Aktualisiert 01.06.2010 17:11

Rückkehr der Gaza-Aktivisten«Sie schlugen manche vor unseren Augen»

Nach den deutschen Aktivisten reden nun auch freigelassene Griechen und eine Türkin. Sie werfen den israelischen Soldaten brutales Vorgehen vor.

Wie die linksgerichtete Israelische Zeitung «Haaretz» berichtet, sind die Boote der Aktivistenflotte in der israelischen Hafenstadt Ashdod vertäut. Bereits sind einige Gefangene freigelassen worden – unter anderem die Türkin Nilufer Cetin, die mit ihrem Baby auf der «Mavi Marmara» reiste, bei deren Erstürmung es zur tödlichen Schiesserei kam. Ihr Mann, der Schiffsingenieur, befindet sich noch immer in Gefangenschaft.

Cetin versteckte sich in ihrer Kabine, als die israelische Kommandoeinheiten das Schiff enterten. «Sie warfen Rauchbomben, dann Benzinkanister », sagte sie gegenüber türkischen Medien nach ihrer Ankunft in Istanbul. Dann habe die Schiesserei begonnen. «Der Schiffboden war mit Blut bedeckt», sagte Cetin. Nach der Gefangennahme hätten die Israelis sämtliche Handys und Laptops konfisziert – Cetin kriegte ihre Sachen nach der Entlassung nicht wieder.

Knüppel und Elektroschocks

Der freigelassene griechische Aktivist Dimitris Gielalis, der auf dem Boot «Sfendoni» mitfuhr, erzählte gemäss Haaretz vor Journalisten in Athen: «Die Soldaten benutzten Plastikkugeln, Elektroschocks, sie schlugen uns – sie setzten jede Methode ein die man sich denken kann.» Als der Kapitän sich geweigert habe, das Steuer zu verlassen, sei er geprügelt worden. Einem Kameramann habe ein Soldat den Gewehrkolben ins Auge geschlagen.

Aris Papadokostopoulos, ein weiterer Grieche, war auf der «Free Mediterranean». Er sagte: «Sie kamen aus der Luft und vom Meer, von überall. Sie traktierten einige mit Elektroschocks und Knüppeln, obwohl auf unserem Boot niemand Widerstand leistete.» Während der Einvernahme seien viele vor ihren Augen geschlagen worden.

«Rein zivile Mission»

Zuvor hatten sich die drei freigelassenen deutschen Linkspartei-Politiker, die an Bord des Schiffskonvois mit Hilfsgütern für Gaza waren, vor den Medien geäussert. Sie werteten die Kommandoaktion als «Kriegsverbrechen und klaren Akt der Piraterie» gewertet.

Der Angriff sei vollkommen unverhältnismässig gewesen, sagte der frühere Bundestagsabgeordnete und Rechtsprofessor Norman Paech am Dienstag in Berlin nach seiner Rückkehr aus Israel. Es habe sich um eine «rein zivile Mission» in internationalen Gewässern gehandelt.

Israelis stürmen «Solidaritätsflotte»

Holzstöcke als Waffen

Paech wies Berichte zurück, die maskierten Elitesoldaten hätten nur in Notwehr zur Selbstverteidigung scharf geschossen, weil sie mit Eisenstangen, Äxten und auch Messern angegriffen worden seien. Er persönlich habe vor der Attacke auf dem Schiff «Mavi Marmara» lediglich «zwei lange und einen etwas kürzeren» Holzstock gesehen.

Während der Erstürmung selbst war Paech auf dem Unterdeck. Er könne daher nicht ausschliessen, dass oben auch Stangen zur Attacke auf israelische Soldaten benutzt worden seien, räumte er ein. Aus seiner Sicht wäre jedoch «nichts daran auszusetzen», wenn einzelne Gaza-Aktivisten versucht haben sollten, «die Soldaten zu entwaffnen».

