Kannibalismus: «Sie haben ihn Stück für Stück gegessen»
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Kannibalismus«Sie haben ihn Stück für Stück gegessen»

Vier Freunde verschwinden auf einer Angel-Tour in der Taiga. Als zwei gerettet werden, gesteht einer: Die Hungernden haben ihren toten Kumpel verspeist. Die Witwe fordert nun ihre Bestrafung.

von
phi

Im Dezember sorgte ein Fall von Kannibalismus in Russland für offene Münder: Der 37-jährige Alexander Abdullaev hatte zugegeben, zusammen mit dem zwei Jahre jüngeren Alexei Gorulenko dessen langjährigen Kumpel Andrei Kurochkin gegessen zu haben. Sie waren in der Taiga mit einem vierten Mann, der nach wie vor verschollen ist, während ihrer Angelferien verschwunden. Nun fordert die Witwe eine Bestrafung der Menschenfresser. Doch der Reihe nach.

Die vier Freunde sind am 8. August 2012 vom Dorf Dipkun in der Amur-Region in Richtung Ost-Sibirien aufgebrochen, um dort zu fischen. Obwohl ihr Jeep nach rund 300 Kilometer bei einer Flut in den Daurka-Fluss gezogen wird, bleiben die Männer mehrere Wochen in der Taiga. Sie treffen im September sogar Menschen und benutzen deren Satellitentelefon, schreibt die «Siberian Times». Dann verschwinden sie.

Verwirrende Aussagen

Im November wendet sich schliesslich die Schwester des 44-jährigen Alexander Abdullaev an die Polizei. «Die Taiga ist sein Element», begründet Faina Mukhina die späte Vermisstenmeldung. «Er kann dort ein, zwei Monate überleben und er war nicht allein. Er war dort mit Freunden.» Nach einer Woche Suche finden die Behörden am 30. November zwei der vier Männer. Alexander Abdullaev und Alexei Gorulenko sind völlig erschöpft.

«Sie sagten, sie hätten ihr Auto verloren und entschieden, zu Fuss zurückzugehen», berichtet einer der Retter. «Als Andrei Kurochkin sich das Bein verletzte, haben sie sich in zwei Gruppen aufgeteilt. Andrei und Viktor Komarov blieben in der Jagdhütte nahe des Daurka-Flusses, die anderen beiden Männer erreichten bald eine Goldgräberhütte.» Fakt ist: Am 20. Oktober sind Menschen in letzterer Behausung, nehmen Essen mit und hinterlassen 3000 Rubel, knapp 90 Franken, für die Nahrung.

«Erst danach haben wir angefangen, ihn zu essen»

In 50 Kilometer Entfernung vom Fundort der ersten beiden Männer entdecken die Suchtrupps im Dezember eine Leiche, der das Fleisch von den Knochen geschnitten wurde. Alexander Abdullaev gibt schliesslich zu, dass Alexei Gorulenko und er Andrei Kurochkin verspeist, aber nicht getötet haben. «Er starb an einer Erkältung, nachdem er sich das Bein verletzt hatte. Er hatte Frostbeulen und erfror. Erst danach haben wir angefangen, ihn zu essen, um zu überleben», so Abdullaev.

Und weiter: «Wir brauchten Protein. Es half uns, zehn Tage zu überleben.» Später wird er freiwillig einen Lügendetektortest ablegen, der seine Aussage stützt. Gorulenko verweigert bei der Polizei die Aussage. Seine Mutter erzählt: «Alexei hat niemandem erzählt, was im Wald passiert ist. Er ist die meiste Zeit still und seufzt die ganze Zeit.» Olga Kurochkin, die Witwe des Opfers, kann die Geschichte im Dezember noch nicht glauben. Die beiden Männern würden in ihrem Zustand auch zugeben, John F. Kennedy ermordet zu haben, meint sie.

«Das ist das, was von dem Mann übrig ist, den ich geliebt habe»

Ende Januar beweist jedoch ein DNA-Test zweifelsfrei, dass die Leiche die ihres Mannes ist. Ihre Zurückhaltung hat Olga Kurochkin deshalb auch aufgegeben. «Jetzt bin ich mir sicher, dass sie ihn gegessen haben. Wir wissen jetzt, dass Andrei woanders gestorben ist und sie ihn den ganzen Weg durch den Schnee gezogen haben. Sie haben ihn Stück für Stück gegessen. Können Sie sich vorstellen, was mir bleibt? Ein Fuss mit Zehen, ein Finger und die Rückseite des Schädels mit ein paar Haaren. Das wars. Das ist das, was von dem Mann übrig ist, den ich geliebt habe.»

Bei der Leiche ihres Mannes wären auch Tierknochen gefunden worden, klagt sie an. «Warum müssen sie Menschenfleisch essen, wenn sie Tiere töten konnten?» Mord wolle sie den Überlebenden nicht unterstellen. «Aber ich will, dass sie für das, was sie getan haben, bestraft werden.» Das habe sie auch der Polizei geschrieben, sagt sie. Die kündigte an, dass die weiteren Ermittlungen bis Juni andauern würden. Vielleicht weiss sie bis dahin auch, was aus dem 47-jährigen Viktor Komarov geworden ist. Der vierte Mann in dem Quartett gilt nach wie vor als vermisst.

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