St. Gallen: «Sie assen neben einem Bewusstlosen und keinen hat es interessiert»
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St. Gallen«Sie assen neben einem Bewusstlosen und keinen hat es interessiert»

In St. Gallen beim Kornhausplatz brauchte ein Mann am Freitagmittag offenbar Hilfe. Eine junge Frau berichtet auf Social Media, wie sie eingriff und bedauert, dass viele nur zugeschaut hätten.

von
Tabea Waser
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Am Freitagmittag bewies eine junge Frau in St. Gallen Zivilcourage. 

Am Freitagmittag bewies eine junge Frau in St. Gallen Zivilcourage.

Facebook
Sie kümmerte sich um einen Mann, der offenbar nicht ansprechbar war. 

Sie kümmerte sich um einen Mann, der offenbar nicht ansprechbar war.

Facebook
In einem Post auf Facebook kritisiert die Frau, es habe sonst niemand geholfen. 

In einem Post auf Facebook kritisiert die Frau, es habe sonst niemand geholfen.

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Darum gehts

  • Eine St. Gallerin beobachtet, wie am Freitag ein Mann offenbar Hilfe brauchte.

  • Sie schreitet ein und verständigt die Rettung.

  • Auf Social Media drückt sie ihr Unverständnis darüber aus, dass sonst niemand half.

  • Sie glaubt, es könne an der Angst vor Corona-Ansteckungen liegen.

  • Die Polizei stellt keinen Rückgang an Zivilcourage während der Pandemie fest.

«Ich verstehe es nicht und bin gerade etwas aufgewühlt, dass so wenig Zivilcourage gezeigt wird», äussert sich eine junge Frau in einer lokalen Facebook-Gruppe. Grund dafür ist ein Vorfall am Freitagmittag gegen 12.15 Uhr beim Kornhausplatz in St. Gallen. Da sei nämlich ein Mann auf einem Bänkli auf der Seite gelegen, den Kopf auf einem Plastiksack mit Schürfungen im Gesicht. Zudem sei er nicht ansprechbar gewesen und habe komisch geatmet.

«Ich habe ihn am Arm geschüttelt und gefragt, ob er Hilfe braucht», erzählt die junge Frau. Doch auch nach wiederholtem Fragen, habe sie keine Antwort erhalten. Dann habe sie die 144 verständigt, gewartet bis die Rettung kam und sei dann gegangen.

Kein Mitgefühl wegen Corona?

Was die junge Frau am meisten stört: Niemanden sonst habe es interessiert. «Andere sassen neben ihm und haben neben dem Bewusstlosen gegessen», so die Frau. Sie frage sich, wo die Menschlichkeit geblieben ist. Sie könne nicht verstehen, wie man nebenan sitze könne und gemütlich essen könne. Sie sei schockiert. «Trotz Corona sollte man doch hilfsbereit sein und nicht die Augen verschliessen.» Sie habe allerdings das Gefühl, Corona mache viele noch egoistischer. Vielleicht sei es auch so, dass viele aus Angst vor Corona-Ansteckungen nicht helfen.

Auf Facebook erhält die junge Frau viel Lob für ihr Eingreifen. «Super gemacht, schon traurig, dass es sonst niemandem aufgefallen ist», heisst es etwa. Oder: «Danke dir, dass du dich gekümmert hast.» Andere kritisieren sie dafür, dass sie den Vorfall auf Social Media schildert. Dazu sagt sie: «Ich will den Leuten die Augen öffnen, dass man auch in dieser Zeit Zivilcourage zeigen kann.» Man solle nicht einfach wegsehen, sondern helfen, wenn andere Hilfe brauchen.

Zum konkreten Fall kann sich die Stadtpolizei St. Gallen nicht äussern. Wie es auf Anfrage heisst, begrüsse man, wenn Menschen Zivilcourage zeigen. «In einem solchen Fall rät die Polizei, die Person anzusprechen und dann entweder Rettung 144 oder die Polizei 117 zu verständigen», so Mediensprecher Roman Kohler. Dass wegen Corona weniger Zivilcourage geleistet werde aus Angst vor Ansteckungen glaubt Kohler indes nicht. Es sei eher so, dass man Randständigen gegenüber vielleicht gewisse Berührungsängste habe.

Für die Helferin ist klar: «Ich würde wieder genau so handeln.» Nur weil es sich um einen Randständigen handelte, sei er doch genau so Mensch wie alle anderen und habe ein Recht auf Hilfsbereitschaft.

Und bei Unfällen?

Bei Unfällen im Strassenverkehr zählt die Polizei ebenfalls auch in Zeiten von Corona auf Hilfscourage. Einiges ist auch im Strassenverkehrsgesetz Artikel 51 geregelt. Es heisst etwa: «Sind Personen verletzt, so haben alle Beteiligten für Hilfe zu sorgen, Unbeteiligte, soweit es ihnen zumutbar ist.» Matthias Graf, Sprecher der Kantonspolizei Thurgau, betonte in einem Artikel vergangenen Juli, dass es besonders wichtig sei, Hilfe zu organisieren. Mit dieser Massnahme sei schon vieles gemacht. Zudem meint er: «Man kann nicht von jedem erwarten, dass er eine andere Person reanimiert. Das gilt auch unabhängig von der jetzigen Situation mit Corona.»

Art. 51 Strassenverkehrsgesetz

1 Ereignet sich ein Unfall, an dem ein Motorfahrzeug oder ein Fahrrad beteiligt ist, so müssen alle Beteiligten sofort anhalten. Sie haben nach Möglichkeit für die Sicherung des Verkehrs zu sorgen.

2 Sind Personen verletzt, so haben alle Beteiligten für Hilfe zu sorgen, Unbeteiligte, soweit es ihnen zumutbar ist. Die Beteiligten, in erster Linie die Fahrzeugführer, haben die Polizei zu benachrichtigen. Alle Beteiligten, namentlich auch Mitfahrende, haben bei der Feststellung des Tatbestandes mitzuwirken. Ohne Zustimmung der Polizei dürfen sie die Unfallstelle nur verlassen, soweit sie selbst Hilfe benötigen oder um Hilfe oder die Polizei herbeizurufen.

3 Ist nur Sachschaden entstanden, so hat der Schädiger sofort den Geschädigten zu benachrichtigen und Namen und Adresse anzugeben. Wenn dies nicht möglich ist, hat er unverzüglich die Polizei zu verständigen.

4 Bei Unfällen auf Bahnübergängen haben die Beteiligten die Bahnverwaltung unverzüglich zu benachrichtigen.

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

Deine Meinung

87 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Rpde

09.02.2021, 23:44

Frage mich wie viele von den 70% die "Ich hätte geholfen" gedrückt haben am schluss wirklich geholfen hätten??

Helfen ja mit einem ABER

09.02.2021, 19:16

Ich haben keine Lust von den Behörden komisch befragt und einvernommen zu werden. Gilt insbesondere für den Kanton St. Gallen. Habe auch schon erste Hilfe gemacht und mich danach sogleich verdrückt. Dieses Behördentum braucht kein Mensch.

Yvonne67

08.02.2021, 08:51

Sehr hilfsbereit und vorbildlich von dieser jungen Frau. Absolutes lautes Bravo! Aber Zivilcourage ist das nicht. Es braucht keinen Mut oder einen gefährlichen Einsatz, um die Notrufnummer zu wählen. Aber Menschlichkeit. Davon besitzt diese Dame offensichtlich mehr als andere. Diese allgemeine Gleichgültigkeit macht schon betroffen und nachdenklich..