IS-Terror in Europa: «Sicherheit litt dramatisch wegen Flüchtlingspolitik»

Aktualisiert

IS-Terror in Europa«Sicherheit litt dramatisch wegen Flüchtlingspolitik»

IS-Zellen in Europa, Flüchtlinge und die auffallende Zurückhaltung der Polizeibehörde Europol – ein erfrischend offenes Gespräch mit Terrorexperte Guido Steinberg.

von
Ann Guenter
1 / 11
Bei den Anschlägen von Barcelona und Cambrils wurden vergangene Woche 15 Menschen getötet und mehr als 120 verletzt.

Bei den Anschlägen von Barcelona und Cambrils wurden vergangene Woche 15 Menschen getötet und mehr als 120 verletzt.

AP/Santi Palacios
Von den mutmasslichen Mitgliedern der Terrorzelle wurden acht von der Polizei erschossen oder starben bei der ...

Von den mutmasslichen Mitgliedern der Terrorzelle wurden acht von der Polizei erschossen oder starben bei der ...

AFP/Pascal Guyot
... Explosion in einem Haus in Alcanar. Hier lagerten die Verdächtigen Material zur Herstellung des Sprengstoffs TAPT, dem vom IS bevorzugten Sprengstoff.

... Explosion in einem Haus in Alcanar. Hier lagerten die Verdächtigen Material zur Herstellung des Sprengstoffs TAPT, dem vom IS bevorzugten Sprengstoff.

epa/Jaume Sellart

Guido Steinberg ist ein renommierter Islamwissenschaftler und Terror-Experte der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik. Der 49-Jährige ist auch als Gutachter bei deutschen Terrorprozessen tätig. 20 Minuten sprach mit ihm über den Anschlag von Barcelona, IS-Zellen in Europa, die Folgen der deutschen Flüchtlingspolitik und die auffallende Zurückhaltung der Polizeibehörde Europol.

Die NZZ schreibt unter Berufung auf spanische Tageszeitungen, dass zwei der Barcelona-Terroristen in Zürich «den Umgang mit Sprengstoff geübt» hätten. Plausibel für Sie?

Ein theoretischer Unterricht ist ohne Weiteres möglich. Wenn dann auch noch jemand im Umgang mit Sprengstoff halbwegs versiert ist, kann man in die Berge oder in den Wald fahren und dort praktisch üben. Heisst: Mit hohem Aufwand und etwas Professionalität kann man auch in einer europäischen Grossstadt zumindest einige Aspekte des Bombenbauens erlernen. Das Problem – ganz sicher in der relativ dicht besiedelten Schweiz – ist die laute Explosion. Mehr als eine kurze Grundausbildung mit ganz wenig Praxis ist in Mitteleuropa nicht möglich.

Ob in Zürich oder woanders: Viel schienen die Barcelona-Terroristen nicht gelernt zu haben. Zumal lässt der gescheiterte Anschlag mit 120 Gasflaschen den Schluss zu, dass hier Amateure am Werk waren.

Nicht unbedingt. Auch Leute, die mit Sprengstoff umgehen

können, machen Fehler. Kommt hinzu: Die Barcelona-Terroristen mögen sich mit Sprengstoff nicht besonders gut ausgekannt haben. Aber es war einer dabei, der das zumindest rudimentär gelernt hat. Denn wenn die Terroristen von Barcelona schon so viele Propangasbehälter gesammelt haben, dann muss es jemanden gegeben haben, der ihnen zeigte, wie man aus all diesen Behältern eine Bombe baut. Diese Kenntnisse gewinnen Islamisten in der Regel nicht in der Schweiz, sondern in Kriegsgebieten der islamischen Welt. Es würde mich nicht überraschen, wenn herauskommt, dass zumindest einer aus dieser Gruppe in Syrien war und möglicherweise sogar mit einem konkreten Anschlags-Auftrag nach Europa zurückgeschickt wurde.

Sie gehen von einem direkten Befehl von Syrien aus?

Zumindest gibt es bei fast allen Anschlägen in Europa seit 2014 einen direkten Kontakt zum IS, meist über verschlüsselte Programme wie Telegram. Die Initiative dazu kann von beiden Seiten ausgehen. Selbst der 12-Jährige, der letztes Jahr im deutschen Ludwigshafen einen Nagelbombenanschlag auf den Weihnachtsmarkt verüben wollte, wurde von einem IS-Mann scharfgemacht. Der Mann hatte versucht, dem Jungen übers Internet beizubringen, wie man Sprengstoff verwendet.

Was weiss man über die Befehlsgeber in Syrien und Irak?

Diese Personen gehören regelrechten Einheiten des IS an, die sich um die Herstellung von Kontakten kümmern und dafür sorgen, dass die IS-Leute in Europa trotz fehlender militärischer Ausbildung angeleitet werden, um einen Anschlag zu verüben.

Wie kommt man an diese Hintermänner im IS-Gebiet heran?

Es gibt zumindest in Deutschland eine ganze Reihe von Gerichtsverfahren, in denen Verbindungen zwischen vermeintlichen Attentätern und Hintermännern eine ganz wichtige Rolle spielen. Bei diesen Ermittlungen kursieren mehrere Namen. Ihre Träger haben eines gemeinsam: Sie sind fast alle tot. Denn in den meisten Fällen kommen die Sicherheitsbehörden den Hintermännern auf die Spur. Sobald deren Namen den Amerikanern bekannt sind, werden die aktiv und jagen sie. Nehmen Sie den tödlichen Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt: Presseberichten zufolge soll ein Hintermann für diesen Anschlag in Libyen gelebt haben. Er kam erst vor kurzem bei einem US-Luftschlag ums Leben.