Frauen im Unterdeck eingeschlossen

Die beiden Bundestagsabgeordneten der Linken, Inge Höger und Annette Groth, berichteten, sie seien zusammen mit allen mitreisenden Frauen während der Erstürmung am frühen Morgen auf einem Unterdeck eingeschlossen gewesen. Ihnen sei noch unklar, ob dies von den türkischen Aktivisten, die das Kommando führten, veranlasst wurde oder von den Israelis. Höger sagte: «Wir haben uns wie im Krieg gefühlt.» Sie appellierte an die israelische Regierung, alle festgenommenen Aktivisten freizulassen. Die Mission habe friedliche Zwecke verfolgt. «Niemand hatte eine Waffe.»

Deutscher Arzt sah rund 50 «erheblich» Verletzte

Der deutsche Arzt Matthias Jochheim, der für die Friedensorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung) an Bord der «Marmara» war, sagte, er habe selbst vier Tote gesehen und rund 50 «erheblich» Verletzte, davon der Grossteil mit Schusswunden.

Paech sagte, mit als Erstes seien drei verletzte israelische Soldaten nach unten in das Lazarett des Schiffs gebracht worden. Einer habe nach seinem Eindruck «eventuell einen Kreislaufkollaps» erlitten, die beiden anderen seien am Arm verletzt worden.

Die Linken-Parteichefin Gesine Lötzsch sagte, Bundeskanzlerin Angela Merkel hätte angesichts des «verbrecherischen Angriffs» den israelischen Botschafter einbestellen müssen. Sie sei «sehr stolz» auf den mutigen Einsatz der Aktivisten.

Fünf von elf Deutschen sind zurück

Am Vormittag waren fünf von elf deutschen Aktivisten wohlbehalten zurück in Deutschland gelandet. Aussenminister Guido Westerwelle verlangte Aufklärung über das Schicksal von sechs weiteren Bundesbürgern, die ebenfalls Teilnehmer an dem Hilfskonvoi waren. Die Schiffe mussten nach der fehlgeschlagenen Hilfsaktion für Gaza den israelischen Hafen Aschdot anlaufen.

Bei dem Einsatz gegen sechs Schiffe in internationalen Gewässern wurden mindestens neun pro-palästinensische Aktivisten getötet und Dutzende Menschen verletzt. Das blutige Vorgehen der Streitkräfte stiess im Ausland auf Empörung und scharfe Kritik.

Aktivisten werden bei der Landung im Hafen abgeführt.

(dapd)

Mankell ist auf dem Heimweg

Der schwedische Bestseller-Autor Henning Mankell ist in Israel in ein Flugzeug mit Ziel Schweden gestiegen. Mankell war bei der gestrigen Stürmung mit zehn Landsleuten der Gaza-Hilsflotte in Gefangenschaft gekommen. Während des Fluges sagte er einem mitreisenden Reporter der schwedischen Zeitung «Expressen»: «Wir machen uns Sorgen um unsere Freunde, die noch im Gefängnis sind.»

Ankara: Mindestens vier Türken unter den Getöteten

Unter den neun von Israel getöteten Gaza-Aktivisten sind nach Angaben der türkischen Regierung mindestens vier Türken. Der Tod dieser vier Bürger sei bestätigt, teilte das Aussenministerium in Ankara am Dienstag mit. Bei den übrigen fünf Toten handele es sich vermutlich ebenfalls um Türken. Die israelischen Behörden versuchten noch immer, die Nationalität der fünf Menschen zu bestätigen, die bei der Kommandoaktion am Vortag getötet wurden, hiess es weiter. (AP)

Ägypten öffnet Gaza-Streifen

Ägypten hat am Dienstag seine Grenze zum Gazastreifen geöffnet und damit die von Israel verhängte Blockade des Küstenstreifens gelockert. Bis auf weiteres könnten Palästinenser die Grenze ungehindert passieren, sagten ägyptische und palästinensische Behördenvertreter.

Der ägyptische Grenzübergang Rafah ist der einzige zum Gazastreifen, der nicht vollständig von Israel kontrolliert wird. Seit der Machtübernahme der radikalen Hamas in dem Palästinensergebiet vor drei Jahren hat Ägypten den Übergang nur selten geöffnet.

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