03.11.2020 22:51

Terror in Wien «Sie schlagen da zu, wo es niemand erwartet»

Wie konnte Wien zum Ziel von Terror werden – und droht diese Gefahr auch der Schweiz? Experten analysieren die Ereignisse.

von
Daniel Graf
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In Wien kam es am Montagabend zu einer Schiesserei, die mehrere Todesopfer forderte.

In Wien kam es am Montagabend zu einer Schiesserei, die mehrere Todesopfer forderte.

KEYSTONE
Die Regierung spricht von einem terroristischen Anschlag.

Die Regierung spricht von einem terroristischen Anschlag.

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Der Täter schoss offenbar auf Menschen in Restaurants und Cafés.

Der Täter schoss offenbar auf Menschen in Restaurants und Cafés.

REUTERS

Darum gehts

  • In der Wiener Innenstadt hat es am Montag kurz nach 20 Uhr eine Schiesserei gegeben.

  • Beim Attentäter handelt es sich um einen österreichisch-nordmazedonischen Doppelbürger mit islamistischem Hintergrund.

  • Drei Passanten und eine Kellnerin wurden getötet. Die Polizei erschoss einen Attentäter.

  • Experten erklären, warum Österreich in den Fokus des Terrors gerückt ist.

  • Auch die Schweiz müsse sich auf Anschläge vorbereiten.

In Österreich kam es am Montagabend zu einer Schiesserei in der Innenstadt. Bisher sind vier zivile Tote zu beklagen, ein Attentäter wurde von der Polizei getötet. 14 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Die österreichische Regierung geht von einem islamistisch motivierten Terroranschlag aus.

Christina Schori Liang leitet die Abteilung Terrorismus und Bekämpfung von gewaltbereitem Extremismus am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik. Sie glaubt, dass Wien als Angriffsziel ausgewählt wurde, weil niemand damit gerechnet hat: «Frankreich oder England sind schon lange im Visier von Terroristen, diese Länder sind vorbereitet. Doch Terror versucht die Menschen immer da zu treffen, wo sie es nicht erwarten, um den Menschen das Gefühl zu geben, dass es jeden treffen kann.»

Auch der Zeitpunkt war für die Expertin nicht zufällig gewählt: «Es war der letzte Abend vor dem Lockdown, die Menschen wollten den Abend noch geniessen. Genau in solchen Momenten wollen Attentäter zuschlagen.»

Anschläge in der Schweiz nicht auszuschliessen

Die Expertin schliesst auch Anschläge in der Schweiz nicht aus: «Es ist die traurige Realität, dass sich auch die Schweiz auf solche Angriffe vorbereiten muss», sagt sie. Besorgt zeigt sie sich insbesondere über die Tatsache, dass in den kommenden Monaten in Europa viele Straftäter aus dem Gefängnis entlassen werden, welche wegen Terrorismus verhaftet wurden. «Der österreichische Attentäter sass ja ebenfalls wegen Verbindungen zu terroristischen Organisationen hinter Gitter und kam danach frei.»

Tatsächlich haben sich terroristische Angriffe in Europa in der letzten Zeit gehäuft. In Nizza, Paris und Dresden kam es jüngst ebenfalls zu Anschlägen. Den Grund dafür nennt der österreichische Terrorexperte Nicolas Stockhammer: «Ich sehe hier einen klaren Zusammenhang zum neuerlichen Aufflammen des Streits um die Mohammed-Karikaturen von ‹Charlie Hebdo› in Frankreich.» Die Attentäter in Nizza, Dresden und jetzt auch in Wien dürften eine Art Trittbrettfahrer gewesen sein. «Weitere Attentate können somit leider nicht ausgeschlossen werden.»

«IS-Terrormiliz hat noch viel Einfluss»

Der Islamische Staat habe denn auch nach wie vor viel Macht in Europa. «Die Terrormiliz, welche im nahen Osten das Kalifat ausgerufen hatte, ist zwar zerschlagen», sagt Stockhammer. Doch als Terrororganisation habe der IS immer noch viel Einfluss. «Sie werden nicht noch einmal den Fehler machen, territoriale Ansprüche zu erheben. Mit weiteren Anschlägen, welche durch den IS unterstützt oder zumindest von seiner Ideologie geprägt sind, ist aber zu rechnen.»

