Raser-Prozess: «Sie fuhren wie Vollidioten»

Aktualisiert

Raser-Prozess«Sie fuhren wie Vollidioten»

Weil sie gemeinsam nach Schönenwerd rasten, musste Lorena W. sterben. Ab heute stehen Nekti T., Vedran B. und Cemal A. vor Gericht.

von
Annette Hirschberg
Olten

Dichter Nebel herrschte in der Nacht vom 8. November 2008 als sich Nekti T. (18), Vedran B. (18) und Cemal A. (18) zwischen Aarau und Schönenwerd ein Rennen lieferten. Kurz nach dem Ortseingang Schönenwerd prallte das vorderste der drei Autos, in dem Nekti T. am Steuer sass, ungebremst in einen abbiegenden roten Golf. Die 21-jährige Lorena W. im Fonds des Golfs wurde vom Aufprall getötet. Der 59-jährige Lenker Rainer S. und seine 62-jährige Ehefrau Bernadette S. wurden mittelschwer verletzt.

Knapp zwei Jahre nach dieser verhängnisvollen Nacht müssen sich die drei Lenker der Raserautos vor Gericht für ihre Taten verantworten. Am Montagmorgen beginnt der Prozess am Amtsgericht in Olten. Er dauert sieben Tage und es werden 14 Zeugen befragt. Die drei sind der vorsätzlichen oder eventuell der fahrlässigen Tötung angeklagt.

135 km/h im dichten Nebel

Laut Anklageschrift sollen sie im Bereich Telli in Aarau den gemeinsamen Entschluss gefällt haben, so schnell wie möglich via Schachen nach Schönenwerd zu fahren. Auf der kurvigen Strecke – ihr Weg führte sie von Aarau via den Allmendweg und die Schachenstrasse auf die Aarauerstrasse – fuhren sie innerorts bis zu 120 Kilometer pro Stunde und ausserorts bis zu 135.

Dabei kam es zu mehreren gefährlichen Überholmanövern. So fuhren sie auf der Aarauerstrasse zwischen Wöschnau und Schönenwerd – einer kurvigen unübersichtlichen Strecke – längere Zeit auf der linken Spur, um zwei Autos zu überholen. «Sie fuhren wie Vollidioten bei dichtem Nebel. Ich fuhr deswegen nur 70 und die hatten sicher 120 drauf», erzählte Ruedi M., einer der beiden Lenker, damals dem «Blick».

Aufprall mit 116 Stundenkilometern

Während des gesamten Rennens sollen sie zudem sehr nah hintereinander gefahren sein. Von Abständen von zwei Metern ist die Rede – bei Geschwindigkeiten von deutlich über 100 Stundenkilometern.

Als sie gegen 1.40 Uhr morgens die Ortseinfahrt Schönenwerd passierten, fuhren sie laut Anklageschrift noch zwischen 116 und 129 Kilometer pro Stunde schnell. Gemäss Gutachten prallte Nekti T. mit seinem schwarzen Audi A4 Minuten später mit 101 bis 116 Kilometer pro Stunde auf den abbiegenden roten Golf von Rainer S. «Ich sah nur noch die Scherben fliegen», sagte Ruedi M. Zusammen mit Anwohnern versucht er bis zum Eintreffen der Sanitäter Lorena W. zu retten. Doch für sie kam jede Hilfe zu spät.

Die anderen zwei Raser sind ebenso für Lorenas Tod verantwortlich

Währenddessen fuhren Vedran B. und Cemal A. einfach weiter. Sie stellten ihre Fahrzeuge weit von der Unfallstelle entfernt ab und kehrten zu Fuss zurück. Als sie nicht helfen konnten, hauten sie wieder ab. Den Medien gegenüber gaben sie später an, unschuldig zu sein. Der Staatsanwalt hat sie jedoch zusammen mit Nekti T. der vorsätzlichen Tötung angeklagt.

Vedran und Cemal hätten Nekti zum falschen Verhalten motiviert, indem sie viel zu schnell fuhren, riskant überholten und zu kurze Abstände zu Nekti hielten, so die Anklageschrift. Zudem hätten sie es dadurch verunmöglicht, dass Nekti rechtzeitig ein Bremsmanöver einleiten konnte. Dies stelle einen «entscheidenden Beitrag zur Tötung von Lorena W. dar».

Den Tätern drohen bis zu 20 Jahre Haft

Der Fall Schönenwerd sorgte in den Tagen und Wochen nach dem 8. November für landesweite Wut und Empörung. Es kam zu einer Kundgebung in Bern. Der Kanton Solothurn setzte zudem eine Arbeitsgruppe ein und Politiker und die Bevölkerung forderten härtere Strafen für Raser. Entsprechend hoch ist der Druck auf dem Richtergremium in Olten, die Raser nicht zu milde anzupacken. Werden sie wegen vorsätzlicher Tötung verurteilt, drohen ihnen bis zu 20 Jahre Haft.

20 Minuten Online wird heute Montag fortlaufend vom Amtsgericht Olten berichten.

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