Prozess um ausgesetztes Baby: Staatsanwältin fordert für Mutter 32 Monate Freiheitstrafe

Prozess um ausgesetztes BabyStaatsanwältin fordert für Mutter 32 Monate Freiheitstrafe

Im Januar 2020 wurde auf dem Werkhof Därstetten ein neugeborenes Baby gefunden. Nun muss sich die 44-jährige Mutter vor Gericht verantworten, ihr wird unter anderem versuchte Kindstötung vorgeworfen. 20 Minuten berichtet live aus dem Gerichtssaal.

von
Simon Ulrich

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Dienstag, 21.06.2022

Urteil am Donnerstag

Damit ist die Verhandlung geschlossen. Das Urteil wird am Donnerstagvormittag verkündet. Vielen Dank fürs Mitlesen!

Letztes Wort

«Ich bin dankbar, dass meine Tochter rechtzeitig gefunden wurde und es ihr jetzt gut geht», sagt die Beschuldigte bei ihren letzten Worten. «Ich weiss, dass ich zur Verantwortung gezogen werden muss.»

Verteidiger: 8 Monate Haft genug

Der Verteidiger der Beschuldigten erachtet eine Freiheitsstrafe von acht Monaten als angemessen, dies bei einer Probezeit von zwei Jahren. Seine Mandantin sei vom Vorwurf der versuchten Kindstötung freizusprechen. Schuldig gemacht habe sie sich hingegen der Aussetzung.

«Das Verstecken der Schwangerschaft fiel der Beschuldigten immer schwerer, die Situation erschien immer auswegloser», so der Anwalt. Der Entscheid, das Neugeborene auszusetzen sei spontan und unter grossem Druck des Umfelds gefallen, namentlich das Geheimnis ihrer Schwangerschaft vor dem Freund zu verbergen. Als strafmildernd zu werten sei ausserdem das frühe Geständnis der Beschuldigten.

"Kein Eventualvorsatz"

Es geht weiter mit dem Plädoyer des Verteidigers der Beschuldigten. Seine Mandantin habe beim Werkhof durchaus eine Erstversorgung vorgenommen, die Nabelschnur durchtrennt und das Kind eingewickelt. «Sie hat nach der Geburt in einem ersten Schritt alles gemacht, was von ihr in einer solchen Situation verlangt werden kann, um das Überleben des Kindes sicherzustellen.» Rhetorisch fragt er: «Wieso hätte sie eine Erstversorgung unternehmen sollen, wenn sie nicht wirklich gehofft hätte, dass ihr Kind überlebt?» Die Hoffnung sei risikoreich, aber echt gewesen.

Das Fehlverhalten liege darin, dass seine Mandantin nach der Geburt keine Hilfe angefordert habe, was einer Unterlassung gleichkomme, so der Verteidiger. Einen Eventualvorsatz stellt der Verteidiger hingegen in Abrede. «Meine Mandantin vertraute darauf, dass ihr Kind rechtzeitig aufgefunden wird.»

Verdrängung

Nun spricht die Anwältin des Opfers. Die Beschuldigte habe «verdrängt, was nicht sein darf»: die Schwangerschaft ebenso wie den Umstand, in Kauf genommen zu haben, dass ihre Tochter stirbt. Ihr sei – wenn vielleicht auch nur in einem kurzen Moment – durchaus bewusst gewesen, dass das Kind an Unterkühlung sterben könnte.

Nach der Tat sei sie mehrmals am Entsorgungshof vorbeigefahren – ohne nach dem Mädchen zu sehen. Ja, die Mutter sei sicherlich überfordert gewesen. Doch wäre es ohne weiteres möglich gewesen, einen wärmeren Ort für das Aussetzen des Kindes zu finden, argumentiert die Anwältin. Auch, wo sich das kantonale Babyfenster befindet, sei leicht herauszufinden.

Eine Schuldunfähigkeit wegen Drogeneinflusses oder wegen einer psychischen Störung stellt die Anwältin in Abrede. Die Angeklagte sei deshalb der versuchten Kindstötung schuldig zu sprechen. Zudem sei dem Kind, das nur knapp überlebt habe, eine Genugtuung von 15'000 Franken zu entrichten.

