Weinender Manager - «Sich verletzlich zu zeigen, macht Lachappelle nahbar»
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Weinender Manager«Sich verletzlich zu zeigen, macht Lachappelle nahbar»

Guy Lachappelle kämpfte bei seinem Rücktritt mit den Tränen: Es war ein emotionaler Auftritt. Das macht den Banker menschlich und ist auch taktisch schlau.

von
Barbara Scherer
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Guy Lachappelle hat sich unter Tränen als Verwaltungsrat der Raiffeisen verabschiedet.

Guy Lachappelle hat sich unter Tränen als Verwaltungsrat der Raiffeisen verabschiedet.

Lucia Hunziker, Tamedia
Eine Ex-Geliebte wirft ihm in einer Strafanzeige die Weitergabe vertraulicher Geschäftsinformationen vor.

Eine Ex-Geliebte wirft ihm in einer Strafanzeige die Weitergabe vertraulicher Geschäftsinformationen vor.

Lucia Hunziker, Tamedia
ZHAW-Psychologe Simon Hardegger, der auf Führungskräfteentwicklung spezialisiert ist, bezeichnet Lachappelles Reaktion als menschlich.

ZHAW-Psychologe Simon Hardegger, der auf Führungskräfteentwicklung spezialisiert ist, bezeichnet Lachappelles Reaktion als menschlich.

Lucia Hunziker, Tamedia

Darum gehts

  • Guy Lachappelle gab am Donnerstag seinen Rücktritt bekannt und hatte Tränen in den Augen.

  • Der Auftritt war sehr emotional – das irritiert viele.

  • Ein Psychologe schätzt das Verhalten des Bankers ein.

«Ich habe in meiner Verliebtheit einen riesengrossen Fehler gemacht», mit diesen Worten verabschiedete sich Guy Lachappelle von seinem Amt als Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank. Eine Ex-Beziehung mit einer Frau ist dem Banker zum Verhängnis geworden.

Sein Auftritt vor der Presse am Donnerstagabend war sehr emotional. Gegen Ende kämpfte Lachappelle mit den Tränen. Ein ungewohntes Bild: Der abgeklärte Topbanker zeigt sich plötzlich verletzlich vor laufender Kamera.

Für viele wirkt der Auftritt irritierend. ZHAW-Psychologe Simon Carl Hardegger, der auf die Analyse von Führungsverhalten spezialisiert ist, bezeichnet Lachapelles Reaktion als menschlich: «Der Mann steht derzeit offenbar unter grossem privaten und geschäftlichen Druck. Seine Reaktion wirkt glaubwürdig.»

Die Affäre habe im Familienleben des Bankers vermutlich für viel Stress gesorgt und jetzt auch seine Karriere ausgebremst. Dabei sei Lachappelle wohl stark daran interessiert, einen guten Ruf zu wahren. «Schliesslich musste er ein schwieriges Erbe nach den Geschehnissen rund um den ehemaligen CEO Pierin Vincenz antreten», so Hardegger.

Sich verletzlich zu zeigen, mache den Banker nahbar und sympathisch. Das sei auch taktisch schlau. Denn wer Fehler sofort eingestehe, übernehme Verantwortung: «Das wirkt vertrauensvoll und hilft später dabei, beruflich wieder Fuss fassen zu können.»

Führungspersonen handeln eher rücksichtslos

Lachapelle ist nicht die erste Person in einer Machtposition, der das Liebesleben zum Verhängnis wird. Immer wieder finden sich Menschen in Führungspositionen, die egoistisch und rücksichtslos handeln, wie Hardegger erklärt. «Das muss aber nicht auf Lachapelle zutreffen. Und im Vergleich zu anderen hat er keinen sehr schwerwiegenden Fehler gemacht.»

Auch weise längst nicht jede Führungsperson negative Charaktereigenschaften auf. Doch wer zu Egoismus und Rücksichtslosigkeit neigt, habe laut ZHAW-Psychologen Hardegger oft auch ein gestörtes Beziehungsverhalten und wechsle häufig die Liebespartner.

«Personen in Machtpositionen haben darum aber nicht häufiger Affären als die Normalbevölkerung», sagt Hardegger. Es falle nur mehr auf, weil diese Menschen mehr im Rampenlicht stehen und als Personen des öffentlichen Interesses für ihre Handlungen Verantwortung übernehmen müssen.

Was ist passiert?

Lachappelle ist laut eigenen Angaben wegen eines privaten Konflikts mit einer Frau zurückgetreten. Der Topbanker hatte ein Verhältnis mit ihr von 2017 bis 2018. Es kam zu Unstimmigkeiten und die Frau hat zwei Strafanzeigen gegen Lachappelle eingereicht. Daraus geht hervor, dass Lachapelle in seiner früheren Funktion als Chef der Basler Kantonalbank dieser Frau ein internes Dokument hat zukommen lassen. Lachappelle bestätigte den Sachverhalt in der Medienkonferenz.

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