12.08.2017 18:44

Syrischer Folterknecht in Deutschland

«Sie haben mich genäht wie eine Bluse oder Hose»

Ibrahim A. soll in Syrien gefoltert und getötet haben. Später flieht er – und wird von seinen früheren Opfern in Deutschland vor Gericht gebracht.

von
gux
Der Prozess gegen Ibrahim A. findet vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf statt.

Der Prozess gegen Ibrahim A. findet vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf statt.

Imago

Abu Abdo hat ihn sofort wiedererkannt, den Mann, der ihn in Aleppo täglich schlug und foltern liess: Auf einer Facebookseite, die nach Deutschland geflohene Syrer eingerichtet haben, war der Mann in Kampfkleidung zu sehen, so wie er seinen Opfern nur zu schlecht in Erinnerung geblieben ist.

In Syrien nannte er sich Abu Dieb, «Vater des Wolfes», und führte 150 Männer an, die in den Wirren des syrischen Bürgerkriegs zwischen 2012 und 2014 ein ganzes Stadtviertel von Aleppo terrorisierten, plünderten und folterten. Jetzt steht er als Ibrahim A. (42) vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf – und sein früheres Opfer sitzt im deutschen Zeugenstand.

Opfer in Deutschland, Holland, Schweden

Der Syrer Abu Abdo, der seinen Landsmann und mutmasslichen Peiniger in Deutschland erkannt hat, berichtet im Prozess, der seit Mai diesen Jahres läuft, von seiner 37 Tage langen Gefangenschaft in Syrien. Ibrahim A. habe ihn «mit allem Möglichen gequält, mit Schläuchen, Eisenstangen und Strom. Manchmal hat er einen Gast bekommen, und dann hat er mich gefesselt und geschlagen, nur um das zu zeigen», so Abu Abdo in der aktuellen Printausgabe des «Spiegels».

Abu Abdo ist nicht der Einzige, der schwere Vorwürfe gegen Ibrahim A. und seine Bande erhebt. Mutmassliche Opfer sind über halb Europa verteilt, die Akte füllt über 23'000 Seiten. Ein anderer Syrer erzählt: «Sie haben mir eine Flasche gegeben und gesagt, dass das Narkosemittel sei und ich das trinken soll. Dabei handelte es sich um Wasser. Dann haben sie begonnen, mich zu nähen. Sie haben mich genäht wie eine Bluse oder Hosen», so der 27-Jährige, der mittlerweile in Holland lebt.

«Ich war auf so eine Art Tisch gefesselt und konnte mich nicht bewegen. Dann haben sie mir mit Ketten auf die Fusssohlen geschlagen», gibt ein weiteres Opfer, ein 42-jähriger Syrer, in Schweden zu Protokoll.

«Versuch einer deutschen Wahrheitsfindung»

Mehrere Gefangene seien während der Gefangenschaft ums Leben gekommen, heisst es. Zu den Vorwürfen schweigt der «Vater des Wolfes». Sein Verteidiger Martin Heising sagt, es handle sich um ein komplexes Verfahren, das Jahre dauern könne. «Es ist der Versuch einer deutschen Wahrheitsfindung», wie der «Spiegel» schreibt.

Am 6. April vergangenen Jahres hatte eine Spezialeinheit den Verdächtigen im deutschen Münster festgenommen. Die Bundesanwaltschaft legt Ibrahim A. Kriegsverbrechen nach dem Völkerstrafrecht und erpresserischen Menschenraub zur Last. Das Gericht unter Vorsitz von Richter Frank Schreiber hat zunächst Verhandlungstermine bis in den September vorgesehen.

Dem Angeklagten droht lebenslange Haft. Abhängig vom psychiatrischen Gutachten ist laut der «Welt» aber eine Unterbringung in der Psychiatrie oder im Massregelvollzug möglich.

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