Aktualisiert 18.06.2017 14:30

Flüchtlingskinder«Sie reklamieren, wenn die Schule ausfällt»

Wie isst man mit Messer und Gabel? Betreuerin Christina Mattli erzählt von ihren Erfahrungen mit Flüchtlingskindern.

von
Adrian Schawalder

Die Caritas fordert, dass Flüchtlingskinder denselben Zugang zu Bildung und Erziehung erhalten wie Schweizer Kinder. (Video: Tamedia/SDA)

Frau Mattli, sie arbeiten als Betreuerin und Lehrerin im «Haus der Jugend», einer Hausgemeinschaft für Kinderflüchtlinge. Wie sieht der Alltag aus?

Das Haus verfügt über 45 Plätze für Kinderflüchtlinge. Sie finden hier feste Tagesstrukturen vor und eine Konstanz, die viele nach ihren traumatischen Erfahrungen benötigen. Es gibt Bezugspersonen wie mich, die einen Rahmen schaffen und sie betreuen. Dazu gehört auch die Schule: In der öffentlichen Schule gibt es eine Integrationsklasse. Die älteren Schüler besuchen die interne Schule. Da lehren wir sie die Sprache, Lesen und Schreiben, Mathematik und auch grundlegende Alltagsfähigkeiten, die sie brauchen, um sich in der Schweiz zurechtzufinden.

Was sind das für Fähigkeiten?

Dazu gehört etwa, dass man beim Velofahren einen Helm tragen sollte oder dass man im öffentlichen Verkehr ein gültiges Billet haben muss. Wie man einen Tisch deckt und dass man mit Messer und Gabel isst. Oder sie lernen pünktlich zu sein. Sie sehen zwar schnell ein, dass der Zug weg ist, wenn sie eine Minute zu spät am Bahnhof sind. Aber weshalb die Lehrerin sich aufregt, wenn man 10 Minuten zu spät zum Unterricht kommt, verstehen sie am Anfang nicht. Ohne dieses Wissen über den Schweizer Alltag finden sie keinen Anschluss an unsere Gesellschaft.

(Video: Youtube/Caritas Schweiz)

Funktioniert das Konzept der Wohngemeinschaft?

Generell klappt es gut. Es gibt natürlich auch Problemfälle. Etwa Ismael aus Somalia. Er kam Anfang 2017 zu uns. Die Hausregeln hielt er prinzipiell nicht ein. Ämtli wie Abwaschen, Tischdecken und Putzen erledigte er fast nie, und in der Schule war er nur selten. In Somalia hatte er keine Schule besucht. Mehrere Gespräche mit einem Dolmetscher über Sinn und Zweck des Schulbesuchs waren kontraproduktiv. Schliesslich führten seine Regelverstösse zu einem schriftlichen Verweis: Wenn er weitermache wie bisher, müsse er das Haus der Jugend verlassen und in ein reguläres Aufnahmezentrum gehen. Das wirkte. Er war plötzlich wie ausgewechselt, erschien im Unterricht und begann auch in der Freizeit Deutsch zu lernen.

Wirken solche Ultimaten immer?

Nicht immer, doch meistens machen klar aufgezeigte Konsequenzen schon einen Unterschied. Sie merken, dass sie hier eine Chance erhalten und dass sie diese nutzen müssen. Die meisten sind sehr lernbegierig und ehrgeizig. Sie haben einen riesigen Nachholbedarf. Das geht so weit, dass sie reklamieren, wenn die interne Schule ausfällt, und Ferien nicht immer gern gesehen werden.

Gerade bei der Ankunft dürften viele Flüchtlinge kein Deutsch können.

Das ist tatsächlich so. Da einige sogar Analphabeten sind, bedeutet es viel Arbeit.

Wie kann eine Schule so funktionieren?

Wir beginnen dann mit dem Alphabet, tasten uns zu einfachen Wörtern vor und bauen dann darauf auf. Sobald die Sprachfähigkeiten da sind und sie noch schulpflichtig sind, besuchen sie die öffentliche Schule.

Was sind besondere Herausforderungen?

