Leserin in der Lombardei: «Sie holen dich nur, wenn du fast im Sterben liegst»
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Leserin in der Lombardei«Sie holen dich nur, wenn du fast im Sterben liegst»

Die Schweizerin Daniela Di Marco (40) wohnt seit 13 Jahren in der Lombardei. Sie sagt, wie das Leben ihrer Familie in italienischer Quarantäne aussieht.

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daw
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Die schweizerisch-italienische Doppelbürgerin Daniela Di Marco führt ein Grafikstudio. Die ausgebildete Gymnasiallehrerin berichtet vom Leben im Dorf.

Die schweizerisch-italienische Doppelbürgerin Daniela Di Marco führt ein Grafikstudio. Die ausgebildete Gymnasiallehrerin berichtet vom Leben im Dorf.

(Bild: privat)
Viele Geschäfte in der norditalienischen Gemeinde Canneto sull'Oglio sind geschlossen, die Strassen sind leer.

Viele Geschäfte in der norditalienischen Gemeinde Canneto sull'Oglio sind geschlossen, die Strassen sind leer.

(Bild: privat)
Hier auf dem Platz würden normalerweise Kinder spielen, sagt Di Marco.

Hier auf dem Platz würden normalerweise Kinder spielen, sagt Di Marco.

(Bild: privat)

Frau Di Marco, Italien meldet 133 Corona-Tote innerhalb von 24 Stunden. Sie wohnen seit 13 Jahren in Canneto sull'Oglio in der Lombardei, die seit Sonntag abgeriegelt ist. Wie ist die Lage?

Unser Leben steht seit zwei Wochen kopf. Seit Sonntag ist klar, dass die Schulen mindestens bis am 3. April zubleiben. Die Restaurants dürfen von 6 bis 18 Uhr aufmachen, wenn sie einen Mindestabstand zwischen den Gästen einhalten. Auf Geheiss der Behörden haben wir das Sozialleben total reduziert. Es beschränkt sich auf die eigene Familie. Ich gehe etwa mit meinen beiden Kindern kurz Velo fahren oder kurz einkaufen, dann direkt wieder nach Hause. Alles andere wurde gestrichen – auch die geplanten Ferien.

Gehen Sie noch arbeiten?

Ja, es geht nicht anders. Ich bin selbstständig und führe ein Grafikstudio. Ich habe auch eine Verantwortung gegenüber meinen Kunden und meinen Angestellten. Wir haben derzeit sehr viel Arbeit, weil viele kleinere Geschäfte eine Alternative über das Internet anbieten wollen. Die Dorfmetzgerei etwa hat auf Heimlieferung umgestellt, auch viele Restaurants versuchen, sich so über Wasser zu halten. Schwierig ist es für Coiffeure oder Kosmetikerinnen. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Fühlen Sie sich im Stich gelassen?

Ja. Ich möchte nicht darüber urteilen, ob Italien zu spät reagiert hat. Auch wenn alles stillsteht, darf man aber nicht vergessen, dass wir morgen wieder leben müssen. Ansonsten muss der Staat die Menschen finanziell unterstützen.

Wie gross ist die Sorge vor einer Ansteckung?

In der Provinz gibt es 60 bestätigte Fälle. Eben erst habe ich erfahren, dass auch einer meiner Kunden und seine Frau infiziert wurden. Niemand weiss, was wirklich gilt, wie man sich verhalten soll. Sorgen mache ich mir vor allem um meine Eltern, die auch die Kinder hüten. Norditalien hat ein hervorragendes Gesundheitssystem, trotzdem steht es bereits vor dem Kollaps. Man fragt sich etwa, ob ein Spital die Tochter noch behandeln würde, wenn sie sich das Bein brechen sollte.

Woher kommt diese Angst?

In den ersten zwei Wochen der Epidemie wussten wir, was wir machen müssen. Es gab eine Telefonnummer. Wurde jemand krank, gab es einen Hausbesuch, und bei einem positiven Test kam der Patient in Quarantäne. Mittlerweile müssen sich Patienten selbst isolieren und auskurieren. Holen kommen sie dich offenbar nur noch, wenn du fast im Sterben liegst. Das macht Angst.

Kann man genügend Lebensmittel kaufen?

Zu Beginn der Krise waren Wasser, Früchte und Gemüse plötzlich ausverkauft. Jetzt gibt es vielleicht etwas weniger davon, aber man kriegt alles, wenn man danach sucht, abgesehen von Hygienemasken und Desinfektionsmittel.

Sie dürfen die Lombardei nicht verlassen und keinen Besuch empfangen. Ist das ein komisches Gefühl?

Auf jeden Fall. Mein Bruder, der in der Schweiz wohnt, hat seinen Besuch ohnehin schon abgesagt. Die Massnahme ist wohl nötig, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Einige sollen Mailand mit dem letzten Zug in Richtung Süditalien verlassen haben. Das finde ich verantwortungslos: Wenn das Gesundheitssystem im Norden schon an die Grenzen kommt, würde es im Süden garantiert kollabieren.

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