Nach dem Anschlag in Kenia: Sie bringen die Bilder nicht aus ihrem Köpfchen
Aktualisiert

Nach dem Anschlag in KeniaSie bringen die Bilder nicht aus ihrem Köpfchen

Den Anschlag auf die Mall in Nairobi erlebten viele Kinder aus nächster Nähe mit. Wie stark ihr Trauma ist, hängt davon ab, wie viel sie mit eigenen Augen gesehen haben.

von
Rukmini Callimachi
AP

Als beim Überfall auf das Einkaufszentrum in Nairobi Mitte September die ersten Schüsse fielen, versteckten sich Cynthia Carpino und ihr Mann auf dem Parkplatz. Doch ihre einjährige Tochter wollte nicht aufhören zu weinen. Um sie zum Schweigen zu bringen, drückte ihr Vater der kleinen Azzurra so fest die Hand auf den Mund, dass sie fast erstickte und in seinen Armen ohnmächtig wurde. Drei Wochen später hat sie sich von dem Erlebnis noch immer nicht erholt. «Wenn ich ihr einen Pullover überziehen will und er streift über ihren Mund, fängt sie an zu schreien», sagt Carpino. «Ich weiss nicht, was ich dagegen tun kann.»

Andere Eltern, deren Kinder am 21. September den Terror in der Westgate Mall miterlebten, stehen vor ähnlichen Problemen. Die Angreifer schlugen an einem Samstagnachmittag zu, als sich viele Familien in dem noblen Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt aufhielten. Eltern warfen sich schützend über ihre Kinder, doch sie konnten die Bilder und Töne nicht ausblenden.

Inzwischen werden die psychologischen Folgen offenbar. Kinder malen Bilder von Granaten und Maschinengewehren oder «spielen Westgate», indem sie die Terroristen nachahmen. Nicht alle Kinder reagieren gleich. Manche zeigen kaum Symptome, obwohl sie direkt in der Schusslinie waren.

Im schlimmsten Fall entwickelt Azzurra eine posttraumatische Störung

Die Psychologin Katie McLaughlin, die sich an der Universität von Washington in Seattle mit posttraumatischem Stress beschäftigt, sagt, ein Trauma verändere die chemischen Eigenschaften des Gehirns. Die kleine Azzurra verbinde daher eine Berührung ihres Gesichts mit ihrer Panik während des Überfalls. «Das ist eine typische Konditionierung», erklärt McLaughlin. Bei den meisten Menschen werde sie im Lauf der Zeit schwächer. Wenn dieser Prozess ausbleibe, könne in schweren Fällen eine posttraumatische Belastungsstörung entstehen, meint die Forscherin.

Betroffene hätten Schlafstörungen, und eigentlich harmlose Dinge wie ein bestimmter Geruch oder Sinneseindruck könnten die Erinnerung an ein schreckliches Erlebnis wieder hervorbringen.

Azzurra und ihre Familie überlebten den Terrorangriff, aber alle vier haben die Geschehnisse auf unterschiedliche Art verarbeitet. Livio Carpino arbeitet wieder als Pilot für Kenia Airways, während seine Frau Cynthia Angst hat, das Haus zu verlassen. Ihre beiden Kinder erstickten zwar fast bei dem Versuch, die Terroristen nicht durch Wimmern oder Weinen auf sich aufmerksam zu machen. Doch das damals nur zwölf Tage alte Baby, mit dem sich Cynthia unter einem geparkten Auto versteckt hatte, scheint von dem schrecklichen Ereignis offenbar unberührt geblieben zu sein. Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle, warum sogar Geschwister völlig unterschiedlich auf dasselbe Ereignis reagieren. Die Zwillinge Keya und Kashvi Sarkar etwa wollten an jenem Tag an einem Kochwettbewerb für Kinder in der Westgate Mall teilnehmen. Die Anwesenheit der Eltern war bei der Veranstaltung nicht erlaubt, die Mutter der beiden Neunjährigen hatte sich deshalb verabschiedet.

Sie legte sich auf den Asphalt und schloss die Augen

Als der erste Sprengsatz detonierte, waren die Zwillinge auf sich allein gestellt. In ihrer Verzweiflung rannten sie ans Ende des Parkplatzes. Keya kam als erste dort an und drückte sich zwischen zwei beleibte Frauen. Kashvi fand nur noch einen Platz am Rand der verängstigten Menschenmenge, die dort ausharrte. Sie legte sich auf den Asphalt und schloss die Augen.

Keya hingegen schaute genau hin: «Ich sah drei Männer. Drei Terroristen. Sie trugen schwarze Turbane. Sie schossen einfach auf jeden, der sich bewegte. Da war eine Frau mit einem Baby neben mir. Als das Baby anfing zu weinen, warfen sie eine Granate nach uns. Sie prallte an einem Auto ab und landete neben meiner Schwester.» Die Granate hörte auf zu rollen. Aus ihr stieg schwarzer Rauch auf. Dicht danaben lag Kashvi mit dem Gesicht auf dem Boden, sie schaute nicht auf. Keya bedeckte ihr Gesicht mit den Armen und wartete auf den Knall.

Als dieser nicht kam, schaute sie kurz hin - und konnte den Blick nicht mehr abwenden. Als sie schliesslich in Sicherheit gebracht wurde, hatte sie die Granate so lange angestarrt, dass sie sie auf Geheiss eines Therapeuten in allen Einzelheiten nachzeichnen konnte. Ihre Schwester, die der Granate viel näher gewesen war, verspürte dagegen nicht den Wunsch, das Erlebte zu malen.

Ein Trauma ist eine Narbe

«Die Tatsache, dass ein Mädchen nicht visuell Zeugin eines Teils des Schreckens wurde, bedeutet, dass sie dem traumatischen Erlebnis in geringerer Dosis ausgesetzt war», sagt der Psychologe Jonathan Corner von der Florida International University, Leiter einer Studie zur Reaktion Hunderter Jugendlicher auf den Bombenanschlag beim Boston-Marathon.

Der Psychologe Stephen Wahome, der mit vielen der Opfer des Westgate-Überfalls gesprochen hat, sagt, ein Trauma sei eine Narbe. «Es verschwindet nicht. Man kann erreichen, dass es immer kleiner wird. Wenn man daran arbeitet, wird es weniger schmerzhaft, und schliesslich lernt man, damit zu leben.»

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