Tötungsdelikt Hamburg – «Der Stalker hat meine Tochter getötet»

Aktualisiert

Tötungsdelikt Hamburg«Der Stalker hat meine Tochter getötet»

Die 22-jährige S.D.* wollte in Hamburg ihren grossen Traum verwirklichen und Musicaldarstellerin werden. Am Dienstag wurde sie erschossen. Ihre Mutter erzählt, wie es so weit kommen konnte.

von
Daniel Graf
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30 Minuten bevor sie erschossen wurde, schickte D. dieses Bild an ihre Mutter. Sie wollte es für die Abschlussprüfungen an der Musicalschule verwenden und fragte ihre Mutter um Rat. 

30 Minuten bevor sie erschossen wurde, schickte D. dieses Bild an ihre Mutter. Sie wollte es für die Abschlussprüfungen an der Musicalschule verwenden und fragte ihre Mutter um Rat. 

Privat
Beim Täter handelt es sich um den ebenfalls 22-jährigen B.U.

Beim Täter handelt es sich um den ebenfalls 22-jährigen B.U.

Screenshot
In diesem Haus in Hamburg nahe dem Bahnhof Altona wurden die zwei Toten aufgefunden. 

In diesem Haus in Hamburg nahe dem Bahnhof Altona wurden die zwei Toten aufgefunden. 

IMAGO/Andre Lenthe

Darum gehts

  • In Hamburg wurde am Dienstagmorgen die 22-jährige S.D.* erschossen. Sie ist in der Ostschweiz aufgewachsen und stand in Hamburg kurz vor der Abschlussprüfung zur Musicaldarstellerin. 

  • Beim Täter handelte es sich um den ebenfalls 22-jährigen B.U.* 

  • D.s Mutter erzählt 20 Minuten, dass U. ihre Tochter seit neun Monaten gestalkt habe. «Sie wollte in Hamburg frei sein, doch das konnte er nicht akzeptieren.» 

  • Mit dem Gang an die Presse möchte die Mutter andere Eltern sensibilisieren: «Sprecht mit euren Kindern, nehmt solche Sachen ernst und informiert die Polizei frühzeitig.»

In Hamburg kam es am Dienstagmorgen zu einem Tötungsdelikt, anschliessend richtete der Täter sich selbst. Das Opfer ist die 22-jährige S.D.* aus der Ostschweiz. Jetzt erzählt ihre Mutter A.D.* (62) 20 Minuten von den Hintergründen: «Beim Täter hat es sich ganz klar um einen Stalker gehandelt», sagt D. Der ebenfalls 22-jährige Täter B.U.* war politisch aktiv und kam aus einem Dorf in der Ostschweiz (siehe unten). Er sei mit D.s Sohn, dem Bruder des Opfers, zur Schule gegangen: «Er hat sich in meine Tochter verliebt, doch sie wollte keine Beziehung. Das konnte er nie akzeptieren.»

Seit rund neun Monaten habe U. ihre Tochter gestalkt. «Er war unheimlich in sie verliebt, doch sie erwiderte das nicht und wollte auch nie körperlichen Kontakt.» U. habe ihrer Tochter mehrere Seiten lange Briefe und lange Whatsapp-Nachrichten geschrieben. «Wenn sie auch nur die kleinste positive Andeutung gemacht hat, bekundete er ihr seine Liebe. Erwiderte sie diese nicht, kippte seine Stimmung; er wurde richtig aggressiv», sagt D.

Tochter schickt 30 Minuten vor dem Tod ein Bild

Ihre Tochter sei vor rund zweieinhalb Jahren nach Hamburg gezogen, um ihren grossen Kindheitstraum zu verwirklichen. «Schon von klein auf wollte sie Musicaldarstellerin werden. Nachdem sie viel für die Matura lernen musste und in Hamburg angekommen, wegen Corona erst einmal eingesperrt war, dachte sie jetzt, dass sie endlich anfangen könne, ihr Leben richtig zu geniessen. Jetzt ist sie tot», sagt D.