Wie sind die IS-Zellen in Europa organisiert?

Es gibt unterschiedliche Organisationsformen. Die gefährlichste Gruppe: Jene Kämpfer, die vor allem beim Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 mit grob skizzierten Aufträgen nach Mitteleuropa geschickt wurden. Sie kommunizieren weiter mit Syrien und zum Teil auch mit Leuten hier in Europa, mit denen sie zusammen aus Syrien/Irak losgeschickt wurden. Zu dieser Gruppe gehören etwa mehrere Attentäter von Paris, die klassische Rückkehrer waren, aber auch Iraker und Syrer, die zuvor nie in Europa waren.

Falsche Flüchtlinge, echte Terroristen also?

Genau. Diese Gruppe ist für die anspruchsvollen, grossen

Anschläge verantwortlich wie jene in Paris und Brüssel. Auch in Deutschland soll es ähnliche Planungen gegeben haben. Es ist klar: Diese Gruppe ist besonders dort eine Gefahr, wo es viele Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan gibt – seit 2015 war das vor allem Deutschland.

Was für Zellen gibt es sonst noch?

Die Hiergebliebenen. Diese Gruppe war nie in Syrien/Irak

und wird gezielt durch die Social-Media-Teams des IS in Europa rekrutiert. Unter ihnen finden sich auch echte Flüchtlinge, die der IS hier ausfindig macht und für seine Sache begeistert. Der Kontakt zum IS ist zum Teil sehr eng, auch, weil unsere Behörden personell, rechtlich und technisch nicht in der Lage sind, verschlüsselte Kommunikation zu knacken. Man kann bei vielen Fällen beobachten, dass bis kurz vor einem Anschlag mit IS-Leuten kommuniziert wird. Oft wird noch ein Video aufgenommen, in dem der Attentäter dem IS seine Gefolgschaft schwört. Und dann gibt es die dritte Gruppe, bei der gar keine Verbindung zum IS besteht. Sie sind die sogenannten einsamen Wölfe, die sich von der IS-Propaganda inspirieren lassen und von sich aus handeln. Diese Einzeltäter kommen tatsächlich nur sehr selten vor, obwohl unsere Behörden immer vor ihnen warnen.

Der IS benutzt Flüchtlinge und Flüchtlingsrouten systematisch für seine Anschlagspläne – ein Umstand, der Europol noch Anfang Jahr in einem Bericht bestritt.

Es sind nachweislich Terroristen unter Flüchtlinge geschleust worden. Der IS hat sogar Späher, die systematisch auskundschaften, welche Routen sich am besten für IS-Personal eignen. Das ist militärisch geplant. Da das seit spätestens 2016 unter Fachleuten bekannt ist, gehe ich davon aus, dass der Grund für die Zurückhaltung der europäischen Polizeibehörde politischer Natur ist. Im Klartext geht es vor allem um Deutschland. Die deutsche Flüchtlingspolitik hat nachweislich zu einer dramatischen Verschlechterung der Sicherheitslage geführt.

Spätestens seit Barcelona heisst es überall, dass wir mit solchen Anschlägen noch lange leben müssen.

Tatsächlich beginnen wir uns mit Anschlägen wie in Barcelona abzufinden. Doch wir dürfen uns nicht täuschen lassen. Der IS will noch immer schwere Anschläge verüben wie jene in Paris oder im Sinai, als er ein russisches Passagierflugzeug in die Luft jagte. Ein Hinweis darauf findet sich im Umstand, dass der IS vor wenigen Wochen Bestandteile einer Bombe aus der Türkei nach Australien schickte und dann diese Bombe in ein Flugzeug schmuggeln wollte. In letzter Minute konnte Schlimmeres verhindert werden. Das ist eine Operationsform, die wir immer mit der al-Qaida verbunden haben. Doch der IS will genau das: immer noch grössere Anschläge. Auf das müssen wir uns gefasst machen – auch wenn ein 9/11 heutzutage glücklicherweise nicht mehr möglich ist, dafür sind die Sicherheitskräfte zu aufmerksam.

Wieso haben wir in Europa seit Jahren keine reinen Al-Qaida-Attacken mehr gesehen?

Die al-Qaida hat in Europa ihre Rekruten an den IS verloren. Die Organisation ist derzeit stark im Jemen, in Syrien, der Sahelzone und Algerien. Von ihr geht für uns in Westeuropa derzeit weniger eine Bedrohung aus, aber das muss nicht so bleiben.

Das Amateurhafte, schreibt der Autor Adnan Khan, sei ein Merkmal von IS-Attacken. Im Gegensatz zur viel professionelleren al-Qaida. Stimmen Sie zu?

Nein. Vergleichen wir etwa die Al-Qaida-Anschläge in Madrid 2004 und London 2005 mit den IS-Anschlägen in Paris 2015, gibt es kaum Unterschiede. Wir haben ähnliche Opferzahlen, eine ähnliche Anzahl von Attentätern, eine ähnlich professionelle Planung. Mehr noch: Die al-Qaida hat es nach 9/11 nie mehr geschafft, ein Passagierflugzeug in die Luft zu jagen. Der IS schon. Das gibt mir zu denken.

Deine Meinung