Schwieriger ist es, wenn wir traumatisierte Kinder haben, was oft der Fall ist. Sie leiden an konstantem Stress und können deswegen dem Unterricht nicht folgen. Das bedeutet auch, dass sie deshalb oft in der psychischen Entwicklung zurückliegen. Wir arbeiten da mit dem Konzept der Notfallpädagogik, das in Krisengebieten entwickelt wurde. Wenn der 17-jährige Simeon ein Stofftier zum Einschlafen braucht, bekommt er es. In solche Fälle müssen wir besonders viel Zeit investieren. Glücklicherweise verbessert sich der Zustand meist schnell. Nach zwei Monaten sind sie meist in der Lage, den Stoff normal aufzunehmen. Auch der psychische Entwicklungsstand ist dann etwa auf dem Niveau ihrer Altersgenossen.

Gemäss Ihren Schilderungen erfordert die Betreuung sehr viel Geduld. Kommen sie da auch an ihre Grenzen?

Ich komme selten an Grenzen und kann mit Krisensituationen glücklicherweise recht entspannt umgehen. Doch es ist nicht immer einfach. Und es gibt Momente, wo es einigen dann ein wenig viel wird.

Was ist das Wichtigste, was die jungen Flüchtlinge an ihrer Schule mitnehmen sollten, um eine Zukunft in der Schweiz zu haben?

Unser Ziel ist es, dass sie lebenstüchtig werden für den Alltag in der Schweiz. Sie sollen eine Chance bekommen und eine Ausbildung machen können. Das kostet zwar etwas mehr als die Unterbringung in einem Asylzentrum, aber wenn wir unser Ziel erreichen, ist das für die Gesellschaft langfristig günstiger.

Und es sieht gut aus: Im Mai haben sieben von unseren Bewohnern eine Prüfung gemacht für ein Brückenangebot für die Lehre. Die meisten sind noch kein Jahr bei uns. Fünf von ihnen haben bestanden.

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Christina Mattli erzählt: «Wir lehren ihnen die Sprache, lesen und schreiben, Mathematik und auch einfach grundlegende Alltags-Fähigkeiten um sich in der Schweiz zurechtzufinden.Dazu gehört etwa, dass man beim Velofahren einen Helm tragen sollte, oder dass man im öffentlichen Verkehr  ein gültiges Ticket haben muss. Wie man einen Tisch deckt und dass man mit Messer und Gabel isst. Oder besonders wichtig in der Schweiz: Pünktlichkeit.»

Christina Mattli erzählt: «Wir lehren ihnen die Sprache, lesen und schreiben, Mathematik und auch einfach grundlegende Alltags-Fähigkeiten um sich in der Schweiz zurechtzufinden.Dazu gehört etwa, dass man beim Velofahren einen Helm tragen sollte, oder dass man im öffentlichen Verkehr ein gültiges Ticket haben muss. Wie man einen Tisch deckt und dass man mit Messer und Gabel isst. Oder besonders wichtig in der Schweiz: Pünktlichkeit.»

Christine Bärlocher/ex-press
«Es ist schwierig, wenn wir traumatisierte Kinder haben, was oft der Fall ist. Sie leiden an konstanten Stress und können deswegen dem Unterricht nicht folgen. Das bedeutet auch, dass sie deshalb in psychischen Entwicklung zurückliegen. Wir arbeiten da mit dem Konzept der Notfallpädagogik, das in Krisengebieten entwickelt wurde», erzählt sie.

«Es ist schwierig, wenn wir traumatisierte Kinder haben, was oft der Fall ist. Sie leiden an konstanten Stress und können deswegen dem Unterricht nicht folgen. Das bedeutet auch, dass sie deshalb in psychischen Entwicklung zurückliegen. Wir arbeiten da mit dem Konzept der Notfallpädagogik, das in Krisengebieten entwickelt wurde», erzählt sie.

Christine Bärlocher/ex-press
«Unser Ziel ist es dass sie lebenstüchtig werden für den Alltag in der Schweiz. Sie sollen eine Chance kriegen und eine Ausbildung machen können. Klar, wir sind auch teuer. Aber wenn wir unser Ziel erreichen, ist das für die Gesellschaft langfristig günstiger», schliesst Mattli.

«Unser Ziel ist es dass sie lebenstüchtig werden für den Alltag in der Schweiz. Sie sollen eine Chance kriegen und eine Ausbildung machen können. Klar, wir sind auch teuer. Aber wenn wir unser Ziel erreichen, ist das für die Gesellschaft langfristig günstiger», schliesst Mattli.

Christine Bärlocher/ex-press

Christina Mattli ist Lehrerin und Betreuerin im Haus der Jugend in Immensee. Es handelt sich dabei um ein Pilotprojekt der Caritas. Dort leben rund 45 Kinder und Jugendliche und werden betreut.

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