Aktualisiert 14.01.2019 13:02

Schweizerin in Nicaragua

«Sie hielten mich für eine CIA-Agentin»

Unter dramatischen Umständen floh eine Schweizer Forscherin aus Nicaragua. Sie wurde bedroht und ihr wurde nachgesagt, an den Protesten gegen die Regierung mitschuldig zu sein.

von
Zora Schaad
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Heftige Zusammenstösse zwischen Regierungskritikern und -befürwortern erschütterten ab Mitte April 2018 das Land. Dabei soll auch Gift zum Einsatz gekommen sein. (14. Juni 2018)

Heftige Zusammenstösse zwischen Regierungskritikern und -befürwortern erschütterten ab Mitte April 2018 das Land. Dabei soll auch Gift zum Einsatz gekommen sein. (14. Juni 2018)

Keystone/EPA/JORGE TORRES
Menschenrechtsorganisationen zufolge starben mehr als 500 Personen, über 1400 weitere seien verschwunden.

Menschenrechtsorganisationen zufolge starben mehr als 500 Personen, über 1400 weitere seien verschwunden.

AP Photo/Alfredo Zuniga
Die 28-jährige Schweizerin Samira Marty erlebte die Unruhen aus nächster Nähe mit.

Die 28-jährige Schweizerin Samira Marty erlebte die Unruhen aus nächster Nähe mit.

AP Photo/Alfredo Zuniga

Es waren die längsten 40 Minuten ihres Lebens: Auf dem Rücksitz eines Taxis bretterte die Schaffhauserin Samira Marty am 21. April 2018 durch zerstörte und menschenleere Strassen zum Flughafen Managua. Am Steuer ein Sicherheitsmann mit geladener Waffe im Handschuhfach. Eigentlich wollte die damals 28-jährige Zentralamerika-Spezialistin im Norden des Landes Konfliktforschung betreiben – und geriet dabei in die Anfänge der Proteste gegen die Regierung Ortega, die bis heute Menschenrechtsorganisationen zufolge mehr als 500 Menschen das Leben kosteten.

Die Demonstrationen begannen am 18. April 2018, nachdem Präsident Daniel Ortega eine Renten-Reform beschlossen hatte. Diese sieht vor, dass die Beiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern für die Rentenversicherung steigen, zugleich aber die Renten um fünf Prozent gekürzt werden. Damit soll das Millionendefizit in Nicaraguas Sozialsystem verringert werden. In einem Land, in dem 50 Prozent der Bevölkerung in Armut lebt, bedrohen solche Kürzungen viele Menschen existenziell.

So erlebte die Schaffhauser Doktorandin die Unruhen:

In Matagalpa im Norden des Landes wollte ich über den letzten Bürgerkrieg forschen, was ein politisch heikles Thema ist. Die Regierung Ortega hat überall im Land ihre Späher und in Windeseile wusste die ganze Stadt von meiner Anwesenheit und meiner Arbeit. Wenn ich auf den Strassen unterwegs war, wurde ich häufig von einem Jeep einer polizeilichen Spezialeinheit verfolgt. Sobald das Auto um die Ecke bog, verschwanden die Menschen von der Strasse.

«Polizisten riefen, sie wollten mich vergewaltigen»

Die Polizisten in ihren schwarzen Uniformen riefen mir vom Jeep aus zu, dass sie mich vergewaltigen wollten – in einer Gegend mit zwei Frauenmorden pro Tag sind solche Aussagen durchaus ernst zu nehmen.

Niemand wollte mit mir sprechen. Als ich mich dennoch einmal mit einem Informanten in einem Café traf, wurde er bedroht, als ich ihn zum Zahlen kurz allein liess. Männer kamen auf ihn zu, pressten ihn an die Wand und sagten ihm, er solle Gespräche mit mir in Zukunft bleiben lassen. Mir solle er ausrichten, dass sie wüssten, wo ich wohne, und dass ich allein in einem Haus lebe. Sie nannten meine Adresse.

Ich stand unglaublich unter Druck, konnte niemandem vertrauen, daneben kämpfte ich mit gesundheitlichen Problemen wegen des verschmutzten Trinkwassers. Über Ostern flog ich zwei Wochen in die USA zu meinem Freund, um mich zu erholen.

