Aktualisiert 26.01.2015 10:06

ProkrastinationSie schieben alles auf – auch die Selbsthilfegruppe

Auf Mahnungen reagieren sie nicht, die Steuererklärung füllen sie nie aus: In Zürich gibts eine neue Selbsthilfegruppe für Leute, die Dinge aufschieben. Doch auch hier lauern Gefahren.

von
som
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Im Selbsthilfecenter Zürich gibt es eine Gruppe für Menschen, die unter Aufschiebitis leiden. Psychologen nennen dieses Verhalten Prokrastination, was Vertagung bedeutet.

Im Selbsthilfecenter Zürich gibt es eine Gruppe für Menschen, die unter Aufschiebitis leiden. Psychologen nennen dieses Verhalten Prokrastination, was Vertagung bedeutet.

som
Die Betroffenen schaffen es nur mit grösster Überwindung, bestimmte Dinge zu erledigen. Darüber sind sie sich bewusst.

Die Betroffenen schaffen es nur mit grösster Überwindung, bestimmte Dinge zu erledigen. Darüber sind sie sich bewusst.

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Dies löst in ihnen Angst und Unruhe aus, was sie noch mehr lähmt.

Dies löst in ihnen Angst und Unruhe aus, was sie noch mehr lähmt.

som

Das kennt wohl fast jeder: Eine Rechnung bleibt liegen und statt Sport zu treiben, schaut man lieber TV. Martin M.* aber schiebt nicht nur gelegentlich Dinge auf, sondern jeden Tag. Er reagiert weder auf Mahnungen, noch füllt er das Meldeformular seiner Krankenkasse aus. Momentan stottert er gerade seine Steuerschulden ab. «Weil ich alle Fristen verpasst hatte, wurde ich viel zu hoch eingeschätzt.»

Im Beruf hat er seine Prokrastination einigermassen gut unter Kontrolle: «Allerdings schiebe ich auch dort Aufgaben zu lange hinaus, bis ich am Schluss die Nächte durcharbeiten muss.» Offensichtlicher ist es im Privatleben, wenn er Verabredungen mit Freunden sausen lässt und stattdessen bis fünf Uhr nachmittags im Bett bleibt. «Obwohl ich dann ein unheimlich schlechtes Gewissen habe, kann ich mich nicht aufraffen», sagt M. Irgendetwas bremse ihn: «Das ist wie bei einem Alkoholiker, der mit dem Trinken nicht aufhören kann.»

Selbsthilfegruppe in Zürich

Psychologen nennen dieses Verhalten Prokrastination, was Vertagung bedeutet. Die Betroffenen schaffen es nur mit grösster Überwindung, bestimmte Dinge zu erledigen. Dessen sind sie sich bewusst – es löst in ihnen Angst und Unruhe aus, was sie noch mehr lähmt. «Wenn man dadurch soziale oder berufliche Nachteile hat, sollte man dieses Problem angehen», so M.

Er ist schon seit ein paar Jahren in psychologischer Behandlung. Weil ihm dies nicht reicht, trat er vor Kurzem einer Selbsthilfegruppe für Prokrastination bei, über die auch schon das «Magazin» berichtete. Einmal pro Woche treffen sie sich im Selbsthilfecenter Zürich. «Am Anfang haben wir uns vor allem ausgetauscht», so M. Inzwischen werde an der Jupiterstrasse aber auch gehandelt: «Wir nehmen unsere Rechnungen oder Steuererklärungen mit und erledigen sie gemeinsam.» Danach fühlten sich alle viel besser und er selbst hätte schon einiges abbauen können. Allerdings schaffen es längst nicht immer alle Gruppenmitglieder, ins Selbsthilfecenter zu kommen: «Sie vertagen diesen Termin dann wohl auf nächste Woche.»

*Name geändert

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