Test-Verweigerer«Sie schämen sich, wenn Freunde ihretwegen in Quarantäne müssen»
Immer häufiger lassen sich Menschen mit Symptomen einer Corona-Erkrankung nicht testen. Zwei Ärzte erklären, weshalb das falsch ist – und dass die Angst, auf den Testkosten sitzen zu bleiben, unbegründet ist.
- von
- Daniel Graf
Darum gehts
An einer Pressekonferenz in Lugano mahnte Gesundheitsminister Alain Berset, dass zu viele Personen mit Symptomen sich nicht testen liessen.
Die Gründe dafür können laut Ärzten Angst vor der Quarantäne oder Scham sein.
Sie betonen die Wichtigkeit des Testens – und dass der Bund die Kosten bei symptomatischen Personen übernehme.
Als die Corona-Fallzahlen im Oktober rapide anstiegen, musste befürchtet werden, dass die Testkapazitäten nicht ausreichen. Das ist nun anders: «Es sind genug Tests da», versicherte Gesundheitsminister Alain Berset am Donnerstag im Rahmen einer Pressekonferenz in Lugano. Gemäss BAG stehen der Schweiz derzeit bis zu 70’000 PCR- und Antigentests zur Verfügung.
Jetzt tut sich ein neues Problem auf: «Wir sind besorgt, dass sich nicht mehr genug Leute testen lassen», sagte Berset. Offenbar lassen sich vermehrt Menschen, welche klare Corona-Symptome haben, nicht testen. Berset appellierte erneut an alle, sich bei Symptomen testen zu lassen: «Damit schützen Sie nicht nur sich selber, sondern auch Ihre Familie und Ihr Umfeld.»
Es gibt aber auch positive Nachrichten bezüglich des Testens: Am Donnerstagmittag meldete das BAG erstmals seit rund einem Monat eine Positivitätsrate von unter 20 Prozent (18,6 Prozent).
«Positiv Getestete schämen sich»
Der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni nennt möglich Gründe dafür, dass Menschen mit Symptomen sich nicht testen lassen: «Ich habe den Eindruck, dass gerade jüngere Menschen sich manchmal nicht auf das Virus testen lassen wollen, weil sie wissen, dass sie bei einem positiven Resultat zehn Tage allein in Isolation verbringen müssen.»
Auch das Umfeld spiele eine Rolle: «Wenn ich mich mit jemandem getroffen habe und dann positiv getestet werde, schickt das Contact-Tracing ihn auch in Quarantäne. Möglicherweise schämen sich die Leute dafür, dass Freunde in Quarantäne müssen, weil sie etwas mit ihnen unternommen haben.»
Viele seien sich ausserdem nach wie vor nicht bewusst, dass eine Covid-Erkrankung auch mit sehr leichten Symptomen einhergehen könne: «Sie denken, dass sie wegen ein wenig Halsweh, eines leichten Schnupfens oder leicht erhöhter Temperatur nicht zum Test müssen. Das ist einfach falsch. Es muss sich unbedingt jeder, der auch nur ganz leichte Symptome hat, testen lassen. Nur so können wir die Infektionsketten unterbrechen», mahnt Garzoni.
«Bund übernimmt die Kosten»
Der Infektiologe würde sich wünschen, dass mittels Befragungen genauer untersucht wird, wer sich tatsächlich nicht testen lässt und weshalb. «Diese Personen könnten dann gezielter angegangen und über die Notwendigkeit des Testens aufgeklärt werden.» Und er versichert: «Es muss niemand befürchten, dass er auf den Kosten seines Corona-Tests sitzen bleibt, weil er nur leichte Symptome hatte. Der Bund übernimmt sämtliche Testkosten, sobald auch nur ein einzelnes Symptom wie ein leichter Husten vorliegt.»
Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?
Hier findest du Hilfe:
BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00
Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona
Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige
Hotline bei Angststörungen und Panik, 0848 801 109
Pro Juventute, Tel. 147
Dargebotene Hand, Tel. 143
Auch Thomas Steffen, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Kantonsärzte, sagt: «Ein aus der Präventivmedizin bekannter Grund ist, dass Personen eher zurückhaltend sein können bei Untersuchungen, welche persönliche Konsequenzen mit sich bringen. Wir verdrängen dann gerne.» Hier helfe, das Thema immer wieder anzusprechen. «Testung muss noch alltäglicher werden. Hier hilft sicher mittelfristig auch der Schnelltest mit, weil er noch einfacher zugänglich sein wird, etwa über Apotheken», sagt Steffen.
Eine Überlegung ist auch, dass der Bund wieder für sämtliche Testkosten aufkommen soll – und nicht nur für Tests bei symptomatischen Personen. Kantonsarzt-Präsident Rudolf Hauri sagt dazu: «Mit der breiten Einführung der Antigentests wird auch die Teststrategie wieder zu überprüfen sein.»
Positivitätsrate sinkt
Die sinkende Positivitätsrate bewertet Steffen so. «Grundsätzlich ist es erfreulich, dass der Anteil der Testpositiven passend zum Rückgang der Neuinfektionen wieder sinkt.» Der Anteil testpositiver Personen sei aber nach wie vor zu hoch.
Im Tessin beträgt der Anteil positiver Tests laut Garzoni immer noch um die 30 Prozent. Dass die Rate gesamtschweizerisch leicht rückgängig ist, erklärt er so: «Im Winter sind vermehrt auch andere Viren im Umlauf, etwa Influenzaviren. Diese Erkrankungen haben ähnliche Symptome wie die Erkrankung an Covid-19. Ein zweiter Grund sind die leicht rückläufigen Infektionszahlen.»
In diesen Fällen bezahlt der Bund
Momentan gilt laut BAG: Alle Personen mit Krankheitssymptomen des neuen Coronavirus sollen sich unmittelbar nach Beginn der Symptome testen lassen. Das Ziel dieser Strategie ist, möglichst alle Ansteckungen zu erkennen. «Nur so können Infektionsketten gezielt unterbrochen werden. Dies ist für die Bewältigung der Epidemie zentral», schreibt das BAG. Deshalb übernimmt der Bund die Kosten sowohl für PCR-Tests als auch für Antigen-Schnelltests, wenn eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:
• Sie haben Symptome, die zu Covid-19 passen.
• Sie erhalten eine Meldung der Swiss-Covid-App, dass Sie Kontakt mit einer infizierten Person hatten.
• Die kantonale Stelle oder ein Arzt ordnet Ihnen einen Test an, da Sie sich aufgrund eines engen Kontakts zu einer infizierten Person in Quarantäne befinden.
Der Bund übernimmt die Kosten nicht, wenn:
• Sie ein negatives Testresultat für eine Reise benötigen;
• der Test auf Wunsch Ihres Arbeitgebers erfolgt;
• der Test im Ausland durchgeführt wird.


