Aktualisiert 14.05.2020 08:41

Basel

«Die Securitas verprügeln uns, danach rufen sie die Polizei»

Im Bundesasylzentrum Bässlergut in Basel sollen Sicherheitsleute systematisch Gewalt gegen Asylsuchende ausüben. Die Securitas dementiert die Vorwürfe.

von
Lukas Hausendorf
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Im Bundesasylzentrum Basel, wo bis zu 300 Asylsuchende untergebracht sind, soll es regelmässig zu gewalttätigen Zwischenfällen kommen.

Im Bundesasylzentrum Basel, wo bis zu 300 Asylsuchende untergebracht sind, soll es regelmässig zu gewalttätigen Zwischenfällen kommen.

KEYSTONE
In einer gemeinsamen Recherche haben die «Rundschau» von SRF und die «Wochenzeitung» Einsicht in 170 Heimrapporte aus den letzten drei Jahren erhalten.

In einer gemeinsamen Recherche haben die «Rundschau» von SRF und die «Wochenzeitung» Einsicht in 170 Heimrapporte aus den letzten drei Jahren erhalten.

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In den von Mitarbeitern der Securitas verfassten Rapporten zu den Zwischenfällen sind es stets die Asylsuchenden, die die Sicherheitsleute provozieren oder angreifen.

In den von Mitarbeitern der Securitas verfassten Rapporten zu den Zwischenfällen sind es stets die Asylsuchenden, die die Sicherheitsleute provozieren oder angreifen.

SRF

Darum gehts

  • Im Bundesasylzentrum Bässlergut sollen Sicherheitsleute systematisch Gewalt gegen Asylsuchenden ausüben.
  • Die Securitas widerspricht der Darstellung der Asyslsuchenden und sagt, ihre Mitarbeiter würden regelmässig provoziert und angegriffen.
  • Das Bundesamt für Migration will die Vorwürfe nun prüfen.

Direkt an der Grenze zu Deutschland sind in Basel bis zu 300 Asylsuchende im Bundesasylzentrum Bässlergut untergrebracht. Regelmässig fahren hier die Ambulanz und Polizei vor, weil es zu internen Konflikten kommt. Die «Rundschau» von SRF und die «Wochenzeitung» haben in einer gemeinsamen Recherche Einblick in die internen Rapporte erhalten. Darin ist die Rede von Aggressionen seitens der Gesuchsteller gegen die Mitarbeiter des Ordnungsdienstes Securitas.

Aktuelle und ehemalige Heimbewohner schildern allerdings eine diametral andere Version der Ereignisse. «Die Securitats suchen die ganze Zeit Probleme, damit sie sich prügeln können», erzählt der Tunesier Lotfi Rezgani. Als einziger Betroffener äusserte sich der Asylsuchende öffentlich vor der Kamera. Seine Schilderungen decken sich mit einem guten Dutzend anonymen «Zeugenberichten» von gewaltbetroffenen Asylsuchenden, die die Aktivisten des Kollektivs «Drei Rosen gegen Grenzen» zusammengetragen haben. «Die Berichte decken sich, das Muster ist immer gleich. Es gibt keinen Grund an ihrer Richtigkeit zu zweifeln», sagt Marc Allamand von der Gruppe gegenüber der «Wochenzeitung».

«Die Berichte decken sich, das Muster ist immer gleich. Es gibt keinen Grund an ihrer Richtigkeit zu zweifeln.»

Marc Allamand, Aktivist

So verbrachte Hichem* zwei Tage im Spital, nachdem ein Securitas ihn derart fest auf das Zwerchfell schlug, dass er Atemnot bekam. Er sagt, die Aggressionen des Sicherheitspersonals richteten sich vor allem gegen Gesuchsteller aus Nordafrika. «Jeden Tag wird Gewalt verübt», sagt er.

Ein anderer Asylsuchender berichtet von einem Securitas, den alle den «Russen» nennen. Er mache Kampfsport und trainiere an den Leuten aus dem Maghreb. Youssuf* wurde zusammengeschlagen, als er eine neue Essenskarte wollte. Ein Securitas habe ihn aufgefordert, ihm zu folgen. «Ich ging mit ihm und einem anderen Securitas in dieses Zimmer. Als wir dort ankamen, fingen sie, ohne etwas zu sagen und ohne Vorwarnung an, auf mich einzuschlagen.» Er wollte den Fall anzeigen, die Polizei habe aber nur mit der Securitas gesprochen, behauptet er. Das habe System.

«Die Securitas verprügeln uns, danach rufen sie die Polizei.»

Youssuf*

Die Beschuldigten wehren sich gegen diese Vorwürfe. «Manchmal müssen wir Gewalt anwenden, um eine Weisung durchzusetzen», sagen Securitas-Mitarbeitende anonym gegenüber der «Rundschau». Dies geschehe aber immer verhältnismässig. Die Sicherheitsleute behaupten auch, dass sie regelmässig von Asylsuchenden provoziert und angegriffen würden. Die Asylsuchenden ihrerseits behaupten, das Gegenteil sei der Fall.

Das Bundesamt für Migration hat «keine Hinweise auf unangemessene Gewalt», wie Kommunikationschef Daniel Bach gegenüber der «Rundschau» erklärte. Aktenkundig aus den letzten drei Jahren sei lediglich ein einziger Fall eines Securitas-Mitarbeiters, der in einer Stresssituation überreagiert habe. Der Fall sei mit allen Beteiligten aufgearbeitet worden. Der Mann wurde befördert. Das SEM will nun aber die Vorwürfe der Asylsuchenden aufgrund der Recherche von SRF und der «Wochenzeitung» prüfen.

*Name geändert.

Weniger Gesuche wegen Corona

Asylverfahren werden in der Schweiz in sechs Asylregionen durchgeführt, wobei jede Region über ein eigenes Bundesasylzentrum verfügt. Diese werden vom Bundesamt für Migration betrieben und können insgesamt 5000 Asylsuchende aufnehmen. In den Bundesasylzentren mit Verfahrensfunktion, zu denen auch das Bässlergut zählt, bleiben die Ayslsuchenden in der Regel bis über ihr Gesuch entschieden wurde. Erst danach werden sie im Falle eines positiven Entscheids oder eines erweiterten Verfahrens den Kantonen zugewiesen.

Im ersten Quartal 2020 wurden in der Schweiz 3278 Asylgesuche eingereicht. Das sind 11 Prozent weniger als im ersten Quartal 2019. Hauptgrund für den Rückgang ist laut SEM die Covid-19-Epidemie.

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