsschimmer zu präsentieren, am besten im gleichen Artikel.

Kennst du das Gefühl von Hilflosigkeit, wenn du News konsumierst?

Welche Tipps können Sie Menschen geben, die ihren Newskonsum etwas regulieren wollen?

Beobachten Sie sich einmal, nachdem Sie News konsumiert haben. Wie fühlen Sie sich? Ohnmächtig, erschöpft, verängstigt? Das könnten Zeichen sein, den eigenen Nachrichtenkonsum ein wenig zu reduzieren – und Push-Nachrichten für eine Zeit zu deaktivieren.

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