30.10.2020 21:33

Tim-Bendzko-ExperimentSichere Konzerte sind auch während der Corona-Pandemie möglich

Restart-19 – unter diesem Motto haben Forscher während eines Konzerts des deutschen Sängers Tim Bendzko untersucht, unter welchen Bedingungen Grossanlässe mit Publikum in Zeiten von Corona stattfinden können. Die Erkenntnisse dürften eine ganze Branche – und die Fans – aufatmen lassen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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In der Quarterback Arena in Leipzig fand am 22. August 2020 ein Corona-Testkonzert statt. 

In der Quarterback Arena in Leipzig fand am 22. August 2020 ein Corona-Testkonzert statt.

Quarterback Arena
Sänger Tim Bendzko spielte mit seiner Band ein ganz und gar einmaliges Konzert. 

Sänger Tim Bendzko spielte mit seiner Band ein ganz und gar einmaliges Konzert.

KEYSTONE
Das Konzert war Teil des Projekts Restart-19, welches von Forschenden der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und des Universitätsklinikums Halle durchgeführt wurde.

Das Konzert war Teil des Projekts Restart-19, welches von Forschenden der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und des Universitätsklinikums Halle durchgeführt wurde.

Uniklinikum Halle

Darum gehts

  • An grosse Hallenkonzerte ist derzeit nicht zu denken. Grund dafür ist das Coronavirus.

  • Doch laut deutschen Forschenden könnten solche unter bestimmten Voraussetzungen stattfinden, ohne dass sie Auswirkungen auf die Pandemie haben.

  • Das hat ein bis dato einzigartiges Experiment gezeigt: ein Konzert von Tim Bendzko unter Studienbedingungen.

Tausende schwitzende Körper, dicht an dicht. Und das ganze im Rhythmus der Musik, die von der Bühne kommt: Solche Szenen hat es seit Beginn der Pandemie nicht mehr gegeben – aus Angst, Grossveranstaltungen wie Hallenkonzerte könnten zu Superspreader-Events mutieren. Dies zum Leidwesen von Fans, Künstlern und der gesamten Veranstaltungsbranche. Erst kürzlich sprachen die Mitglieder der deutschen Punkrockband Die Ärzte in der deutschen Nachrichtensendung «Tagesthemen» über die grosse finanzielle Notlage, in der sich die Musik- und Kulturbranche wegen Corona befindet.

Doch wie gross ist die Ansteckungsgefahr bei solchen Events tatsächlich? Lässt sie sich möglicherweise reduzieren? Und wenn: Wie? Diesen Fragen sind Forschende der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und des Universitätsklinikums Halle im August 2020 in einem bis heute einzigartigen Experiment nachgegangen (siehe Box). Nun präsentieren sie die ersten – noch nicht von unabhängigen Fachleuten überprüften – Erkenntnisse der Restart-19-Studie.

So lief die Studie ab

Deutsche Forscher organisierten am 22. August 2020 ein Konzert des deutschen Popsängers Tim Bendzko, während dem drei verschiedene Szenarien durchgespielt wurden, die sich in Teilnehmerzahl und Abständen zwischen den Konzertbesuchern unterschieden: In Szenario 1 wurde eine Veranstaltung mit 4000 Besuchern und einem Veranstaltungsablauf wie vor Beginn der Pandemie simuliert. In Szenario 2 wurden ebenfalls 4000 Besucher in die Halle eingelassen, allerdings nach einem optimierten Hygienekonzept und deutlich grösseren Abständen zwischen den Teilnehmern. In Szenario 3 wurde auf den Zuschauertribünen ein Abstand von 1,5 Metern eingehalten. Hier waren nur noch knapp 2000 Probanden beteiligt.

Während den einzelnen Szenarien trat jeweils Tim Bendzko auf, um das Zuschauerverhalten möglichst realitätsnah abzubilden, wie es auf der Projektseite heisst. Auch die An- und Abreise mit der Strassenbahn wird simuliert. In Konzertpausen konnte man Catering-Stände nutzen, für alle galt Maskenpflicht. Die Zuschauer bekamen allesamt Sender mit einer Technologie, die es ermöglicht, Aufenthaltsorte und Abstände zu anderen fast zentimetergenau zu bestimmen und zu verfolgen.

