Fall Luca: Sicherheitsdirektor Freysinger rügt sein Team
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Fall LucaSicherheitsdirektor Freysinger rügt sein Team

Im Jahr 2010 erschien ein Buch zum Fall Luca Mongelli, in dem die Arbeit der Walliser Ermittlungsbehörde scharf kritisiert wird. Nun wird bekannt: Hinter dem anonymen Autor steckt der heutige Sicherheistdirektor Oskar Freysinger.

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Im Jahr 2010 erschien der Roman «Canines» (auf Deutsch «Eckzähne») von einem bis dahin unbekannten Autor namens Janus. Das Buch beschäftigt sich mit dem Fall Luca Mongelli, der am 7. Februar 2002 halb nackt, bewusstlos und schwer verletzt im Schnee von Veysonnaz VS aufgefunden worden war.

Der damals Siebenjährige behauptete stets in seinen Einvernahmen, dass ihn vier Jugendliche gequält und mit Holzästen geschlagen hätten. Doch die Walliser Polizei wollte davon nichts wissen: Laut ihren Ermittlungen hatte der Schäferhund der Familie den Jungen die schwere Verletzungen zugefügt. Heute ist Luca 18 Jahre alt. Seit der Tat ist er blind und gelähmt.

Hinter Janus steckt Oskar Freysinger, der heutige Sicherheitsdirektor

Im Buch von Autor Janus wird Familie Mongelli als Opfer des Systems dargestellt. Die Walliser Behörden hätten ihre Arbeit nicht korrekt gemacht, heisst es. «Hier passiert ein erster Fehler, ein zweiter, ein dritter, usw. Und dann haben sich viele Leute etwas vorzuwerfen. Und um sich zu schützen und zu decken, decken sie den Fehler des anderen. Also eine Hand deckt oder wäscht die andere und schliesslich kommt überhaupt keine Wahrheit mehr heraus», schreibt der Autor.

Laut einem Bericht der «Rundschau» ist aber nun bekannt, wer hinter der Identität von Janus steckt: Es ist der ehemalige Nationalrat Oskar Freysinger. Besonders brisant: Freysinger ist seit dem 1. Mai frisch gewählter Sicherheitsdirektor in der Walliser Regierung. Mit anderen Worten: Freysinger steht an der Spitze von Polizei und Strafjustiz – jener Ämter, die er vor drei Jahren in «Canines» scharf kritisierte.

Als Sicherheitsdirektor hält er an seiner Kritik fest

Gefragt, wie er heute zu seiner Kritik stehe, meint Freysinger im «Rundschau»-Interview: «Ich ertrage die Ungerechtigkeit nicht, die hier geschehen ist. Je mehr ich das Dossier gelesen habe, umso mehr dachte ich mir, das kann doch nicht möglich sein. Das Kind hat ja von vornherein immer gesagt, was ihm passiert ist. Ich habe dann Luca getroffen, er ist absolut klar gewesen im Kopf und hat nie vom Hund gesprochen!»

Für den emeritierten Staatsrechtsprofessor der Uni Fribourg, Thomas Fleiner, stellt sich nun die Frage der Befangenheit. Fleiner ist der Meinung, Freysinger sollte im Fall Luca in den Ausstand treten, um politisch glaubwürdig zu bleiben. Die Freundschaft zur Familie Mongelli und die Tatsache, dass er sich mit dem Fall bereits befasst habe, seien «Gründe, welche ihn verpflichten, in den Ausstand zu treten», sagt Fleiner in der «Rundschau».

Freysinger wollte bewusst anonym bleiben

Freysinger sieht das anders: Das Buch habe er noch vor seiner Wahl zum Staatsrat geschrieben. Gleichzeitig meint er: «Wenn ich dieses Buch heute schreiben würde, wäre dies wohl ein Problem.» Zusammen mit der Opferfamilie und seinem Verleger, dem Xenia Verlag, hatte sich der Politiker damals entschieden, das Buch anonym zu schreiben, um nicht mit seinem bekannten Namen «die Wahrheitsfindung zu erschweren».

Die Staatsanwaltschaft Wallis will zu den verschiedenen Vorwürfen keine Stellung nehmen. Auf Anfrage der «Rundschau» teilt sie aber mit, über den Fall Luca nach Abschluss der Ermittlungsarbeiten zu informieren. Vor knapp zwei Wochen wurden erstmals nach elf Jahren neue Zeugen einvernommen.

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