Olympia 2022: «Man hat Kamila Walijewa der Welt zum Frass vorgeworfen»
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Eislauf-Wunderkind Walijewa«Sie ist 15 Jahre alt, man hat sie der Welt zum Frass vorgeworfen»

Nachdem Kamila Walijewa in der Kür zwei Mal stürzte, war die Eiskunstlauf-Expertin der ARD entsetzt. Auch nahm die Schweizerin Alexia Paganini erneut Stellung zum Fall. Walijewas Trainerin steht derweil erneut scharf in der Kritik. 

von
Nils Hänggi
(aus Peking)
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Kamila Walijewa stürzte in der Kür gleich zwei Mal.

Kamila Walijewa stürzte in der Kür gleich zwei Mal.

imago images/ZUMA Press
Nachher wurde das russische Wunderkind nicht von ihrer Trainerin getröstet. 

Nachher wurde das russische Wunderkind nicht von ihrer Trainerin getröstet. 

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Am Schluss belegte sie Rang 4. 

Am Schluss belegte sie Rang 4. 

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Darum gehts

Kamila Walijewa erlebt einen Albtraum. Die 15-jährige Russin gilt als beste Eiskunstläuferin seit Jahren und hätte sich bei Olympia das Gold nur «abholen» müssen. Doch es kam alles anders. Nach ihrem Sieg mit dem Team wurde bekannt, dass Walijewa im Dezember positiv auf ein verbotenes Herzmittel getestet wurde, also gedopt war. Dennoch durfte sie in Peking auch im Einzel antreten – unter Vorbehalt. Denn ob das Wunderkind gesperrt wird, muss erst verhandelt werden. Der Druck auf Walijewa in der Kür war in der Folge gewaltig. Sie hielt ihm nicht stand, stürzte gleich zwei Mal und belegte schlussendlich Rang vier.

Völlig enttäuscht und mit Tränen in den Augen sass die Teenagerin anschliessend neben dem Eis. Das Publikum versuchte, sie mit Applaus aufzumuntern. Nur eine spielte nicht mit: Trainerin Eteri Tutberidse. Die umstrittene Lehrerin schnauzte ihren Schützling an, machte ihr Vorwürfe. Im TV war zu hören, was sie nach der verpatzten Kür zu ihr sagte: «Warum hast du alles so aus den Händen gegeben? Warum hast du aufgehört zu kämpfen? Erklär mir das!» 

Tutberidse steht schon seit längerem in der Kritik. Der Zerschleiss von jungen Eiskunstläuferinnen unter ihrer Führung ist enorm. Ein paar Beispiele: Julia Lipnitskaja, 2014 mit 15 jüngste (Team-)Olympiasiegerin, trat wegen Magersucht zurück. Jewgenia Medwedewa, Silbermedaillen-Gewinnerin von 2018, hat einen kaputten Rücken. Und wie mehrere Medien schreiben, gibt es hinzu mehrere junge Talente, die schon so schwer verletzt sind, dass eine Karriere unmöglich ist.

Paganini findet deutliche Worte

Derweil äusserte sich Alexia Paganini zum Fall Walijewa. Als einzige Schweizerin stand die 20-Jährige in der Kür auf dem Eis (22.) und fand im Anschluss deutliche Worte zum Fall um die 15-jährige Russin. «Ich bin enttäuscht über die Entscheidung, dass sie trotzdem antreten darf. Das ist schwierig für mich, weil wir alle die Situation kennen», so die Eiskunstläuferin gegenüber dem SRF. «Es ist einfach nur traurig und es ist peinlich für unseren Sport.»

Dann ergänzte sie weiter: «Man kann sagen, dass das die anderen Läuferinnen nicht direkt betrifft, doch das tut es, weil wenn Athletinnen so etwas tun dürfen, dann fragen wir uns alle, warum wir überhaupt hier sind. Es ist einfach hart.» Bereits anfangs Woche äusserte sich Paganini zur jungen Russin. 

Auch die ARD-Expertin und ehemalige deutsche Eiskunstläuferin Katarina Witt war nach der Kür fassungslos und brach in Tränen aus. «Das tut mir leid, das ist eigentlich nicht zu ertragen …», so Witt mit Tränen in den Augen. Dann drehte sie sich von den Kameras weg. Dann sagte sie weiter: «Es ist eigentlich genau das eingetreten, wovor man sie hätte schützen müssen. Sie ist 15, sie ist ein Kind … Es tut mir leid … Du siehst sie da sitzen, wie sie zusammenbricht … Oh – könnt ihr das mal wegschalten?»

Witt wurde dann noch deutlicher. «Das, was jetzt passiert ist, ist das Allerschlimmste», so die ARD-Expertin. «Sie ist daran zerbrochen. Sie ist ein 15-jähriges Kind, die musste da rausgehen. Ich finde, man hat sie jetzt wirklich der Welt zum Frass vorgeworfen. Alle Welt hat zugeschaut und daran musst du zerbrechen.»

IOC-Chef Bach ist stinksauer

IOC-Präsident Thomas Bach hat derweil Mitgefühl für Walijewa nach deren Debakel geäussert und das Umfeld mit der Trainerin der russischen Eiskunstläuferin scharf kritisiert. «Als ich gesehen habe, wie sie von ihrem Umfeld empfangen wurde, mit etwas, was mir wie eine enorme Kälte vorkam – mir lief es kalt über den Rücken, zu sehen, was da geschah», berichtete Bach am Freitag. «Statt sie zu trösten, statt ihr zu helfen, nach dem, was geschehen war, konnte man spüren, wie eiskalt die Atmosphäre war. Solch eine Distanz zu erleben, wenn man sich nur die Körpersprache dieser Person angeschaut hat, hat sich das nur noch in der Vorstellung verschlimmert.»

Er sei «sehr enttäuscht und verstört» gewesen, als er die Eiskunstlauf-Kür im Fernsehen verfolgt habe, berichtete Bach und sprach von einer «herablassenden Geste». «Kann man denn so gefühlskalt sein gegenüber den eigenen Sportlern?» Er habe sich seine Gedanken gemacht, sagte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees. «Alles das vermittelt bei mir kein besonderes Vertrauen in dieses Umfeld von Kamila – weder in Bezug auf die Situation, die sich in der Vergangenheit abgespielt hat, noch die Zukunft.» 

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