Massnahmen gegen Suizid: Sicherheitsnetze sollen Lebensmüde retten
Aktualisiert

Massnahmen gegen SuizidSicherheitsnetze sollen Lebensmüde retten

Im Kampf gegen die hohe Selbstmordrate in der Schweiz nimmt das Parlament Bund und Kantone in die Pflicht. Doch sind Massnahmen wie Netze an Brücken wirklich sinnvoll?

von
S. Marty
Bei der Kirchenfeldbrücke in Bern werden nun definitiv horizontale Netze befestigt.

Bei der Kirchenfeldbrücke in Bern werden nun definitiv horizontale Netze befestigt.

«Jeden Tag rufen uns mindestens zwei Jugendliche an, die Suizidgedanken haben», sagt Urs Kiener, Jugendpsychologe von Pro Juventute. Cyber-Mobbing, Missbrauch von Sexting oder zu grosser Leistungsdruck trieben Kinder und Jugendliche vermehrt in psychische Notsituationen und zu Selbstmordgedanken. «Im vergangenen Jahr mussten wir in 26 Fällen gar die Rettungskräfte alarmieren, um Jugendliche vor dem Suizid zu retten.» Vor sechs Jahren waren es laut Pro Juventute nur sieben Einsätze.

Die Erzählungen des Kinderpsychologen widerspiegeln die akute Lage in der Schweiz. Heute bringen sich jährlich zwischen 1300 und 1400 Menschen um – das sind vier Tote pro Tag oder einer alle sechs Stunden. «Damit gehört die Schweiz im internationalen Vergleich zur traurigen Spitze bei Suiziden», schreibt die EVP-Nationalrätin Maja Ingold in ihrer Motion.

Bern setzt ein Zeichen

Am Dienstag hat nach dem Nationalrat nun auch der Ständerat Ingolds Anliegen gutgeheissen und den Bundesrat beauftragt, einen Aktionsplan zur Suizidprävention auszuarbeiten. «In der Schweiz wurden in den letzten Jahren Hauptselbstmordrisiken wie Depressionen und soziale Vereinsamung unterschätzt», versucht Ingold die hohe Suizidrate zu erklären. Diese Kehrseite unseres Wohlstands wollten wir einfach nicht richtig wahrhaben.

Umso zuversichtlicher blickt sie nach dem heutigen Ständeratsentscheid in die Zukunft. Bern habe heute ein Zeichen gesetzt. «Nun sind der Bundesrat und alle Kantone gefordert, Taten folgen zu lassen.» Konkret denkt die EVP- Nationalrätin etwa an bauliche Massnahmen, Sensibilisierungskampagnen und eine verbesserte Koordination zwischen den Akteuren.

Netze an Brücken, Waffen ins Zeughaus

Urs Kiener von Pro Juventute präzisiert: «Massnahmen zur Sicherung von Brücken und Bahntrassen sind wichtig.» Es gelte aber auch, die Risiken für andere Suizidformen zu reduzieren. «Etwa indem Medikamente, die für Suizide verwendet werden, nur in Kleindosen abgegeben werden oder indem Armeewaffen ausserhalb der Dienstzeit im Zeughaus und nicht in den Privathaushalten gebunkert werden.» In den Schulen müsse man ausserdem konsequent gegen Mobbing und Cybermobbing vorgehen und alles verhindern, was eine depressive Stimmung verstärke.

Als Musterschüler bei der Suizidprävention gilt seit jeher der Kanton Zug. 2003 wurde dort das Präventionsprojekt «Bündnis gegen Depression» ins Leben gerufen. «Im Rahmen dieses Projekts haben wir Brücken mit Netzen ausgestattet, Eisenbahnstrecken gesichert, Hausärzte geschult und in Schulen aufgeklärt», sagt der FDP-Ständerat und damalige Zuger Gesundheitsdirektor Joachim Eder. Die Massnahmen zeigten Wirkung, die Suizide von den Lorzentobelbrücken hätten abgenommen.

Sowohl Eder als auch Ingold würden es begrüssen, wenn sich andere Kantone Zug als Vorbild nähmen. Und tatsächlich konnte Pro Juventute mit dem «Bündnis gegen Depression» vor zwei Wochen in Bern bereits Massnahmen umsetzen: «Die Berner Kirchenfeld- und die Kornhausbrücke werden nun mit horizontalen Netzen gesichert», sagt Marianne Affolter, Kommunikationsleiterin von Pro Juventute. Der Berner Stadtrat habe den entsprechenden Baukredit nun gesprochen.

Schweiz als Entwicklungsland

Allen Bemühungen zum Trotz bleibt die Schweiz laut Eder «betreffend ihrer Präventionsarbeit ein Entwicklungsland.» Durch die Ablehnung des Präventionsgesetzes 2012 seien dem Bund die Hände gebunden. «Wir haben leider weder die gesetzlichen Grundlagen noch die nötigen Ressourcen mit dem Ausland mitzuhalten.»

Bei der Kantonalen Konferenz der Gesundheitsdirektoren GDK versucht man im Rahmen des Möglichen trotzdem, Fortschritte zu erzielen: «Wir arbeiten zusammen mit dem Bund an einem Bericht, der aktuelle Lücken in diesem Bereich aufzeigen soll», sagt der stellvertretende GDK-Zentralsekretär Stefan Leutwyler. Im Herbst sollen die Resultate auf dem Tisch liegen: «Zusammen mit dem heute beschlossenen Aktionsplan sind wir also auf einem guten Weg und können Ende Jahr das weitere Vorgehen eruieren.»

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