Dass auch die Schweiz Opfer von terroristischen Angriffen werden könnte, schliesst auch Stockhammer nicht aus: «Der Vorfall in Wien ist für die Schweiz insofern relevant, als dass Österreich und die Schweiz vergleichbare Positionen haben. Beide bezeichnen sich als neutral, beherbergen diverse internationale Organisationen und nehmen in Konflikten oft eine vermittelnde Rolle ein.» Am Dienstagabend verhaftete die Polizei in Winterthur zwei Personen, möglicherweise aus dem Umfeld des Attentäters von Wien.

Erhöhte Terror-Gefahr in Genf

Schori Liang sieht etwa in Genf eine erhöhte Gefahr terroristischer Anschläge. «Die Stadt ist stark international geprägt, viele grosse Organisationen haben dort ihren Sitz, welche ein Feindbild islamistischer Extremisten darstellen.» Auch die Nähe zu Frankreich spiele eine Rolle.

Die Experten sind sich einig: Komplett verhindern kann man solche Anschläge nicht. «Man kann einzelne Vorfälle vereiteln», sagt Stockhammer. Letztlich sei Terror aber immer ein Ausdruck von politisch motivierter Gewalt. «Solange es politische Konflikte gibt, wird es auch Terrorismus geben.»

Trotzdem kann sie die Schweiz laut Schori Liang vorbereiten: «Sollte tatsächlich eine Schweizer Stadt Opfer eines Angriffs werden, ist entscheidend, wie darauf reagiert wird.» Einerseits müssten natürlich die Sicherheitskräfte diese Szenarien einspielen, um im Ernstfall richtig zu handeln. «Wichtig ist aber auch, dass die Bevölkerung sich richtig verhält.»

Richtiges Verhalten im Ernstfall thematisieren

In Österreich sei es beispielsweise richtig gewesen, dass die Polizei die Personen im betroffenen Gebiet angewiesen habe, in den Restaurants oder Kinos zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. «Wäre eine Massenpanik ausgebrochen und die Menschen wären auf die Strasse gerannt, hätte es möglicherweise noch viel mehr Opfer gegeben.»

Solche Verhaltensweisen müssten laut Schori Liang im Idealfall in der Schweiz thematisiert werden, etwa an Schulen und Universitäten. «Gerade in Zeiten von Corona müssen aber auch Spitäler sich auf solche Szenarien vorbereiten. Jihadistische Attentäter versuchen dort zuzuschlagen, wo viele Menschen schlecht geschützt werden.»

Obwohl die Möglichkeit eines Anschlags in der Schweiz besteht, will Schori Liang keine Angst schüren: «Ich fühle mich wohl in der Schweiz und bin überzeugt, dass die Behörden gute Arbeit leisten und dass auch die Zusammenarbeit mit ausländischen Behörden funktioniert.» Die Schweiz sei deshalb zwar gut beraten, mit dem Schlimmsten zu rechnen. «Wir dürfen aber durchaus auch auf das Beste hoffen.»

Das ist bekannt

- In der Wiener Innenstadt hat es am Montag kurz nach 20 Uhr eine Schiesserei gegeben.

-Beim Attentäter handelt es sich um österreichisch-nordmazedonischen Doppelbürger mit islamistischem Hintergrund. Er war wegen Mitgliedschaft in einer Terror-Organisation vorbestraft.

- 17 Menschen sind teils schwer verletzt. Auch ein Polizist wurde schwer verletzt. Drei Passanten und eine Kellnerin wurden getötet.

- Die Polizei erschoss einen Attentäter. Die Polizei spricht von sechs verschiedenen Tatorten.

- Kanzler Sebastian Kurz sagte am Dienstag, Österreich sei «Ziel eines brutalen Terroranschlages» geworden. Es gehe nicht um eine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten. Es gehe um einen Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei. «Und diesen Kampf werden wir mit aller Entschiedenheit führen.»

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