Joyriders: Sie kommen, töten und fliehen
Aktualisiert

JoyridersSie kommen, töten und fliehen

Was am Montag in Obergösgen geschah, sorgt in England seit Jahren für Angst und Schrecken: Jugendliche ohne Führerschein rasen mit gestohlenen Autos Passanten zu Tode und lassen sie links liegen. Die Schweiz ist bisher davon verschont geblieben.

von
Joel Bedetti
Noch mal davongekommen: Ein 16-Jähriger fuhr am 13. Mai 2009 in Waldenburg BL den Wagen seines Vaters zu Schrott. Er kam mit Schrammen davon.

Noch mal davongekommen: Ein 16-Jähriger fuhr am 13. Mai 2009 in Waldenburg BL den Wagen seines Vaters zu Schrott. Er kam mit Schrammen davon.

Nach dem tödlichen Unfall in Obergösgen könnte nun ein bisher unbekanntes Wort ins hiesige Vokabular einziehen. Wissen Sie was ein «Joyrider» ist?

In England weiss das jeder. Ein Joyrider ist ein Minderjährige ohne Fahrausweis, der sich mit Drogen und Alkohol vollpumpt, nächtens ein Auto klaut und damit herumrast. Wenn er sich nicht in einem Selbstunfall tötet, verletzt er bei einem Crash Insassen anderer Autos oder fährt Passanten über den Haufen. Die Opfer lässt er sich selbst und macht sich davon.

Auf der Insel verbreitete sich das beschriebene Phänomen in den 90er-Jahren erschreckend schnell. Gemäss einer britischen Website verzeichnete Grossbritannien 1995 6170 Unfälle mit Joyridern. 2004 waren es bereits 11121, eine Steigerung um 80%. 40 Menschen starben in jenem Jahr bei Joyrider-Unfällen.

Sterbender Achtjähriger liegen gelassen

Einige Fälle wurden wegen der besonderen Skrupellosigkeit bekannt.

Das Rentnerehepaar Whyne wurde 2005 in Birmingham von zwei jungen Joyridern angefahren. Sie starben an der Unfallstelle. Die beiden jungen Männer blieben unverletzt, sie liessen das Auto stehen und flohen zu Fuss. Das Auto hatten sie eine halbe Stunde zuvor auf dem Parkplatz eines Supermarktes geklaut.

Im nordostenglischen Teesside starb 2006 der achtjährige Daniel Conroy Curtin im Spital, nachdem ihn Jugendliche in einem angefahren und im Todeskampf liegen gelassen hatten. Die vier Joyriders im Alter zwischen von 14 und 19 Jahren kamen vor Gericht.

Die britische Polizei auf auf das Phänomen reagiert, indem sie sich seit Juli 2005 neu das Recht nimmt, Fahrzeuge unverzüglich zu beschlagnahmen, dessen Fahrer keinen Führerscheine bei sich tragen und dem Joyrider-Profil entsprechen. Seither, so die website brake.uk.com, beschlagnahmt die Polizei jede Woche 578 Fahrzeuge pro Woche aufgrund dieses Gesetzes.

Selten Unfälle, hohe Dunkelziffer

Trotzdem ist diese Massnahme nur beschränkt wirksam, weil Joyrider selten lange genug mit den gestohlenen Autos herumfahren, um in Polizeikontrollen zu kommen. Deshalb fordern britische Touristen eine stärkere Polizeipräsenz in besonders betroffenen Gemeinden. Und Schullektionen, in denen Jugendliche über Verkehrssicherheit und die Konsequenzen von Joyriding.

In der Schweiz ist Joyriding ein geläufiges Phänomen – bekannt ist es hier als «Strolchenfahrt». Die Polizeisprecher der grossen Kantone sind sich aber darin einig, dass diese in der Polzeiarbeit eine untergeordnete Rolle spielen und in den vergangenen Jahren nicht zugenommen haben. Meinrad Stöcklin von der Polizei Baselland sagt: «Solche Spritzfahrten hat es ja schon zu Zeiten unserer Väter gegeben».

Rudolf Wootli von der Kapo Aargau berichtet, dass man pro Jahr nur einige solche Fälle eintrage, er vermutet aber eine hohe Dunkelziffer. Daniel Meili von der Kantonspolizei Thurgau weiss: «2008 gab es im Kanton sieben Unfälle, welche von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren verursacht wurden, 2007 deren neun.»

32-Jähriger-Joyrider in Biberist

Wie den Presseberichten der vergangenen Jahre zu entnehmen ist, sind die meisten Unglücke auf Strolchenfahrten Selbstunfälle. Nicht selten enden sie tödlich, weil die jungen Lenker rasen was das Zeug hält und in der Dunkelheit unterwegs sind. Unbeteiligte sind aber selten in diese Unfälle verwickelt.

Wenige Tage vor dem Unfall in Obergösgen ist es aber schon in Biberist SO zu einem typischen Joyrider-Unfall gekommen. Am 18. Januar zog ein 32-Jähriger ohne Führerschein mit dem Wagen seines Vaters davon. Auf dem Beschleunigungsstreifen der Autobahneinfahrt verlor er die Kontrolle. Er drängte zu früh in die Normalspur und drohte mit einem Auto zu kollidieren. Deren Lenkerin wich nach links aus, kollidierte mit der Mittelleitplanke, driftete wieder nach rechts und krachte in ein weiteres Fahrzeug, das ausbrannte. Die beiden Insassen wurden verletzt und mussten ins Spital. Den Unfallverursachen kümmerte das wenig, er fuhr einfach weiter.

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