Aktualisiert 21.03.2020 20:23

Doktor Sex

«Sie hat Gefühle für ihren besten Freund!»

Gilles Freundin hat sich nach zehn Jahren Beziehung fremdverliebt. Die Verunsicherung ist bei beiden gross. Was tun?

von
wer
Gilles Freundin verbringt viel Zeit mit ihrem besten Kollegen am Handy: Hat sie sich verliebt?

Gilles Freundin verbringt viel Zeit mit ihrem besten Kollegen am Handy: Hat sie sich verliebt?

Grinvalds

Frage von Gilles (38) an Doktor Sex: Ich bin seit zehn Jahren mit meiner Freundin zusammen. Wir haben es gut, trotz gelegentlicher Reibereien. Letzte Woche nun bemerkte ich, dass meine Freundin oft am Handy ist. Darauf angesprochen, beichtete sie mir, dass sie mit ihrem besten Freund täglich in Kontakt ist und Gefühle für ihn hat.

Erst neulich waren wir bei ihm und seiner Partnerin zum Essen und jetzt das. Ich habe ein flaues Gefühl im Magen und die Sache verletzt mich. Aber ich weiss, dass ein Verbot die Situation noch verschärfen könnte. Ich will auch nicht Druck machen, denn darauf reagiert sie total unberechenbar.

Ich komme mir ausgenutzt vor, möchte aber, dass sie sich für das entscheiden kann, was für sie richtig ist. Es stehen zwei Beziehungen auf dem Spiel, was mich zusätzlich beschäftigt. Irgendwie ist sie selbst überrumpelt von ihren Gefühlen und weiss nicht, was sie soll. Wie soll ich mich verhalten?

Antwort von Doktor Sex

Lieber Gilles

Ihr seid zehn Jahre zusammen. Du darfst dich deshalb darauf verlassen, dass du und all das, was ihr in dieser Zeit zusammen erlebt und aufgebaut habt, für deine Freundin wichtig ist. Sie wird also sicher nicht einfach so mir nichts dir nichts die Beziehung beenden.

Dass dich die Sache bewegt und verunsichert, kann ich gut verstehen. Es spricht für dich, wie grosszügig du ihr gegenüber trotz allem bist und wie du ihr die Zeit lässt, die sie braucht, um sich selbst über ihre Gefühle klarzuwerden. Andere Männer würden sich aus Selbstschutz oder gekränktem Stolz zurückziehen.

Wichtig ist, dass du dich selbst und deine Grenzen auch ernst nimmst. Was ist, darf sein – dies gilt auch für deine Emotionen. Respektiere den Teil in dir, der sich ausgenutzt fühlt, und höre aufmerksam zu, was er zu erzählen hat. Sonst läufst du Gefahr, dass er plötzlich unkontrolliert über deine Freundin herfällt und so Schaden anrichtet.

Ich nehme an, dass du den einen oder anderen guten Freund oder Kollegen hast, mit dem du über die Sache sprechen kannst. Falls das nicht geht oder du die Geschichte nicht veröffentlichen möchtest, rate ich dir, eine Fachperson als Gesprächspartner zu organisieren, bei der du deine Sorgen abladen kannst.

Vielleicht löst die aktuelle Erfahrung bei dir ja auch Erinnerungen aus. Wir alle werden im Lauf unseres Lebens verlassen – oder fühlen uns ungerecht behandelt. Und jedes Mal, wenn dies wieder geschieht, tauchen solche alten Geschichten wieder auf und verbinden sich mit der Gegenwart, was zu einer explosiven emotionalen Mischung von Vergangenem und Gegenwärtigem führt.

Daher beinhaltet jede Krise gleichzeitig auch die Chance, sich selbst und die eigene Vergangenheit besser zu verstehen. Als angenehmer Nebeneffekt führt dies nicht selten dazu, dass sich die eigene Haltung in Bezug auf das, was die Krise ausgelöst hat, plötzlich völlig verändert und die Sache leichter erscheint als zuvor.

Und last but not least kannst du die aktuelle Situation auch nutzen, um dir über deine ganz persönliche Zukunft Gedanken zu machen – und das, was in deinem Leben neben der Beziehung sonst noch wichtig ist. Zu erkennen, dass man nicht nur Partner, sondern auch eigenständiges Individuum ist, kann Kraft geben. Alles Gute!

Deine Frage an Doktor Sex: doktor.sex@20minuten.ch

Bruno Wermuth ist Paar- und Sexualberater mit eigener Praxis in Bern und Zürich. Als «Doktor Sex» beantwortet er Fragen von Leser*innen. brunowermuth.ch

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