Am 17. April flog ich spätabends zurück nach Nicaragua. Gegen Mitternacht erreichte ich mein Airbnb in der Hauptstadt Managua. Am 18. April gingen tagsüber erste Studenten und Rentner auf die Strasse, um gegen die Reform zu protestieren. Die Bilder, wie sie von Paramilitärs mit Töffhelmen und schwarzen Ortega-Shirts verprügelt wurden, verbreiteten sich in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer.

Blutende Wunden am Kopf

Gemeinsam mit meinen Gastgebern verfolgte ich die Entwicklungen. Alte Frauen und Männer mit blutenden Wunden am Kopf – das fuhr uns allen sehr ein. Am Abend waren es bereits Hunderte Studenten, die sich auf der Strasse versammelten. Sie wurden von Paramilitärs eingekreist und verschanzten sich in der Uni. Mit Gewalt versuchten die Sicherheitskräfte, sich Zutritt zu verschaffen. Die Stimmung war sehr angespannt, alle waren über ihre Smartphones in Kontakt mit allen. Ich wohnte fünf Minuten von der Uni entfernt, wir konnten die Proteste hören. Es war offensichtlich, dass die Situation jeden Moment eskalieren könnte.

Am Morgen meinten meine Gastgeber, es sei zu unsicher für mich bei ihnen, ich solle so rasch als möglich zurück nach Matagalpa, wo ich ja auch noch meine Sachen hatte. Gegen 11 Uhr habe ich mich in ein Taxi gesetzt, das mich zum Busbahnhof bringen sollte. Der Taxifahrer war sehr nervös und sagte, dass ich seine letzte Fahrt an diesem Tag sei. Er habe kleine Kinder, er wolle schnellstmöglich heim zu seiner Familie.

«Nur noch ein Pfeifen aus dem Lautsprecher»

Nach ungefähr zehn Minuten Fahrt wurde das Radioprogramm unterbrochen mit der Durchsage: «Wichtige Ankündigung von Präsident Ortega – alle unabhängigen Radio- und Fernsehstationen stellen per sofort ihre Arbeit ein.» Ein Countdown zählte runter auf null, dann klang nur noch ein Pfeifen aus den Lautsprechern. Im gleichen Moment verfielen die Menschen draussen in Hektik. Die Strassenverkäufer verschwanden, die Shopbesitzer kurbelten die Läden runter. Mein Taxifahrer wurde bleich und telefonierte mit Kollegen vom Busbahnhof. Dabei erfuhr er, dass die meisten Busfahrten gestrichen waren und erste Strassenblockaden errichtet wurden.

«Als Weisse unter Generalverdacht»

Ich gab meiner Familie meinen Standort durch und erklärte, dass ich nicht abschätzen könne, was weiter geschehe.

Mit meinem Taxifahrer kam ich überein, dass ich zurück in mein Airbnb musste. Mit einem Affenzahn bretterte unser Taxi über mehrere Rotlichter zurück zu meiner Unterkunft. Dort angekommen, fand ich meine Gastgeber weinend an. Sie berichteten von ersten schwer verletzten Demonstranten und dass diese in den Spitälern umgehend verhaftet würden.

Auf den Strassen nahe unserer Wohnung versammelten sich Regierungsgegner und -befürworter, die Stimmung war sehr aggressiv. Meine Mitbewohner trauten sich dennoch nach draussen. Plötzlich kamen sie zurück und sagten, ich müsse sofort verschwinden. Sie seien von Paramilitärs gefilmt worden. Weil beim Bürgerkrieg in den 80er-Jahren die CIA ihre Finger im Spiel hatte, stand ich als Weisse, die erst am Vortag aus den USA eingereist war, plötzlich unter Generalverdacht.

So schnell ich konnte packte ich meine Sachen und rannte zu einer Freundin, die in der Nähe wohnte. Deren Vermieterin erklärte sich bereit, mich aufzunehmen – aber ich musste versprechen, dass ich nicht lange bleiben würde.

