Verdingkinder: Sie lebten wie Sklaven
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VerdingkinderSie lebten wie Sklaven

Im Schweizerischen Sozialarchiv in Zürich wird eine Fachbibliothek über Verdingkinder aufgebaut. Die Dokumentation soll ein trübes Kapitel der Schweizer Geschichte vor dem Vergessen bewahren.

Verdingkinder reden - Die Ausstellung gibt Einblick in ein düsteres Kapitel in der Schweizer Geschichte.

Verdingkinder reden - Die Ausstellung gibt Einblick in ein düsteres Kapitel in der Schweizer Geschichte.

Bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts hatten viele Verdingkinder in der Schweiz ein elendes Leben. Viele von ihnen wurden fast wie auf dem Sklavenmarkt den Bauern angeboten, geschlagen und geknechtet, weil die Eltern arm oder ein oder beide Elternteile gestorben waren.

Bis vor wenigen Jahren habe dieses düstere Kapitel Politik und Gesellschaft kaum interessiert, stellte Walter Zwahlen, Co-Präsident des Vereins netzwerk-verdingt, am Dienstag in Zürich vor den Medien fest. Erstaunlicherweise beschäftigten sich nur wenige Historiker damit.

Verein gegründet

Der 2008 von Betroffenen gegründete Verein habe sich deshalb im vergangenen Jahr entschlossen, zusammen mit dem Sozialarchiv eine Fachbibliothek zum Thema Fremdplatzierungen auf die Beine zu stellen. Absicht sei, die Werke Studierenden von Universitäten, Fachhochschulen, Gymnasien, Forschern und weiteren Interessierten auszuleihen.

Die Sammlung umfasst derzeit über 200 Werke in deutscher, 65 in französischer Sprache sowie je zwei italienische und englische Titel. Die Bibliothek «Verdingkinder, Heim- und Pflegekinder» sei weltweit einzigartig, betonte Zwahlen.

Wertvolle Ergänzung des Archivs

Die Fachbibliothek über Verdingkinder passe sehr gut in das Sammelprofil des Sozialarchivs, sagte dessen Vorsteherin Anita Urech. Das Sozialarchiv erhalte damit eine wertvolle Ergänzung und Vertiefung seiner Sammlungen zu Themen wie Fremdplatzierung von Kindern, ausserfamiliäre Erziehung oder zur Geschichte der Kindheit ganz allgemein.

Die Fachbibliothek über Verdingkinder soll laut Urech zu einem wichtigen Instrument für die Bewusstseinsbildung, Bewältigung, Aufarbeitung und weitere Forschung werden. Ergänzt wird die Sammlung im laufenden Jahr durch eine Mediothek mit Bildern, CD und DVD.

Die Fachbibliothek vermittle einen überaus interessanten Einblick in eine verdrängte Geschichte, sagte der Basler Soziologe Ueli Mäder, der sich im Rahmen eines Forschungsprojekte wissenschaftlich mit Verdingkindern befasst. Die Dokumente und Texte liessen Bilder entstehen und regten dazu an, neue Sichtweisen zu entwickeln.

(sda)

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