Mann wählt Notruf wegen Tifosi-Feier - «Sie sagten mir, meine Anrufe gingen ihnen auf den Sack»
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Mann wählt Notruf wegen Tifosi-Feier«Sie sagten mir, meine Anrufe gingen ihnen auf den Sack»

Nach dem EM-Halbfinal am Dienstag gingen bei den Alarmzentralen zahlreiche Lärmklagen ein. Einem Mitarbeitenden im Kanton Bern haute es darob offenbar den Nuggi raus.

von
Simon Ulrich
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Feiernde Italien-Fans an der Langstrasse, hier nach dem Sieg gegen Österreich. 

Feiernde Italien-Fans an der Langstrasse, hier nach dem Sieg gegen Österreich.

Boris Müller
Ihre Freude brachten die Tifosi mit Hupkonzerten, Feuerwerk …

Ihre Freude brachten die Tifosi mit Hupkonzerten, Feuerwerk …

Sara Aduse
… und heulenden Motoren zum Ausdruck.

… und heulenden Motoren zum Ausdruck.

Boris Müller

Darum gehts

  • Nach dem Sieg der Italiener im EM-Halbfinal wurde es in vielen Schweizer Städten laut.

  • Nicht alle Bewohner konnten für die mitternächtlichen Hupkonzerte Verständnis aufbringen. Einige wählten den Polizei-Notruf.

  • So auch der Bieler Robert Kowalski. Ihn habe man bei der Alarmzentrale aber unfreundlich abgewiesen, sagt er.

  • Drehen sich Diskussionen im Kreis, seien die Mitarbeitenden bestrebt, die Leitungen für Notrufe freizuhalten, heisst es bei der Kantonspolizei.

Nachdem Jorginho um etwa 23.40 Uhr den letzten Penalty für Italien versenkt hatte, ging in diversen Schweizer Städten am Dienstag die Post ab: Schweizer Tifosi brachten ihre Freude wie bereits nach dem Sieg im Viertelfinal mit Autokorsos und Hupkonzerten zum Ausdruck.

Nicht alle goutieren diese Art des Feierns. Zu ihnen gehört auch Robert Kowalski aus Biel. Als er nach dem Spiel, das er bei einem Kollegen verfolgte, mit Hund und Freundin den Heimweg antrat, betäubten beim Kreisel hinter dem Kongresshaus kräftiges Gehupe und aufheulende Motoren seine Ohren. Kowalski und seine Begleitenden schritten zurück zum Zentralplatz, wo sie zuvor zwei Polizisten gekreuzt hatten, welche die Strasse sperrten. Man habe den Beamten den «Zwischenfall» erläutert, erzählt der 28-Jährige. «Sie versicherten uns, dass man die Situation im Griff habe.»

Zurück beim Kreisel habe er jedoch feststellen müssen, dass sich die Lage verschlimmerte. Nun wurde gar Feuerwerk in der Menge gezündet! «Polizeipräsenz war keine ersichtlich», konstatiert Kowalski. Dem Vierbeiner zuliebe zog man eiligst an der feiernden und zeuselnden Meute vorbei.

«Kein Grund, einen solchen Saulärm zu veranstalten»

Zuhause aber liess der Ausnahmezustand mitten unter der Woche Kowalski keine Ruhe – er wählte kurzerhand den Polizei-Notruf. «Nachdem ich zunächst mehrmals ignoriert wurde, hat man mir schliesslich gesagt, dass die Polizei die Feierlichkeiten für eine Weile tolerieren müsse und ich mich doch auf politischer Seite beschweren solle.» Was ihn besonders brüskiert habe: «Als ich sagte, dass mich der Lärm nerve, hat der Mitarbeiter geantwortet, meine Anrufe gingen ihm ebenso auf den Sack.»

Nein, den Notruf wegen lärmender Fans nach einem EM-Halbfinal zu kontaktieren, finde er nicht kleinlich, sagt Kowalski. «Ein Fussballspiel ist noch lange kein Grund, um Mitternacht einen solchen Saulärm zu veranstalten.» Als Veranstalter von Outdoor-Partys fühle er sich zudem ungerecht behandelt: «Wenn ich nach 22 Uhr noch Musik laufen lasse, steht gleich die Schmier auf dem Platz.» Hätte er gleich reagiert, wenn die Schweiz den Halbfinal gewonnen hätte? K. zögert einen Moment. «Da kann man mal ein Auge zudrücken. Aber wenn das bei jeder Mannschaft passiert – wo führt das hin?»

Zuweilen wird der Ton bestimmter

Bei der Berner Kantonspolizei sind in der Nacht auf Mittwoch mehrere Lärmklagen im Zusammenhang mit den nächtlichen Feierlichkeiten eingegangen. Man nehme derlei Meldungen ernst und habe Verständnis, wenn sich gerade nicht-fussballbegeisterte Menschen an den hupenden Autokorsos und Feuerwerkskörpern störten und sich am Telefon auch mal aufregen, räumt Sprecherin Isabelle Wüthrich ein.

Im Falle von Kowalski sei es allerdings so, dass er gleich mehrmals den Polizei-Notruf gewählt habe. «Wir haben ihm jeweils zu erklären versucht, dass die Polizei nicht die gesamte Stadt absperren und nicht überall präsent sein könne, dass wir aber probieren, Einfluss zu nehmen», sagt Wüthrich.

Drehe sich eine Diskussion lediglich im Kreis, seien die Mitarbeitenden der Alarmzentrale bestrebt, die Leitungen für Notrufe freizuhalten. «Dann kann es auch mal passieren, dass etwas in bestimmteren Ton gesagt wird», so Wüthrich. Auch in diesem Fall sei eine korrekte Ausdrucksweise jedoch wichtig.

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