US-Senator: Sie nennen ihn «Cruz Missile»
Aktualisiert

US-SenatorSie nennen ihn «Cruz Missile»

Er ist jung, blitzgescheit und feuert gegen alle, die nicht in sein Weltbild passen. Doch damit macht sich der Republikaner Ted Cruz auch in der eigenen Partei Feinde.

von
Martin Suter

Der US-Senat hat ein neues enfant terrible oder, sprachlich passender, einen neuen «Bad Boy». Der Unruhestifter heisst Ted Cruz und vertritt in der kleinen Kongresskammer seit Anfang Jahr Texas. Der blitzgescheite 42-jährige Rechtsanwalt ist der aufsteigenden Stern am Firmament der Tea Party, doch dem gemässigten Washington stösst er zunehmend unangenehm auf.

In bloss acht Wochen hat er sich einen anderen, weniger schmeichelhaften Übernamen erworben: «Cruz Missile». Denn wie ein Marschflugkörper – «Cruise Missile» – nimmt es Cruz mit allen auf, die ihm nicht ins Weltbild passen. Und die Angriffe enden oft mit einem Knalleffekt, der in vielen Ohren weiter dröhnt.

Das bisher prominenteste Opfer einer Cruz-Attacke war Chuck Hagel, der am Mittwoch vereidigte neue Verteidigungsminister. An einem Bestätigungshearing Mitte Februar reihte sich Cruz unter jene Republikaner ein, die dem – ebenfalls republikanischen – Ex-Senator Hagel vorwarfen, er sei Israel zu wenig freundlich gesinnt, gegenüber Iran willfährig und amerikanischen Militäreinsätzen allzu abgeneigt.

Cruz' Hagel-Kritik ging aber weiter als die der Kollegen. Der Jungsenator hatte Reden, Finanzdokumente und andere Akten über Hagel aus den letzten fünf Jahren durchsucht und nutzte seine Funde für die Unterstellung, der designierte Pentagon-Chef habe womöglich Geld aus unlauteren Quellen empfangen. «Wir wissen zum Beispiel nicht, ob er für Reden vor extremen oder radikalen Gruppen entschädigt wurde», sagte Cruz. «Es ist zumindest relevant zu erfahren, ob jene 200'000 Dollar, die er auf sein Bankkonto eingezahlt hat, direkt von Saudi-Arabien oder direkt von Nordkorea stammten.»

Behauptungen ohne Beweise

Auffallend an der Unterstellung war, dass Cruz keinerlei Beweise für seine Behauptungen nachlieferte. Bei Ratskollegen gingen sofort die roten Lampen an. Die Demokratin Barbara Boxer aus Kalifornien sah sich «an eine andere Zeit und einen anderen Ort» erinnert. Damit spielte Boxer auf den gefürchteten Senator Joseph McCarthy aus Wisconsin an, der in den fünfziger Jahren Hexenjagden auf vermeintliche Kommunisten inszenierte. Wie Cruz schüchterte McCarthy seine Opfer gern damit ein, dass er vorgab, im Besitz belastender Beweise zu sein, ohne welche vorzulegen.

Auch den Kommunistenhass scheint Cruz mit McCarthy zu teilen. Die Autorin Jane Mayer vom Magazin «New Yorker» erinnerte an eine Rede, die der Texaner am Nationalfeiertag von 2010 in Austin gehalten hatte. Darin behauptete Cruz, zu Zeiten seines Studiums habe es unter den Rechtsprofessoren der Harvard-Universität «zwölf gegeben, die sich als Marxisten bezeichneten und einen Umsturz der US-Regierung durch Kommunisten» befürworteten. Ein Sprecher der Harvard Law School erklärte sich «verblüfft» von der völlig unbelegten Behauptung, die Fakultät sei kommunistisch unterwandert gewesen.

Rachel Maddow vom TV-Sender MSNBC fiel wiederum die an McCarthy erinnernde Pseudo-Präzision auf, mit der der Politiker seine Behauptungen schmückt. Laut Cruz «waren es nicht elf, und es waren nicht 13, es waren zwölf» Professoren, höhnte sie. Der gleiche Kanal machte zudem darauf aufmerksam, dass Cruz sogar ähnlich aussieht wie der einstige Kommunistenschreck.

Untadelig konservativ und erst noch Latino

Der «neue McCarthy», wie Ted Cruz von den Medien sogleich genannt wurde, wurde als Sohn eines kubanischen Flüchtlings in Kanada geboren und wuchs in Texas auf. Nach dem Rechtsstudium assistierte er bei obersten Bundesrichtern und vertrat als jüngster Generalanwalt der US-Geschichte seinen Gliedstaat vor dem «Supreme Court» in Washington. Untadelig konservativ und erst noch ein Latino, war Cruz in Texas für ein politisches Amt prädestiniert. Er bewarb sich 2011 für die Nachfolge der zurücktretenden Senatorin Kay Bailey Hutchison und ritt auf einer Woge der Begeisterung seitens der Tea Party mühelos zum Sieg.

Zu Hause kommt Cruz' McCarthy-Stil gut an. Als er vergangene Woche nach Texas zurückkehrte, wurde er von Anhängern wie ein Held empfangen. In Washington dagegen macht sich der Heisssporn sogar in der eigenen Partei Feinde. Wie die «Washington-Post»-Kolumnistin Ruth Marcus berichtet, klagen Kollegen darüber, dass er zu viel predige und zu wenig zuhöre, wie sich das für einen Grünschnabel im Senat gehöre. Alle sind sich einig, dass seine Attacke auf Hagel zu weit ging. Senator John McCain sah sich sogar genötigt, den designierten Pentagon-Chef zu verteidigen. «Hagel ist ein ehrenwerter Mann», sagte der frühere Präsidentschaftskandidat.

Für die Oppositionspartei stellt sich die Frage, wie sie mit Ted Cruz umgehen soll. Tea-Party-Konservative heben ihn aufs Podest und glauben, er könne ein Zugpferd für künftige Wahlsiege sein. Gemässigte fürchten indes, der ungezähmte Frischling könnte das Image der Republikaner längerfristig schädigen. Cruz, sagen sie, sei so ziemlich das letzte, was die von der Wahlniederlage gebeutelte Partei jetzt brauche, wenn sie wieder stark werden wolle.

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