In dieser Nacht haben wir kaum geschlafen. Die ganze Zeit hörten wir die Schüsse von Maschinengewehren. Wir sassen die ganze Zeit vor dem Computer, sahen Bilder von schwer verwundeten Demonstranten. Ärzte und Krankenhauspersonal erhielten von der Regierung die Anweisung, die Demonstranten nicht zu verarzten, sondern sie verbluten zu lassen. Am Vormittag gingen meine Freundin und ich in ein nahe gelegenes Einkaufszentrum, bezogen Bargeld und kauften Notvorräte.

«Nun hatte ich wirklich Angst»

Für 13 Uhr war eine Grossdemonstration angekündigt. Kurz darauf rüttelten zwei junge Demonstrationsteilnehmerinnen an unserem Gartentor, geschüttelt von Heulkrämpfen und mit Atemnot baten sie um Einlass. Sie erzählten, dass die Polizei mit Maschinengewehren auf unbewaffnete Demonstranten geschossen hatte. Immer mehr Demonstranten kamen nun die Strasse entlang und versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Die Vermieterin untersagte uns, noch mehr Menschen reinzulassen. Ich musste mich in den hinteren und fensterlosen Teil des Hauses zurückziehen, wo ich von aussen nicht gesehen werden konnte. Nun hatte ich wirklich Angst.

Durch Zufall kannte ich den Sicherheitsmann eines ehemaligen Ministers, der sich bereiterklärte, mich in den Norden zu fahren. Er versuchte, ein gutes Zeitfenster für die riskante Fahrt zu finden. Aber jedes Mal verschob er es wieder, weil die Situation zu gefährlich war. Als ich einmal kurz nach draussen ging, sprach mich der Wachmann des Nachbarhauses an. Er habe gehört, wie ich Englisch gesprochen hätte – und es sei ja allgemein bekannt, dass ausländische CIA-Agenten hinter den Unruhen stehen würden.

«Mieterin wollte mich nicht mehr unterbringen»

Ausserdem wüssten die Leute im Quartier, dass ich unmittelbar vor den Demonstrationen aus den USA eingereist sei. Kurz nach dieser Warnung – oder war es eher eine Drohung? – gab ich auf. Auch die Mieterin der Wohnung wollte mich nicht mehr länger bei sich unterbringen. Also kaufte ich ein Ticket für einen Flug nach Miami, der letzte Platz in der komplett ausgebuchten Maschine.

In den sozialen Medien tauchten Videos auf von Leichen in den Strassen, die von staatlichen Sicherheitskräften abtransportiert wurden. Die Proteste hatten sich mittlerweile auf das ganze Land ausgedehnt. In Estelí, so hörte ich, wurde ein 20-jähriger Bekannter von mir erschossen. Am Telefon mit meiner Mutter brach ich in Tränen aus. Zum ersten Mal berichtete ich ihr, was vor sich ging.

Seit zwei Tagen hatte ich meine Notfalltasche gepackt. Meine Dinge in Matagalpa konnte ich nicht mehr abholen. Ein seltsames Gefühl, dass ich als Schweizerin mit meiner Kreditkarte ein Flugticket kaufen konnte und mit meinem Pass ausreisen konnte, während meine Freunde in dieser Unsicherheit zurückblieben. Gleichzeitig wusste ich, dass ich aufgrund meiner Herkunft ein Sicherheitsrisiko für sie darstellte. Meine Doktorarbeit schliesse ich nun in Europa ab und setze mich hier für die Aufklärung der über 500 Todesfälle ein. Solange Daniel Ortega an der Macht ist, kann und will ich nicht zurückkehren.

«Von einem Moment auf den anderen in Sicherheit»

Am frühen Morgen holte mich der Sicherheitsmann ab und fuhr mich an den Flughafen. Ich war unglaublich nervös. Ich musste mich ducken, aber zwischendurch habe ich einen Blick nach draussen gewagt. Es war gespenstisch, die Strassen verlassen und verwüstet durch die Demonstrationen und Strassenblockaden der vergangenen Tage. Ich habe meinen Bruder und einen guten Freund informiert, dass ich unterwegs zum Flughafen sei. Falls mir etwas zustossen würde, sollten sie wissen, wo ich war. Als mich der Fahrer beim Flughafenhotel ablud, war dort alles voller flüchtender Expats und Doppelbürger mit riesigen Koffern, die weinend in Grüppchen beisammenstanden. Von einem Moment auf den anderen war ich in Sicherheit.

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