Presseschau: «Sie haben die Mauer eingerissen»

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Presseschau«Sie haben die Mauer eingerissen»

Was die Medien zum historischen Erfolg der Schweiz an der Eishockey-Weltmeisterschaft zu sagen haben.

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bem/kub

Einigkeit im Blätterwald: Die Viertelfinalqualifikation der Schweizer Eishockey-Nationalmannschft an der WM in Schweden ist grossartig. Aber das Bessere ist der Feind des Guten, und so mahnt die «Basler Zeitung»: «Einfacher hätten es sich die Schweizer machen können, wenn sie effizienter mit ihren wenigen Chancen umgegangen wären. Reto Suri beispielsweise verpasste noch im ersten Drittel einen Treffer, als er plötzlich allein vor dem tschechischen Tor auftauchte.»

Der «Bund» hingegen feierte die neue Unerschrockenheit der Schweizer: «Immer wieder hatten die Schweizer im neuen Jahrtausend an die Türe geklopft, um an einem grossen Turnier Einlass zu erhalten in den exklusiven Zirkel der Topnationen. Stets wurden sie abgewiesen. (...) Neunmal hatten die Schweizer artig geklopft, in Stockholm machten sie es anders: Sie traten die Türe kurzerhand ein.»

Kein Ende in Sicht

In der «Südostschweiz» wird ebenfalls das Selbstbewusstsein des Teams hervorgehoben: «Sie glauben zu Recht an ihre Qualitäten und sind nicht mehr einfach die «kleinen» Schweizer.» Fazit: «Für sie ist der Halbfinal-Einzug zwar ein Meilenstein, doch diese Truppe will noch mehr.»

«Le Matin» sah einstürzende Mauern: «Sie haben es geschafft, sie haben die Mauer eingerissen!», schreibt die Zeitung. Vor dieser Leistung müsse man den Hut ziehen und laut Bravo rufen.

Im «Liechtensteiner Vaterland» wird aus der Schweizer Eishockey-Nati vor lauter Begeisterung flugs eine einheimische Truppe – jedenfalls stand da etwas vom «hiesigen Eishockey». Jä nu, das Vaterland wird seine WM-Berichterstattung wohl von einem Schweizer Korrespondenten übernehmen.

Der schmale Grat

Die NZZ verweist darauf, «wie schmal der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg mittlerweile auch im internationalen Eishockey ist»: «Noch vor gut zwei Jahrzehnten war die Hierarchie mehr oder weniger in Stein gemeisselt: In der Regel gewannen die Russen Gold, die Schweden, Tschechoslowaken und Kanada stritten sich um Silber und Bronze (...). Als die Schweizer 1987 in Wien nach 15 Jahren wieder einmal unter den Besten waren, war das für sie wie eine Reise in eine andere Welt. (...) Seither hat sich die Szene rasant verändert: Die Russen sind immer noch eine führende Eishockey-Nation, haben aber ihre Vorherrschaft verloren. (....) Und die Schweizer haben einen grossen Teil ihres Rückstandes wettgemacht.»

«24 Heures» freut sich, dass dem Sieg gegen Tschechien keinerlei Makel anhafte, denn immerhin hätten im Team der Tschechen nicht weniger als 12 NHL-Profis gestanden.

Der «Blick» titelt im Kommentar witzig: In Anlehnung an Fifa-Präsident Sepp Blatters Bemerkung über das Konkurrenzverhältnis Eishockey und Fussball (Die Sache ist klar. Die Erde ist ja auch keine Scheibe. Sondern eine Kugel.), titelt der Blick: «Die Schweiz ist eine Scheibe.» Die Schweizer Hockeyaner stellen ihren Sport aus dem Schatten des Fussballs. Acht Siege in Serie an einer WM: «Das ist nicht einfach ein Exploit. Das ist nicht einfach eine glückliche und märchenhafte Fügung. (...) Sondern man ist auf Augenhöhe mit den ganz grossen Hockeynationen angelangt», so der «Blick».

Der «Tages-Anzieger» würdigte Goalie Martin Gerber: «Gerber war der Fels in der Brandung, seine Verteidiger kämpften verbissen um jeden Puck, schliesslich befreite Gardner den Puck aus der Schweizer Zone. Der SCB-Meisterstürmer wurde, mit dem leeren Tor vor sich, von einem Tschechen umgerissen. Es war nicht das erste Vergehen der Favoriten, das die Referees übersahen. Doch es spielte keine Rolle mehr. (...) Es war ein hartes Stück Arbeit, dieses 2:1. Aber es war, wie schon die Exploits in der Vorrunde gegen Schweden, Kanada und Tschechien, durchaus verdient.»

In den USA jedoch ist der Sieg der Schweizer gegen Tschechien kein Thema, obwohl die Schweiz der Halbfinalgegner der USA ist. Aber dass die USA im WM-Halbfinal steht, interessiert dort auch keinen. Nur in der «New York Time» lässt sich ein Artikel zum Thema finden, in dem erwähnt wird, dass es die USA am Samstag mit den Schweizern zu tun bekommen, «die Tschechien mit 3:0 bezwangen». Thank you, guys.

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