«Als sie ihm vergangenen November klipp und klar sagte, dass sie nichts von ihm will, stand er drei Tage später vor ihrer Wohnungstür in Hamburg und belästigte und bedrohte sie.» D. wusste, dass ihre Tochter Angst vor U. hatte. «Heute mache ich mir Vorwürfe. Auch wenn die Polizei wohl nicht viel hätte machen können, ich hätte zumindest mit U.s Eltern das Gespräch suchen müssen.»

Kurz vor ihrem Tod schickt die Tochter ihrer Mutter das Bild, das 20 Minuten mit der Erlaubnis der Mutter unverpixelt zeigt. «Sie hat mich noch gefragt, ob sie es als Bild für die Abschlussprüfung der Stageschool nehmen soll. Das war 30 Minuten, bevor sie erschossen wurde», sagt. U.

«Als sie fliehen wollte, erschoss er sie»

Zur Tat selber sagt D.: «Es sieht so aus, als hätte er alles geplant. Dem Lehrer sagte er, er habe etwas Wichtiges in Hamburg zu erledigen. Angeblich hatte er kein Rückfahrtticket gelöst. Ich glaube, er wusste ganz genau, was er in Hamburg will und dass er nie wieder zurückkommen wird.» D. glaubt, dass der Täter psychische Probleme hatte. Die nicht existente Beziehung mit ihrer Tochter habe U. völlig verklärt romantisiert. «Mir kommt es so vor, als hätte er sich gesagt: Wenn ich sie nicht haben kann, dann nehme ich mir das Leben – und ihr auch, als eine psychotische Art tragisch-romantischer Akt.»

U. habe ein Zimmer im gegenüberliegenden Hotel gemietet mit direktem Blick auf die Wohnung, in der D.s Tochter mit einer Mitbewohnerin gelebt habe. «Ich denke, dass er beobachtet hat, wie die Mitbewohnerin das Haus verlassen hat. 30 Minuten später stellte er meine Tochter vor der Wohnungstür und erschoss sie.»

«Sprecht mit euren Kindern, holt Hilfe»

D. spricht auch mit der Presse, um andere Eltern zu sensibilisieren: «Meine Tochter war ein rundum grosszügiger, herzlicher, offener, fröhlicher, starker und fleissiger Mensch. Sie hatte keine Feinde. Doch das schützt einen nicht vor Stalking.» D. hatte ein inniges Verhältnis zu ihrer Tochter, half ihr oftmals sogar dabei, die Antworten an U. zu verfassen. «Ich kann allen Eltern nur raten: Wenn ihr merkt, dass eurem Kind etwas ähnliches passiert, nehmt das ernst, konfrontiert die Eltern des Täters oder der Täterin und informiert notfalls die Polizei frühzeitig.»

Am Donnerstag will D. sich mit den Eltern des Täters treffen. «Sie haben ihr Kind bestimmt genauso sehr geliebt, wie ich meines. Doch ich möchte wissen, wie sie ihren Sohn erlebt haben, ob sie die Anzeichen gespürt haben und wie es ihnen jetzt geht.» 

*Initialen geändert 

B.U. machte Politik

Der mutmassliche Täter B.U. stammt aus dem Kanton Thurgau und wird von seinem Umfeld als unauffällig beschrieben. Er war politisch aktiv und kandidierte für den Grossen Rat, setzte sich für das duale Bildungssystem und das Klima ein. Auf seiner Website präsentierte er sich als Brückenbauer. Die Präsidentin seiner Bezirkspartei kann die Tat nicht fassen. «Wir sind tief betroffen. Meine Gedanken sind bei der Familie des Opfers.»

Der mutmassliche Täter B.U. 

Der mutmassliche Täter B.U. 

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Stalking betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Kind verloren?

Hier findest du Hilfe:

Fachstelle Kindsverlust, Beratung während Schwangerschaft, Geburt und erster Lebenszeit

Himmelskind.ch, für Akuthilfe und Trauerbegleitung

SIDS, nach plötzlichem Kindstod

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Mein-Sternenkind.ch, für betroffene Väter, Familien, Angehörige

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Appella, Telefon- und Onlineberatung bei früher Fehlgeburt

Pro Pallium, Trauergespräche und Trauertreffen

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Jüdische Fürsorge, info@vsjf.ch

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