Staatsanwaltschaft fordert 32 Monate Freiheitsstrafe

Bei der Beschuldigten sei weder echte Reue noch Einsicht spürbar, hält die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer fest. Drohenden Schwierigkeiten sei sie aus dem Weg gegangen, indem sie sich der Tochter schnellstmöglich entledigt habe. Eine schwerwiegende Bedrängnis sei dabei nicht ersichtlich gewesen.

Die Staatsanwältin fordert wegen versuchter Kindstötung eine Freiheitsstrafe von 32 Monaten, 16 Monate davon unbedingt. Zudem solle das Gericht einen Landesverweis von fünf Jahren gegen die Deutsche aussprechen.

«Tod des Neugeborenen offensichtlich in Kauf genommen.»

Die Beschuldigte habe den Säugling ohne Nahrung und Flüssigkeit und nur in Decken eingewickelt ausgesetzt. Dass es sich um einen Ort zur Entsorgung handelt, mache das Ganze noch viel tragischer, sagt die Staatsanwältin. Dass die Angeklagte damit gerechnet habe, dass das ausgesetzte Kind gefunden werde, sei als Schutzbehauptung zu qualifizieren. «Sie hat den Tod des Neugeborenen offensichtlich in Kauf genommen.»

Beschuldigte machte Vergewaltigung geltend

Gemäss Staatsanwältin gab die Beschuldigte bei den polizeilichen Einvernahmen an, in Thun von einem unbekannten Mann vergewaltigt worden zu sein; in der Folge sei sie schwanger geworden. Untersuchungen hätten aber gezeigt, dass ihr damaliger Liebhaber der Vater des Kindes sei, mit dem sie ein kurzfristiges sexuelles Verhältnis gepflegt habe, führt die Staatsanwältin aus. Um die Beziehung zu ihrem Lebenspartner nicht zu gefährden, habe sie ihm die Schwangerschaft verheimlicht und das Kind ausgesetzt. Das Verfahren wegen Vergewaltigung sei später eingestellt worden.

Plädoyer der Staatsanwältin

Die Staatsanwältin beginnt mit ihrem Plädoyer. Das Kind habe wegen der Fehler ihrer Mutter beinahe sterben müssen, kaum sei es auf der Welt gewesen. Nur mit Glück habe das Mädchen überlebt.

Ende der Einvernahme

Damit ist die Befragung der Beschuldigten beendet. Nun gibt es eine Pause bis 10.10 Uhr.

«Habe mein Gesicht verloren»

Warum sie im Frühjahr 2020 nach Österreich gereist sei, will die Staatsanwältin wissen. «Ich habe überall mein Gesicht verloren», so die Antwort der Beschuldigten. Warum sind Sie später nicht wieder in die Schweiz eingereist, wie dies ursprünglich geplant war? «Ich hatte nicht die Kraft dazu. Vielleicht wars auch einfach Feigheit.»

Will künftig Kontakt zu Kind

Das zweieinhalbjährige Mädchen, das offenbar Anzeichen eines frühkindlichen Traums aufweist, lebt heute in einer Pflegefamilie. Sie wolle künftig regelmässigen Kontakt zu ihrem Kind aufbauen, beteuert die Beschuldigte.

Allerdings denke sie dabei eher an Videokontakt, schränkt sie ein. Denn regelmässig in die Schweiz zu fahren, sei ihr nicht möglich, sagt die Beschuldigte, die heute in Österreich lebt. Das könne sie sich finanziell nicht leisten, wo sie doch keinen festen Job habe.

Bislang fiel der Kontakt zwischen Mutter und Kind offenbar eher spärlich aus. Vielleicht sei sie dafür zu feige gewesen, meint die Beschuldigte. Eine Adoption könne sie sich derzeit nicht vorstellen. Sie könne ihrem Kind aktuell kein stabiles Umfeld bieten.