Daneben wurde in einer Computersimulation untersucht, wie sich verschiedene Lüftungskonzepte in den Szenarien auf die Verteilung von Aerosolen in der Luft auswirken und welche Folgen daraus resultierende Ansteckungen auf die Region Leipzig hätten.

Gute Lüftung ist Grundvoraussetzung

In der Arbeit kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass Künstler – unter bestimmten Voraussetzungen – auch während der Pandemie in grossen Hallen vor Fans auftreten können. Das absolute A&O sei dabei eine gute Belüftung des Saals, die für einen regelmässigen Austausch mit frischer Luft sorgt, so Infektiologe und Studienleiter Stefan Moritz an der Vorstellung der vorläufigen Resultate am Donnerstag. «Das ist für das Ansteckungsrisiko eine entscheidende Schlüsselkomponente. Ohne das muss man gar nicht darüber reden.» Die Forscher errechneten unter anderem, dass bei schlechter Belüftung das Infektionsrisiko bis zu 70-mal höher ist.

«Die Maske sollte die ganze Zeit während des Aufenthalts am Sitzplatz aufbehalten werden»

Stefan Moritz, Infektiologe am Universitätsklinikum Halle.

Doch eine gute Klimaanlage allein reicht laut den Forschenden nicht, um Hallenkonzerte auch in Zeiten der Pandemie stattfinden zu lassen. Unabdingbar für Events in geschlossenen Räumen sei auch die Einhaltung strenger Hygienekonzepte mit Abstandsregeln und eine permanente Maskenpflicht. «Die Maske sollte die ganze Zeit während des Aufenthalts am Sitzplatz aufbehalten werden», so Moritz. «Dann reduziert sie das Risiko erheblich.»

Volle Häuser nicht möglich

Ebenfalls essenziell für ein sicheres Konzert während der Pandemie: Es sollten deutlich weniger Zuschauer als sonst zugelassen werden. Die Wissenschaftler empfehlen, die Zahl der Besucher jeweils an das aktuelle Infektionsgeschehen anzupassen. Zudem sollten diese während des Konzerts sitzen und immer einen Platz zum nächsten Nachbarn frei lassen, berichtet MDR.de.

«Veranstaltungen haben das Potenzial, die Pandemie anzufeuern. Aber wenn Hygienekonzepte eingehalten werden, ist das Risiko sehr gering.»

Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie in Halle.

Die Studie zeigte weiter, dass vor allem Einlass und Verlassen der Halle einen Knackpunkt darstellen. Gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk sagte Moritz: «Wir empfehlen, die Zahl der Schlangen einfach zu erhöhen. Das Gleiche gilt für den Pausenbereich.» Denn in jenen Situationen komme es zu vielen Kontakten. Diese seien zwar jeweils nur kurzzeitig, dennoch sei es sicherer, Essen und Getränke auf Sitzplätzen einzunehmen.

Wenn all diese Punkte eingehalten würden, könnte eine Grossveranstaltung während einer Pandemie sicherer sein als der Alltag, so das Fazit der Forscher. Oder wie Rafael Mikolajczyk, Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie in Halle, der ebenfalls an Restart-19 mitgewirkt hat, sagt: «Veranstaltungen haben das Potenzial, die Pandemie anzufeuern. Aber wenn Hygienekonzepte eingehalten werden, ist das Risiko sehr gering.»

Die wichtigsten Punkte auf einen Blick

Die Gesamtzahl der mehrere Minuten langen kritischen Kontakte ist bei der Veranstaltung nicht sehr hoch und kann durch Hygiene-Konzepte erheblich reduziert werden:

- Insbesondere während des Einlasses und der Pausen finden viele Kontakte statt. Daher muss darauf der Fokus bei der Planung liegen.

- Schlechte Belüftung kann die Zahl der dem Ansteckungsrisiko ausgesetzten Menschen deutlich erhöhen.

- Rund 90 Prozent der Studienteilnehmenden finden es nicht schlimm, eine Maske zu tragen und sind bereit, dies weiterhin zu tun, um wieder Veranstaltungen erleben zu können. Das ergab eine Umfrage nach dem Konzert-Experiment.

- Bei Einhaltung von Hygiene-Konzepten sind die zusätzlichen Auswirkungen auf die Pandemie insgesamt gering bis sehr gering.

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