Raus aus der Komfortzone: Sie hatten genug Mumm, eine Firma zu gründen
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Raus aus der KomfortzoneSie hatten genug Mumm, eine Firma zu gründen

Vielen Schweizern fehlt der Mut zum Unternehmertum. 20 Minuten hat zwei junge Firmengründer gefragt, was sie richtig gemacht haben.

von
V. Blank
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Andrea Würsch (28) und Jérôme Neumann (28), Gründer von meincatering.ch: «Wir wussten schon während unserer gemeinsamen Kochlehre, dass wir nicht einfach irgendwo angestellt sein wollen.»

Andrea Würsch (28) und Jérôme Neumann (28), Gründer von meincatering.ch: «Wir wussten schon während unserer gemeinsamen Kochlehre, dass wir nicht einfach irgendwo angestellt sein wollen.»

zvg
Die beiden Jungunternehmer betreiben einen Catering-Service und ein Restaurant. In Planung ist ein eigener Onlineshop.

Die beiden Jungunternehmer betreiben einen Catering-Service und ein Restaurant. In Planung ist ein eigener Onlineshop.

Eine Studie der Hochschule für Wirtschaft (HSW) in Freiburg zeigt: Junge Schweizer stehen dem Unternehmertum positiv gegenüber - wollen jedoch selbst keine Firma gründen. Sie wollen nicht aus ihrer Komfortzone ausbrechen.

Eine Studie der Hochschule für Wirtschaft (HSW) in Freiburg zeigt: Junge Schweizer stehen dem Unternehmertum positiv gegenüber - wollen jedoch selbst keine Firma gründen. Sie wollen nicht aus ihrer Komfortzone ausbrechen.

unsplash.com / Crew Canada

Gerade einmal 3,1 Prozent der jungen Schweizer ziehen eine Firmengründung als Karriereoption ernsthaft in Betracht. Das zeigt eine Studie der Hochschule für Wirtschaft (HSW) in Freiburg. Das Fazit: Den Jungen fehlt der Mut, sie verlassen nur ungern ihre Komfortzone.

Doch es gibt auch mutige junge Firmengründer: Die beiden Schweizer Andrea Würsch (28) und Jérôme Neumann (28) haben ihre Ängste über Bord geworfen und sich selbstständig gemacht. Sie haben 20 Minuten ihre Geschichte erzählt:

«Ferien oder eine eigene Wohnung lagen nicht drin»

«Wir wussten schon während unserer gemeinsamen Kochlehre, dass wir nicht einfach irgendwo angestellt sein wollen. Vor vier Jahren haben wir uns dann getraut und begonnen, unseren Catering-Service aufzubauen. Allerdings nur nebenberuflich; wir waren damals beide noch fest als Gastroleiterin und Küchenchef angestellt.

Das würden wir jedem empfehlen: Klein anfangen und nicht gleich den alten Job ganz kündigen – das wäre uns dann doch zu riskant gewesen. Erst machten wir Catering für Verwandte und Freunde. Als wir einen Auftrag für eine Hochzeit mit 200 Gästen bekamen, war es Zeit, eine richtige Firma zu gründen.

Anfangs lief alles etwas behelfsmässig: Das Büro war im Elternhaus, das Warenlager im Keller. Bei Aufträgen haben wir uns in professionellen Küchen eingemietet. Gelebt haben wir vom Lohn aus unseren Festanstellungen, aber Ferien oder eine eigene Wohnung lagen finanziell nicht drin. Das, was wir sparen konnten, haben wir in die Firma gesteckt.

«Klar hatten wir Angst vor unserem eigenen Mut»

Klar ist es nicht für jedermann, sich so jung selbstständig zu machen. Trotzdem hat es viele Vorteile: Man hat in unserem Alter wenig Verpflichtungen, keine Kinder und kann Vollgas geben. Und Vollgas geben müssen wir: Anfangs, als wir noch angestellt waren, arbeiteten wir am Abend weiter, planten und machten Offerten. Auch heute kommt es oft vor, dass unser Arbeitstag 18 Stunden dauert.

Vor eineinhalb Jahren haben wir unsere Firma vergrössert und ein Restaurant gekauft. Endlich hatten wir unsere eigene Küche! Das war der Zeitpunkt, an dem wir erstmals eine wirklich grosse Summe Geld investieren mussten – 100'000 Franken für Inventar und Maschinen. 50'000 Franken hatten wir bereits mit unserem Catering-Service verdient, den Rest stemmten wir mit unserem Gesparten. Wir haben uns nicht die Mühe gemacht, bei einer Bank anzufragen – die geben Gastro-Jungunternehmern ja doch nichts.

Heute sind wir Arbeitgeber von drei Festangestellten und einer Teilzeit-Buchhalterin. Unser neustes Projekt ist ein eigener Onlineshop. Für uns hat es sich ausbezahlt, mutig zu sein und sich selbstständig zu machen: Wir wissen, warum wir morgens aufstehen und freuen uns jeweils auf den neuen Tag – auch wenn immer etwas Unerwartetes passiert. Angst? Ja, Angst hatten wir anfangs schon manchmal, vor allem vor dem eigenen Mut. Aber wir haben auf unser Bauchgefühl gehört und unser Ding durchgezogen.»

Rückschläge gehören bei Firmengründungen dazu. Hatten Sie einmal ein Start-up, das nicht so erfolgreich war wie erträumt? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte.

Herr Blasucci*, was ist Ihr wichtigster Tipp für Firmengründer?

Sie sollten zuerst im kleinen Rahmen testen, ob ihre Geschäftsidee bei den Kunden ankommt. Dabei sollten sie schnell konkret werden. Will heissen: Sie sollten sich rasch auf den Markt wagen. Es nützt nichts, ein Jahr lang im stillen Kämmerlein an seiner Idee herumzustudieren. Das effektive Machen ist wichtig.

Wie sind die Voraussetzungen für Start-ups in der Schweiz?

Grundsätzlich gut. Es gibt mittlerweile viele Organisationen, die Hilfestellung bieten. Ein Problemfeld ist die Kapitalbeschaffung – viele Jungunternehmer beklagen sich bei mir, dass sie nicht einmal 20'00 Franken von der Bank bekommen.

Was raten Sie Jungunternehmern, die scheitern?

Wenn man merkt, dass es mit der Firma nicht klappt, sollte man schnell eine Lösung mit den Gläubigern finden. Dann kann man die Firma ordentlich liquidieren und muss nicht in Konkurs gehen. Eine Firmenpleite verfolgt einen Unternehmer in der Schweiz ewig und hat negative Konsequenzen für die Zukunft.

Und nach der Liquidation?

Wenn jemand wirklich selbstständig sein will, sollte er diesen Traum weiter verfolgen – beispielsweise im Nebenerwerb mit einer neuen kleinen Firma. Die Erfahrungen zeigen, dass es beim zweiten Mal oft besser klappt, wenn man aus seinen Fehlern gelernt hat.

*Michele Blasucci ist CEO von Startups.ch

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