Zweites Fernsehduell: «Sie können sich wirklich nicht leiden»
Aktualisiert

Zweites Fernsehduell«Sie können sich wirklich nicht leiden»

Barack Obamas Anhänger atmen nach dem starken Auftritt des Präsidenten in der zweiten Debatte auf. Profitieren könnte am Ende trotzdem Mitt Romney.

von
Peter Blunschi
Hempstead

Es war ein denkwürdiger Abend, und er beherrschte tags darauf die Schlagzeilen in den US-Medien. Das zweite Fernsehduell zwischen Präsident Barack Obama und seinem republikanischen Rivalen Mitt Romney am Dienstag an der Hofstra-Universität auf Long Island war ein Schlagabtausch auf Biegen und Brechen. Analysten sprachen von der besten Debatte, seit dieses Format 1960 erstmals durchgeführt wurde. Mit Sicherheit war es die wohl hitzigste. Zeitweise schien es, als würden Obama und Romney vom Wort- zum Faustkampf übergehen, wie auch Moderatorin Candy Crowley nachträglich feststellte.

«Sie können sich wirklich, wirklich nicht leiden», konstatierten NBC News und die Website Politico übereinstimmend. Beide Bewerber machten klar, dass sie am 6. November unbedingt gewinnen und ihrem Kontrahenten nicht den kleinsten Vorteil gewähren wollen. Wobei im Fall von Obama die Abneigung nicht nur politisch, sondern auch persönlich sei, wie Politico ausführte: «Ab einem bestimmten Zeitpunkt während der Debatte bemerkte er, dass seine Attacken Romney unter die Haut gingen, und von da an hat er es genossen.»

«Treffer, Treffer, noch ein Treffer»

Der Präsident gab den Tarif sogleich durch: «Was Gouverneur Romney sagt, ist einfach nicht wahr.» Im gleichen Stil ging es weiter. «Treffer, Treffer, noch ein Treffer», titelte die «New York Times». Es war von Anfang an erkennbar, dass Obama seine schwache Vorstellung aus der ersten Debatte vor zwei Wochen in Denver unbedingt vergessen machen wollte. Seine Körpersprache drückte Entschlossenheit aus, und rhetorisch unterliess er weitgehend jenes professorale Geschwurbel, in das er ohne Teleprompter oft verfällt. Es war die wohl beste Debatten-Performance in Barack Obamas Karriere.

Seine Anhänger reagierten begeistert. «Ich bin so was von erleichtert», erklärte der «Daily Beast»-Blogger Andrew Sullivan gegenüber dem Fernsehsender MSNBC. Nach dem Denver-Fiasko war der gebürtige Brite noch am Boden zerstört gewesen. Auch jene Hofstra-Studenten, die sich die Debatte wie der Korrespondent aus der Schweiz im Uni-Theater anschauten, quittierten Obamas Angriffe mit stürmischem Jubel, besonders sein Schlusswort, in dem er nach insgesamt 180 Debattenminuten seinem Gegenspieler endlich dessen abschätziges Gerede aus dem «47 Prozent»-Video um die Ohren hauen konnte.

Romney mag Lifte

Den ganzen Tag hatte auf dem Hofstra-Campus, eine Ansammlung sämtlicher Bausünden der 70er Jahre, Volksfeststimmung geherrscht. Die Obama-Fans bildeten die erdrückende Mehrheit unter den Studenten, was in dieser Hochburg der Demokraten nicht erstaunen konnte. Nach 2008 war die private Universität im New Yorker Vorort Hempstead erneut Austragungsort einer Präsidentschafts-Debatte – ein Ereignis auch für eine stramm demokratische Region, in der keinerlei Wahlkampf stattfindet. «Sonst kommen die Kandidaten nur hierher, um Geld zu sammeln, jetzt sind wir ein Teil davon», meinte der New Yorker Senator Charles Schumer.

Seine demokratischen Parteikollegen bereiteten das Terrain für ihren Präsidenten frühzeitig vor. Bereits am frühen Abend war John Kerry im Medienzentrum aufgetaucht. Vor acht Jahren war er selber einer der Hauptdarsteller. Nun hatte der Senator aus Massachusetts in Barack Obamas Debatten-Training das Romney-Double gemimt. Vor den Journalisten teilte Kerry kräftig gegen den Ex-Gouverneur seines Heimatstaates aus: «Er mag Lifte. In seinem Ferienhaus hat er einen Lift für seine Autos, und im Regierungsgebäude in Boston bestand er auf einen persönlichen Lift.» Ein abgehobener Typ, dieser Mitt Romney.

