Aktualisiert 21.07.2016 13:47

Zwangsstörungen

Sie riss sich jahrelang die Haare aus

Rund 150'000 Betroffene in der Schweiz leiden an einer Zwangsstörung. Fabienne N. riss sich jahrelang zwanghaft die Haare aus. Im Interview erzählt sie, warum.

von
J. Hoppler
Nachdem sie jahrelang unter dem Zwang litt, sich die Haare auszureissen, hat Fabienne N. (25, Name geändert) heute wieder volles Haar.

Nachdem sie jahrelang unter dem Zwang litt, sich die Haare auszureissen, hat Fabienne N. (25, Name geändert) heute wieder volles Haar.

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Frau N. (25)*, wie geht es Ihnen?

Nachdem ich für Jahre das Gefühl hatte, nichts wert zu sein und nichts zu können, geht es mir heute endlich gut. Ich habe gelernt, mich selbst zu schätzen – und fühle mich so wieder wohl in meiner Haut.

Sie litten dreizehn Jahre lang an Trichotillomanie, dem Zwang, sich die Haare auszureissen. Wie hat sich dieser bei Ihnen geäussert?

Es passierte immer, wenn ich allein und mir langweilig war. Beim Fernsehen, wenn ich las oder am Abend im Bett. Ganz automatisch und unbewusst, wie in einem Tagtraum. Zuerst war es nur am Hinterkopf, dann zunehmend auch an anderen Stellen. Ein Haar nach dem anderen. Aber immer nur eines, das irgendwie auffiel – weil es zum Beispiel nicht glatt, sondern gekräuselt war. Bevor ich das Haar wegschmiss, musste ich es aber jeweils noch mitsamt der Haarwurzel ganz genau betrachten.

Wann hat denn dieser Zwang bei Ihnen begonnen?

Alles fing an, als ich zwölf war. Beim Übergang von der Primarschule in die Sekundarschule wurde ich von meinen Klassengspänli getrennt, weil man mich in ein anderes Schulhaus eingeteilt hatte. Dagegen habe ich mich gewehrt, ich wollte nicht dorthin. Das Problem war wohl, dass ich mich völlig im Stich gelassen fühlte. Meine Eltern setzten sich nicht dafür ein, dass ich zusammen mit den Gspänli aus meiner alten Klasse in die Oberstufe komme. Allein konnte ich an dieser Entscheidung ja nichts ändern, ich war ohnmächtig.

Das Auszupfen der Haare hat Ihnen dann in dieser Situation Erleichterung verschafft?

Ja, das hat mir geholfen, mich wieder selber zu spüren. Wahrscheinlich ähnlich wie bei jemandem, der sich ritzt. Der leichte Schmerz, der das Ausreissen der Haare begleitet, gab mir das Gefühl, überhaupt da zu sein, denn all die Jahre hatte ich mich innerlich sehr leer gefühlt. In der Oberstufe wurde ich aber wegen meiner kahlen Stellen am Kopf, zum Beispiel an der Stirn, immer wieder gemobbt. «Glatzkopf» und «Vogelscheuche» haben sie mich genannt oder mir gar Schokolade ins Haar geschmiert.

Wie hat denn Ihre Familie auf das Problem reagiert? Wusste sie, was los ist?

Ich habe mich wahnsinnig geschämt dafür, dass ich mir die Haare ausgerissen habe. Meine Mutter dachte immer, ich hätte kreisrunden Haarausfall. Aber vor lauter Scham habe ich mich nie getraut zu sagen, was wirklich los ist. Ich habe mich zurückgezogen, war viel allein – und konnte mich gegenüber den Menschen nicht mehr richtig öffnen.

Wie kam es, dass Sie nach all den Jahren den Zwang überwinden konnten?

Letztes Jahr kam der Moment, als ich mir sagte, dass es so nicht weitergehen kann. Ich bin dann auf die Möglichkeit gestossen, die Zwangsstörung mittels Hypnosetherapie behandeln zu lassen und beschloss, eine solche Arbeit mit dem Unterbewusstsein zu versuchen. Erstaunlicherweise war der Zwang zum Haareausreissen nach der zweiten Sitzung völlig verschwunden. Zwar spiele ich noch immer oft und auch anders mit meinen Haaren, als das bei Frauen gewöhnlich der Fall ist, aber ich verspüre endlich keinen Drang mehr, diese auszureissen. Und mittlerweile weiss auch meine Familie Bescheid, dass ich all die Jahre lang an Trichotillomanie gelitten habe.

*Name geändert

Die TV-Produktionsfirma Mediafisch sucht für die nächste SRF-Staffel «Limits. Ängste überwinden» Menschen, die von Trichotillomanie betroffen sind und sich bei der Bewältigung des Zwanges von einem Therapeuten begleiten lassen wollen.

Melden Sie sich: I.imboden@mediafisch.ch

Oder schildern Sie uns Ihre Geschichte:

Rund 30'000 Betroffene in der Schweiz

Der Zwang, sich Haare auszureissen, wird in der Fachsprache Trichotillomanie genannt. Abgeleitet von den griechischen Wörtern für «Haar», «rupfen» und «Manie». Die Zahl der in der Schweiz von Trichotillomanie Betroffenen schätzt der auf diese Störung spezialisierte Therapeut und Autor Torsten Spielmann auf über 30'000.

Neben den Kopfhaaren könnten dabei auch Wimpern, Augenbrauen, Achsel- oder Schamhaare betroffen sein, sagt Spielmann. Am besten verdeutlichen lasse sich der Zwang und seine Herkunft durch das Bild eines Dampfkochtopfes: «Wenn sich bei einer betroffenen Person durch verschiedenste Lebensumstände wie beispielsweise Leistungsdruck, Mobbing oder Ängste zu viel Druck aufgebaut hat, dann kommt das Ausreissen der Haare dem unbewussten Ventil zum Druckabbau gleich.» Allerdings könne übermässiger Stress auch in anderen Problemen enden – und müsse nicht zwingend zu Trichotillomanie führen.

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