Australien sagt sorry: Sie nahmen 150'000 Müttern das Kind weg

Aktualisiert

Australien sagt sorrySie nahmen 150'000 Müttern das Kind weg

«Worte können den Schaden nicht wiedergutmachen», sagte Australiens Premierministerin Gillard. Sie entschuldigte sich dafür, dass während Jahrzehnten ledigen Müttern das Baby weggenommen wurde.

von
rme
Premierministerin Gillard (links) umarmt eine Betroffene der Zwangsadoptionen in Australien, die sich für die Entschuldigung Jahrzehnte später bedankt.

Premierministerin Gillard (links) umarmt eine Betroffene der Zwangsadoptionen in Australien, die sich für die Entschuldigung Jahrzehnte später bedankt.

Die australische Ministerpräsidentin Julia Gillard hat sich am Donnerstag in einer historischen Rede im Parlament für Tausende von der Regierung erzwungene Adoptionen entschuldigt. Vom Zweiten Weltkrieg bis in die frühen 70er Jahre wurden unverheiratete Mütter in Australien dazu gedrängt, ihre Kinder zur Adoption freizugeben, weil es als das Beste für das Kind angesehen wurde, wenn es von einem verheirateten Paar grossgezogen wurde.

Nach Schätzungen wurden rund 150'000 Babys gegen den Willen der Mütter zur Adoption freigegeben. Von einer «Geschichte voller Leid und unerträglichem Verlust» sprach Australiens Premierministerin Julia Gillard während ihrer Entschuldigung für das Handeln der Vorgänger. «Worte können den Schaden nicht wieder gut machen. Aber wir können versuchen, die Geschichte so gut wie möglich aufzuarbeiten», sagte sie weiter.

Dass die Kinder ihren Müttern weggenommen worden seien, habe «ein lebenslanges Vermächtnis des Schmerzes und des Leidens» verursacht, sagte Gillard. «Bei Ihnen, den Müttern, die durch ein System betrogen wurden, das Ihnen keine Wahl gab und Sie Manipulation, Misshandlung und Missbrauch aussetzte, entschuldigen wir uns.»

Adoption, Zwangsheirat oder Suizid

Die betroffenen Mütter seien nicht über ihre Rechte aufgeklärt und mit falschen Beteuerungen getäuscht worden. «Sie wurden gezwungen, Zwang und Brutalität von Praktiken zu erleiden, die unethisch, ehrlos und in vielen Fällen illegal waren», führte Gillard in ihrer Entschuldigung aus.

Der Entschuldigung war eine Untersuchung im Auftrag des Senats vorausgegangen, derzufolge von 1951 bis 1975 in Australien 225'000 Babys ihren Müttern zwangsweise weggenommen wurden. Auf unverheiratete Frauen wurde Druck ausgeübt, damit sie ihre Babys zur Adoption freigeben, die Adoptionen wurden als alternativlos dargestellt. Eine Sprecherin der Organisation «Adoption Jigsaw» erzählte: «Eine Mutter sagte zu mir: ich hatte drei Möglichkeiten. Das Baby zur Adoption freizugeben, einen Mann zu heiraten, der kein Interesse daran hatte, oder von einer Brücke zu springen.»

Etwa 800 Mütter und Adoptierte waren im Parlament, um die Entschuldigung zu hören. Die Regierung versprach, Therapien für Betroffene zu finanzieren und stellte Geld für die Aufarbeitung des Themas im Nationalarchiv bereit. Allerdings gibt es auch Betroffene, welche die Entschuldigung als Fehler betrachten. Viele Mütter hätten damals eingesehen, dass die Adoption das Beste für das Kind war, sagte eine Sprecherin des christlichen Familienverbands AFA. (rme/sda)

Abstimmungserfolg für Gillard

Premierministerin Julia Gillard hat am Donnerstag eine überraschende Parteirevolte überlebt. Die 101 anwesenden Labor-Abgeordneten in beiden Parlamentskammern bestätigten Gillard einstimmig als Labor-Chefin und damit auch als Premierministerin, berichtete ein Parteisprecher.

Nach den schlechten Umfrageergebnissen sechs Monate vor den nächsten Wahlen hatte der Minister für regionale Entwicklung, Simon Crean, Gillard herausgefordert, die Vertrauensfrage zu stellen. Es trat bei der Abstimmung aber niemand als Gegenkandidat an. (sda)

Deine Meinung