In der Bombenschule: Sie entschärfen die Sprengsätze der Taliban
Aktualisiert

In der BombenschuleSie entschärfen die Sprengsätze der Taliban

Tausende Soldaten sind in Pakistan durch selbstgebastelte Sprengsätze getötet und verletzt worden. In einer speziellen Schule lernen Pakistaner nun, solche Bomben zu erkennen.

von
Rebecca Santana
AP

Als der Soldat den Koran vom Boden aufheben wollte, explodierte das Buch – der Mann war sofort tot. Diese Geschichte ist für Brigadier Basim Saeed das schockierendste Beispiel für ein Versteck einer selbstgebastelten Bombe. In diesem Fall befand sich der Sprengsatz in einem ausgehöhlten Buch, das wie ein Exemplar der heiligen Schrift des Islam aussah. Normalerweise tendiere man dazu, den Koran aufzuheben, wenn er «irgendwo auf dem Boden» liege, sagt Saeed. «Aus Respekt.»

Saeed ist Chefausbilder der Counter IED, Explosives and Munitions School in Risalpur. An der Schule lernen pakistanische Sicherheitskräfte seit 2012, selbstgebaute Bomben zu erkennen. Er erzählt, wie die Aufständischen im Land immer ausgefeiltere Verstecke für ihre Sprengsätze finden: Sie werden an Kinderfahrrädern angebracht, in Wasserkrügen versteckt oder sogar in Bäume gehängt.

Selbstgebastelte Sprengsätze sind in der Region häufig geworden – durch die Kriege im Irak und in Afghanistan und wegen der Aufstände im Nordwesten Pakistans nahe der afghanischen Grenze. Seit 2002 sind mehr als 4000 pakistanische Soldaten und Paramilitärs bei der Aufstandsbekämpfung getötet und über 13'000 verletzt worden – meistens durch selbstgebastelte Bomben.

Suche nach den Bombenlegern

Ziel der Schule ist es, den Soldaten beizubringen, wo Bomben versteckt werden, wie sie identifiziert werden können und wie so Hinweise auf die Aufständischen gefunden werden können. «Erfolg ist, wenn wir ein Netzwerk identifizieren und ausschalten können», sagt Oberstleutnant Mohammed Anees Khan, einer der Ausbilder. «Wir müssen diejenigen schnappen, die diese Sprengsätze bauen und einsetzen.»

In Risalpur dauert die Ausbildung drei bis acht Wochen und es werden realistische Szenarien nachgespielt. Die meisten Teilnehmer kommen aus dem Militär, künftig sollen aber auch Polizisten und andere Sicherheitskräfte teilnehmen. Denn diese sind oft die ersten, die nach einer Explosion eintreffen, und ihnen fehlen oft Ausbildung und Ausrüstung, um mit den Bomben umzugehen.

Auf dem Gelände der Schule in Risalpur ist eine städtische Szenerie nachgebaut, inklusive Markt, Tankstelle und anderer Gebäude. Die Auszubildenden lernen die Ausrüstung kennen, mit der vergrabene Bomben aufgespürt werden können, und sie trainieren, mit ferngesteuerten Fahrzeugen verdächtige Gegenstände zu untersuchen.

Im Schrank lauert der Tod

Die Bomben sind gut versteckt: mal in einem Teich, mal auf einem Friedhof. In einem Haus werden Soldaten überrascht, als sie einen Schrank öffnen: Ein lautes Summen signalisiert eine Explosion. Draussen räumen andere den Weg zu einem «Militantenlager» frei und markieren ihn für nachkommende Truppen mit gelben Fahnen. «Immer, wenn wir reisen, sind wir der Gefahr ausgesetzt», sagt einer der Soldaten. «In Gebäuden, auf Wegen oder an anderen Orten müssen wir immer mit einer selbstgebastelten Bombe rechnen.»

Die Ausbilder an der Schule sagen, dass sie ständig neue Wege finden müssen, um mit den Sprengsätzen fertig zu werden. Denn die Aufständischen würden sich ebenfalls ständig Neues ausdenken. «Die Terroristen sind sehr schlau», sagt Brigadier Saeed. «Sie benutzen verschiedene Techniken, um uns auszutricksen. Deshalb müssen wir auch proaktiv sein.»

Die Schule in Pakistan hat auch Lob aus den USA erhalten. Lange Zeit hatte Washington das Land kritisiert, weil es nicht genug tue, um die Nutzung bestimmter Düngemittel einzuschränken, die auch für den Bombenbau genutzt werden. «Die Bestrebungen der Pakistaner ermutigen uns sehr», sagte Generalleutnant John D. Johnson aus dem US-Verteidigungsministerium.

Dialog mit den Taliban

Pakistans Regierung will in einen Dialog mit den radikalislamischen Taliban treten. Diese Absicht gab Premierminister Nawaz Sharif bereits Ende Januar bekannt – heute sollen laut BBC nun die ersten Gespräche stattfinden. Bei dem ersten Treffen soll es darum gehen, eine sogenannte «Roadmap» für den Dialog auszuarbeiten. Gesprächspartner sind Vertreter der Regierung sowie Exponenten der Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP). Diese bekämpfen die Regierung seit 2007. Allein im Januar kamen durch Angriffe der TTP über 100 Menschen ums Leben.

Deine Meinung