Schweizerin im Libanon - «Sie haben sich nicht als Opfer gesehen, sondern als Kämpfer!»
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Schweizerin im Libanon«Sie haben sich nicht als Opfer gesehen, sondern als Kämpfer!»

Am 4. August 2020 hat sich in der libanesischen Hauptstadt Beirut eine schlimme Explosion ereignet. Die Aargauerin Abril (20) war als Helferin vor Ort. Mit 20 Minuten spricht sie über ihre Erlebnisse.

von
Julia Ullrich

Abril reiste 2020, nach der Explosion in Beirut, mit ihrem Freund in den Libanon. Die beiden halfen beim Wiederaufbau und der Versorgung der Bevölkerung.

Abril M./20Minuten

Darum gehts

  • Abril ist 20 Jahre alt und war 2020 als Ersthelferin im Libanon.

  • In der libanesischen Hauptstadt Beirut gab es am 4. August 2020 eine schwere Explosion.

  • Mindestens 190 Menschen starben, über 6000 Personen wurden verletzt.

  • Vor ihrer Reise sammelten Abril und ihr Freund rund 20’000 Franken an Spendenallein durch Social-Media.

  • Mit 20 Minuten spricht sie über ihre Zeit im Libanon und wie die Menschen auf die Unterstützung reagiert haben.

Panik, Chaos, Staub, der Lärm von Alarmanlagen, die gleichzeitig losgingen. Die schwere Explosion kurz vor sechs Uhr, am Abend des 4. August 2020, erschütterte die Menschen in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Der Hafen und grosse Teile der umliegenden Wohngebiete wurden massiv zerstört, mindestens 190 Menschen sind ums Leben gekommen, mehr als 6000 wurden verletzt.

Für die 20-jährige Abril war sofort klar, dass sie handeln muss: «Mein Freund und ich haben die Nachricht damals aus den Medien erfahren. Da er gebürtige Libanese ist, hat uns das Ganze persönlich getroffen. Zuerst wollten wir selbst etwas spenden und haben auf unseren Social-Media-Accounts um Geld gebeten.» Laut der Aargauerin haben sie so etwa 20’000 Franken sammeln können. Doch das reichte den beiden noch nicht. «Wir fanden ziemlich schnell die Non-Profit-Organisation Swiss Barakah Charity, die Helfer*innen vor Ort suchte. Wir wussten, die Menschen dort brauchen unsere Hilfe – also sagten wir zu.»

«Ich hielt meine Reise vorerst vor meinen Freunden geheim»

Abrils Eltern waren von ihrem Vorhaben zuerst alles andere als begeistert. «Sie haben sich Sorgen gemacht, die auch von vielen Vorurteilen begleitet waren. Zum einen wegen der vermeintlich instabilen Lage im Land, zum anderen wegen der Explosion.» Dennoch stand der Entschluss für die Aargauerin fest: Sie will fliegen. Ihre Eltern willigten nach einiger Zeit eindoch vor ihren Freund*innen hielt sie ihr Vorhaben vorerst geheim. Abril: «Ich wollte nicht, dass jemand denkt, dass ich es nur wegen der Aufmerksamkeit machen will.»

Am 1. September flog Abrilgemeinsam mit ihrem Freundvon Zürich in den Libanon. Die ersten drei Tage verbrachten die beiden in Beirut: «Direkt nach der Landung haben wir ein provisorisches Hilfslager besucht. Ursprünglich war das Gebäude mal eine Kirche, doch dort lebten nun Menschen, die alles verloren haben. Wir haben Medikamente und Essen verteiltund für die Kinder eine kleine Clown-Show hingelegt. Es war so surreal und eindrücklich», sagt die 20-Jährige. Das in der Schweiz gesammelte Geld legten sie mit Swiss Barakah zusammen, so konnten insgesamt über 60’000 Franken gespendet werden.

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Abril (20) spielt als Clown verkleidet mit den Kindern in Beirut.

Abril (20) spielt als Clown verkleidet mit den Kindern in Beirut.

privat
Vor Ort verteilt die Hilfsorganisation Medikamente an die betroffene Bevölkerung.

Vor Ort verteilt die Hilfsorganisation Medikamente an die betroffene Bevölkerung.

privat
Hunderte Tüten mit Essensvorräten werden durch die Gruppe verteilt.

Hunderte Tüten mit Essensvorräten werden durch die Gruppe verteilt.

privat

«Wir gingen von Tür zu Tür und halfen beim Wiederaufbau der Häuser»

Später besuchten die beiden eine kleine Moschee, die in einem ärmeren Viertel von Beirut liegt. «Wir haben grosse Hygiene- und Essenspakete an die Leute dort verteilt. Jedes Paket war auf eine fünfköpfige Familie ausgelegt, die Vorräte sollten etwa zwei Monate reichen.» Der Einsatz im Libanon war auf zwei Wochen angesetzt, doch Abril und ihr Freund mussten bereits nach sieben Tagen wieder zurück. «Ich arbeite als Serviceangestellte in einem Restaurant. So lange zu fehlen war einfach nicht möglich.»

Als sich die Woche langsam dem Ende neigte, machten sich Abril und ihr Begleiter zu Hausbesuchen auf: «Wir sind durch die Stadt von Tür zu Tür gegangen und haben den Bewohner*innen beim Wiederaufbau der Häuser geholfen und sie dabei mental unterstützt. Auch Essens- und Trinkpakete hatten wir jeweils mit dabei.»

Im Nachhinein sagt Abril: «In den Libanon zu reisen war die beste Entscheidung meines ganzen Lebens! Ich konnte den Menschen helfen und habe mich dort auch selbst komplett verändert. Ich bin dankbarer geworden, die Situation dort hat mir die Augen geöffnet.» Besonders bewegt auf ihrer Reise haben sie die Reaktionen der Betroffenen. «Als wir in den Hilfslagern ankamen, hätte ich nie gedacht, dass den Menschen dort wirklich so etwas Schlimmes zugestossen istsie waren immer noch so fröhlich und lebensfroh. Mein Wow-Moment war die Herzlichkeit der Menschen. Sie haben sich nicht als Opfer gesehen, sondern als Kämpfer. Das hat mich stark gemacht.»

«Der Tag der guten Tag» ist eine Initiative von Coop Schweiz.

«Der Tag der guten Tag» ist eine Initiative von Coop Schweiz.

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