Aktualisiert 14.09.2016 11:28

Homosexuelle

«Sie schauen uns abschätzig an»

Dass schwule Männer aus Bars geworfen werden, ist kein Einzelfall. Homosexuelle erleben in der Schweiz häufig diskriminierende Momente.

von
B. Zanni
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Viele Homosexuelle in der Schweiz fühlen sich diskriminiert. Im Bild: Teilnehmer an der Gay Pride in Fribourg am 25. Juni 2016.

Viele Homosexuelle in der Schweiz fühlen sich diskriminiert. Im Bild: Teilnehmer an der Gay Pride in Fribourg am 25. Juni 2016.

Keystone/Manuel Lopez
Florian Vock (26), Student und SP-Grossrat im Kanton Aargau: «Laufe ich mit meinem Partner oder schwulen Freunden durch die Stadt, schauen uns die Leute oft abschätzig an.» Klein beigeben wolle er aber nicht: «Es ist trotz allem viel schöner, offen zu leben. Das Selbstbewusstsein dazu ist Übungssache, die Community gibt mir einen starken Rückhalt.»

Florian Vock (26), Student und SP-Grossrat im Kanton Aargau: «Laufe ich mit meinem Partner oder schwulen Freunden durch die Stadt, schauen uns die Leute oft abschätzig an.» Klein beigeben wolle er aber nicht: «Es ist trotz allem viel schöner, offen zu leben. Das Selbstbewusstsein dazu ist Übungssache, die Community gibt mir einen starken Rückhalt.»

zvg
Auch Silvia Müri (32) berichtet: «Als ich frisch verliebt auf der Strasse meine Freundin küsste, gab es Autos, die hupten, und vereinzelt Menschen, die uns lästig lange anstarrten.» Dennoch fühle sie sich als lesbische Frau akzeptiert und nicht gezwungen, ihre sexuelle Orientierung zu verheimlichen.

Auch Silvia Müri (32) berichtet: «Als ich frisch verliebt auf der Strasse meine Freundin küsste, gab es Autos, die hupten, und vereinzelt Menschen, die uns lästig lange anstarrten.» Dennoch fühle sie sich als lesbische Frau akzeptiert und nicht gezwungen, ihre sexuelle Orientierung zu verheimlichen.

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Der Abend im Zürcher Nelson Pub endete für das homosexuelle Paar Martin Andersen und Kory Kalnasy abrupt. Als Andersen seinem Freund Kalnasy am letzten Wochenende an der Bar einen «Schmatzer auf den Mund gab», wurden die beiden von zwei Türstehern nach draussen befördert. «Ich habe mich noch nie so gedemütigt gefühlt», sagt Kalnasy dem «Blick». Am Dienstag verteidigte das Pub die Türsteher. Die beiden seien sich auf eine physische Weise nähergekommen, wie es auch bei Heterosexuellen nicht akzeptiert werde. Einen Rausschmiss streitet das Lokal ab. Der Security habe mit dem Paar draussen in Ruhe reden wollen. «Dann aber ist das Gespräch zum Streit eskaliert.»

Schwule und lesbische Frauen erleben im Alltag immer wieder Diskriminierungen. Wiederholt würden Schwulenhasser Schäden anrichten, sagt Melchior Burch, Besitzer des Lokals Männerzone. «Es wurde schon Hundekot an unsere Fenster gestrichen.» Auch sei es zu Buttersäure- und Schneeballattacken gekommen. Vor allem Jugendliche steckten dahinter.

«Wäh, seid ihr schwul»

Auch Florian Vock (26), Student und SP-Grossrat im Kanton Aargau, hat schon diskriminierende Momente erlebt. «Laufe ich mit meinem Partner oder schwulen Freunden durch die Stadt, schauen uns die Leute oft abschätzig an.» Am Zürifäscht seien ihm an jeder zweiten Ecke Beleidigungen nachgerufen worden. «Eine Gruppe Frauen rief etwa: ‹Wäh, seid ihr schwul.›» Auf einem Herrenklo habe ein Mann ihn und seine Freunde blossstellen wollen mit der Aussage: «Das ist nicht das Frauenklo.» Solche Erfahrungen lösten bei ihm automatisch ein vorsichtigeres Verhalten aus. «Ich überlege manchmal zweimal, neben wen ich mich im Zug setze.»

Silvia Müri (32) berichtet: «Als ich frisch verliebt auf der Strasse meine Freundin küsste, gab es Autos, die hupten, und vereinzelt Menschen, die uns lästig lange anstarrten.» Sie frage sich, ob in diesen Momenten die Sexualität von lesbischen Frauen ernst genommen oder ob sie nur als «Sexobjekt» wahrgenommen würden.

Meist fühlten sich die Lesben durch starre Blicke von Männern sexuell belästigt, sagt Lovis Cassaris, Vorstandsmitglied der Lesbenorganisation Schweiz LOS. «Halten zwei Frauen Händchen oder küssen sie sich, fassen dies manche Männer als Einladung zu einem Dreier auf.» Burschikose Frauen bekämen oft abfällige Bemerkungen wie «Mannsweib», «Kampflesbe» oder «Emanze» zu hören oder würden aufgefordert, «doch ihre Brüste zu zeigen».

«Zettel mit Beleidigungen»

Auch Schwulen-Organisationen bestätigen, dass Diskriminierungen in der Schweiz Alltag sind. Bastian Baumann, Geschäftsleiter des Schweizer Dachverbands der Schwulen Pink Cross, sind zudem Fälle bekannt, in denen Vermieter homosexuellen Paaren Wohnungen verweigerten, weil sie «kein schwules Paar im Haus» haben wollten. Auch in der Schule hätten es Homosexuelle manchmal schwer. «Plötzlich liegen auf ihren Pulten Zettel mit Beleidigungen.» In einigen Fällen würden Homosexuelle Opfer gewalttätiger Auseinandersetzungen.

Um für die Diskriminierungen zu sensibilisieren, erfasst die LGBT-Helpline (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) laut Baumann künftig derartige Vorfälle mit Zahlen. 2015 beschloss das Parlament, Beleidigungen gegen Homosexuelle unter Strafe zu stellen. Künftig drohen eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe.

Im Mai hielt Kory Kalnasy am Adele-Konzert in Zürich um die Hand von Martin Andersen an:

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