«Wenn ich könnte, würde ich alles rückgängig machen»

«Ich wollte nie, dass sie stirbt. Ich bin wirklich froh, dass sie rechtzeitig gefunden wurde. Wenn ich könnte, würde ich alles rückgängig machen», sagt die Angeklagte unter Tränen.

«Ich ging davon aus, dass sie sofort gefunden wird»

Auch die Frage aller Fragen, warum sie das Neugeborene beim Werkhof ausgesetzt habe, kann die Beschuldigte nicht beantworten. Vielleicht aus Angst vor der Reaktion ihres Lebenspartners, sagt sie einmal. «Hätte ich mir Gedanken gemacht, hätte ich sie dort nicht abgelegt», so die Angeklagte.

Ob ihr der Gedanke gekommen sei, das Kind mit nach Hause zu nehmen, könne sie ebenfalls nicht mehr sagen. «Ich ging davon aus, dass sie sofort gefunden wird.» Warum sie später nicht allein zum Entsorgungshof zurückgefahren sei, um nachzusehen, ob das Neugeborene noch dort sei, kann die Frau ebenfalls nicht beantworten.

«Ich wollte nie, dass sie stirbt. Ich bin wirklich froh, dass sie rechtzeitig gefunden wurde. Wenn ich könnte, würde ich alles rückgängig machen», so die Beschuldigte.

«Alles ging so schnell»

Von welchem Geburtstermin Sie ausgegangen sei, will die Gerichtspräsidentin wissen. «Ich kann es Ihnen nicht sagen», antwortet die 44-Jährige. Sie habe zwar Bauchschmerzen gehabt in den Wochen vor der Geburt, habe aber nicht daran gedacht, dass dies Wehen sein könnten. Alles sei bei der Geburt so schnell gegangen. Sie habe das Kind nicht auf dem Werkhof deponieren wollen, beteuert die Beschuldigte, die oft leise und undeutlich spricht.

«Wollte Schwangerschaft nicht wahrhaben»

Nun geht es um das ausgesetzte Kind. Sie habe eigentlich gar nicht gemerkt, dass sie schwanger sei, gibt die Beschuldigte gegenüber dem Richtergremium an. «Oder ich wollte es nicht wahrhaben.» Bei den polizeilichen Einvernahmen habe sie ausgesagt, zehn Wochen vor der Geburt von der Schwangerschaft gewusst zu haben, sagt die Gerichtspräsidentin. Sie könne sich daran nicht erinnern, entgegnet die Beschuldigte.

Psychische Probleme

Die Beschuldigte gibt an, in psychiatrischer Behandlung zu sein: «Ich habe Depressionen und kann nicht schlafen.»

Fragen zur Person

Die Beschuldigte wird als erstes zu ihrer Kindheit befragt. Sie habe drei Geschwister, zu denen der Kontakt allerdings abgebrochen sei, erzählt die Beschuldigte. Sie wisse auch nicht, wo sich die Geschwister zurzeit aufhalten würden.

Über eine Ausbildung verfügt die heute 44-Jährige nicht; sie habe aber einen Kurs als Altenpflegerin absolviert. Heute wohnt sie mit ihrem Lebenspartner in Österreich. Eine feste Stelle habe sie momentan nicht. «Ich jobbe mal da und mal da», so die Beschuldigte. Das ausgesetzte Kind mit eingerechnet habe sie vier Kinder.

Montag, 20.06.2022

Die Verhandlung beginnt

Gerichtspräsidentin Salzmann eröffnet die Verhandlung. Als erstes auf dem Programm steht die Einvernahme der Beschuldigten.

Der Fund

Ein Landwirt fand das Baby am nächsten Morgen schwer unterkühlt und mit viel zu tiefem Puls. Der Unterkühlungstod des Säuglings «dürfte unmittelbar bevorgestanden haben und konnte nur durch medizinische Versorgung mit Medikamenten zur Steigerung der Herzfrequenz sowie dem Einsatz von Wärmebeuteln, Wärmedecken etc. gerade noch abgewendet werden», ist der Anklageschrift zu entnehmen. Die Beschuldigte habe sodann in Kauf genommen, dass ihr Kind «qualvoll verstirbt».