Prügel vom Parlament – «Sichtlich erschüttert und totenbleich – für mich sah Boris völlig fertig aus»
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Prügel vom Parlament «Sichtlich erschüttert und totenbleich – für mich sah Boris völlig fertig aus»

An der wöchentlichen Befragung im Parlament wurde der britische Premier Boris Johnson hart angegangen. Der Politologe und Historiker Anthony Glees zu dem Auftritt.

von
Ann Guenter
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Hatte auch schon bessere Tage: Premier Boris Johnson bei der wöchentlichen Befragung durch das Parlament am Mittwoch. 

Hatte auch schon bessere Tage: Premier Boris Johnson bei der wöchentlichen Befragung durch das Parlament am Mittwoch.

AFP
Die Entschuldigung Johnsons für eine Lockdown-Party in seinem Amtssitz halten Medienberichten zufolge nur wenige Abgeordnete seiner Partei für ausreichend. 

Die Entschuldigung Johnsons für eine Lockdown-Party in seinem Amtssitz halten Medienberichten zufolge nur wenige Abgeordnete seiner Partei für ausreichend.

AFP
«Wir wissen nun, dass der Premierminister 25 Minuten bei etwas verbracht hat, das eindeutig eine Party war. Das bedeutet, dass er das Parlament getäuscht hat», sagte der Tory-Parlamentarier Roger Gale am Mittwoch der «BBC».

«Wir wissen nun, dass der Premierminister 25 Minuten bei etwas verbracht hat, das eindeutig eine Party war. Das bedeutet, dass er das Parlament getäuscht hat», sagte der Tory-Parlamentarier Roger Gale am Mittwoch der «BBC».

REUTERS

Darum gehts

  • Boris Johnson hat sich nach einer Gartenparty in seinem Amtssitz in der Pandemie entschuldigt.

  • Einen Rücktritt lehnt der britische Premier ab.

  • Mit der Entschuldigung kaufte sich Boris etwas Zeit – doch, ob das reichen wird?

  • Der britische Politologe und Historiker Anthony Glees schätzt Boris’ Auftritt im Parlament ein.

Die Opposition forderte am Mittwoch im Parlament in London lautstark Boris Johnsons Rücktritt. Auch aus den eigenen Reihen kamen erste Rufe nach einem Amtsverzicht.

Vorausgegangen waren Berichte über eine Gartenparty in Johnsons Amtssitz am 20. Mai 2020 während des ersten Lockdowns. Der Sender ITV zitierte eine Einladung von Johnsons Büroleiter an etwa 100 Mitarbeiter: «Bringt euren eigenen Alkohol mit.»

Johnson räumte bei der Befragung erstmals ein, an der Veranstaltung teilgenommen zu haben. «Als ich am 20. Mai 2020 kurz nach 18 Uhr in diesen Garten ging, um mich bei Gruppen von Mitarbeitern zu bedanken, bevor ich 25 Minuten später wieder in mein Büro ging, um weiterzuarbeiten, glaubte ich ausdrücklich, dass dies ein Arbeitstreffen war», sagte Johnson.

Anthony Glees** kommentiert Boris’ Auftritt

«Für mich sieht Boris völlig fertig aus»

«Zunächst einmal versuchte ein sichtlich erschütterter und totenbleicher Boris Johnson heute im Parlament zu vermitteln, dass das, was wir alle für eine Party halten, etwas gewesen sei, von dem er ‹implizit› geglaubt haben will, dass es eine ‹Arbeitsveranstaltung› war», sagt Glees.

«Boris weigert sich bis heute zu sagen, ob er an der Gartenparty vom 20. Mai 2020 teilgenommen hat oder nicht», so Glees weiter. «Er sagte lediglich, man müsse den Ermittlungsbericht der leitenden Beamtin Sue Gray abwarten – als ob es eine leitende Beamtin bräuchte, die ihm sagt, ob er auf seiner eigenen Party war!»

Die Briten wollten einen vertrauenswürdigen Premierminister: «Ich glaube nicht, dass seine Lügen bei kleinen Dingen, die man akzeptieren kann, die Bereitschaft erhöhen, Lügen bei grossen Dingen zu akzeptieren, und es gibt nur wenige grössere Dinge als Covid», so Glees. «Wenn sie ihm nicht trauen können, ist er erledigt.»

Kommen die zunehmend kritischen konservativen Abgeordneten hinzu. «Sie erkennen jetzt, dass Boris ihnen das gebracht hat, was sie wollten: den Brexit und die Abwendung von Nigel Farage. Boris’ Nutzen ist nun vorbei und er ist zu einer Belastung geworden. Das ist die wirklich grosse Sache.»

Johnson werde so bei den nächsten Parlamentswahlen kaum mehr antreten, resümiert Glees. «Ich kann mir vorstellen, dass er schon viel früher aufgibt.» Für ihn sehe Boris tatsächlich schon jetzt «völlig fertig aus».

** Professor Anthony Glees (73) ist ein britischer Historiker und Politologe. An der Buckingham Universität leitete er zuletzt das Center for Security and Intelligence Studies.

Rückblickend hätte er aber anders handeln müssen, räumte Johnson bei der Befragung ein. Die Opposition reagierte mit hämischem Gelächter – wie oft in der 30 Minuten dauernden Befragung zu dem Thema (den Ticker von der wöchentlichen Fragerunde könnt ihr hier nachlesen).

In den sozialen Medien häufte sich schnell der Spott darüber, dass Johnson eine Party selbst dann nicht von einem Arbeitstreffen unterscheiden könne, wenn er selbst dabei sei. Die Airline Ryanair legte dem Premier die Worte «Ich weiss nicht, dass ich auf einer Party bin» in den Mund und twitterte dazu eine Zeichnung von Johnson mit Partyhut zwischen tanzenden Gästen.

Der Satire-Account des in der Downing Street lebenden Katers Larry teilte auf Twitter ein altes Foto von halbnackten, feiernden englischen Fussballstars mit dem zynischen Kommentar «England-Kader geniesst ein Arbeitstreffen».

Ein Rücktritt Johnsons scheint nun fürs Erste vom Tisch; eine Wahl steht planmässig erst 2024 an.

Bleibt die konservative Partei. Um Johnson abzuwählen, müssen ihm 15 Prozent der 360 konservativen Abgeordneten in Briefen ihr Misstrauen ausdrücken. Das sind 54 Parlamentarier. Mittlerweile ist nicht auszuschliessen, dass die notwendige Schwelle erreicht wird.

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