Ärger über Zuschauerfragen

Nach Debattenschluss waren es erneut die Demokraten, die als erste im so genannten «Spin Room» auftauchten und den Medien ihre Sicht der Dinge zum Besten gaben. Ein sicheres Indiz dafür, dass sie sich als Sieger fühlten, wie der Hofstra-Politologe Richard Himelfarb gegenüber 20 Minuten Online erklärte. Er outete sich als Romney-Anhänger, musste aber zugeben, dass Obama nach Punkten gewonnen hatte. Gleichzeitig ärgerte sich Himelfarb mächtig über die «lächerliche» Auswahl der Zuschauerfragen, für die er Moderatorin Crowley verantwortlich machte: «Acht der zehn Fragen waren gegen Romney gerichtet.»

Waffenkontrolle, Einwanderung und ungleiche Frauenlöhne sind in der Tat nicht das ideale Terrain für den Republikaner. Die Studenten im Uni-Theater äusserten wiederholt ihren Unmut über seine Äusserungen. Prompt unterlief ihm einer seiner berüchtigten Aussetzer, als er von «Heftmappen voller Frauen» sprach. Einen peinlichen Flop produzierte Romney, als er steif und fest behauptete, der Präsident habe verschleiern wollen, dass es sich beim Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi um einen Terroranschlag handelte. Er musste sich von Obama wie auch von Candy Crowley eines Besseren belehren lassen.

Sieg für Obama, gute Noten für Romney

Nicht zum ersten Mal scheint Mitt Romney ein Opfer rechter Verschwörungs-Mythologie geworden zu sein. Denn auch der konservative Professor Himelfarb behauptete nach der Debatte, Obama habe am Tag nach dem Tod von Botschafter Chris Stevens nicht von einem Terroranschlag gesprochen. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Und doch war Romney nicht nur schlecht. Seinen besten Moment hatte er, als er die gebrochenen Versprechen des Präsidenten aufzählte. Dieser bekundete immer wieder Mühe, seine Bilanz zu verteidigen.

Am Ende ergaben die Nach-Debatten-Umfragen einen Sieg für Obama. Doch dieser fiel nicht überwältigend aus. Und was ihm und seinem Wahlkampfteam zu denken geben muss: Bei den Themen Wirtschaft, Steuern und Staatsverschuldung erhielt Romney in der CNN-Umfrage die besseren Noten. Sie werden entscheiden, wer am 6. November gewinnt. Deshalb könnte der Profiteur der Debatte am Ende sogar Mitt Romney heissen.

Wechselwähler abgeschreckt?

Denn nicht wenige US-Medien fragen sich auch, ob Obama mit seinem aggressiven Stil nicht jene Wähler vor den Kopf gestossen hat, die genug haben vom Gezänk zwischen den Parteien. «Die bittere Konfrontation könnte genau jene Wechselwähler abschrecken, die er umwirbt», fürchtet die «New York Times». Bislang punktete der Präsident nicht zuletzt mit seinen Sympathiewerten. Allerdings verfügt Obama über das stärkere Wähler-Fundament. Dieses war nach Denver ins Wanken geraten und dürfte sich nun wieder stabilisieren.

In der dritten und letzten Debatte am kommenden Montag in Boca Raton (Florida) dürfte er zudem mehr Gelegenheit erhalten, staatsmännisch aufzutreten. Es geht um Aussenpolitik, ein Thema, das bei den US-Wählern trotz Bengasi nur geringe Priorität besitzt. Nach dem Fight vom Dienstag dürften sie aber erneut in grosser Zahl vor dem Fernseher sitzen. Für die beiden Kandidaten Chance und Gefahr zugleich. Das dürfte auch Obama bewusst gewesen sein, als er kurz vor Mitternacht mit dem Präsidentenheli Marine One in den Nachthimmel über Long Island entschwebte. Er und Mitt Romney haben in den knapp drei Wochen bis zur Wahl noch viel Arbeit vor sich.

65,6 Millionen Zuschauer

Rund 65,6 Millionen Menschen haben in den USA das zweite Fernsehduell zwischen Präsident Barack Obama und seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney im Fernsehen verfolgt. Das ergibt sich aus einer am Mittwoch veröffentlichten Auswertung der Firma Nielsen. Nach Angaben des Unternehmens, das auf die Erfassung der Reichweite von Fernsehsendungen spezialisiert ist, wurde das Duell auf zehn Kanälen live und auf zwei weiteren als Aufzeichnung verbreitet.

Das erste TV-Duell zwischen Obama und Romney am 3. Oktober wurde von 67 Millionen US-Bürgern verfolgt. Eine Rekordzuschauerzahl hatte mit 80,6 Millionen Menschen das Duell zwischen dem damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter und dem Republikaner Ronald Reagan im Oktober 1980 erzielt. (sda)

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