Zu Gast in Bonstetten ZH: «Sie sind Mormone - wählen Sie also Romney?»
Aktualisiert

Zu Gast in Bonstetten ZH«Sie sind Mormone - wählen Sie also Romney?»

Mit Mitt Romney wird womöglich schon bald ein Mormone US-Präsident. Seine Glaubensgenossen in der Schweiz stehen nicht alle geschlossen hinter ihm. Ein Besuch im Gottesdienst.

von
Antonio Fumagalli

Ginge es nach Rahel Küng, könnten die US-Präsidentschaftswahlen längst vorbei sein: «Ich kann es langsam nicht mehr hören, auf Mitt Romney angesprochen zu werden», sagt das Mitglied der Mormonen-Kirche in Bonstetten ZH und geht in die Kapelle. Während der nächsten fünfzig Minuten hat sie Ruhe – im Gottesdienst wird Glaubensbruder Romney mit keinem Wort erwähnt.

Knapp 100 Personen – die Männer mit Anzug und Krawatte, die Frauen überwiegend mit Röcken – versammeln sich an diesem verschneiten Sonntagmorgen in der Kirche. Hände werden geschüttelt, man kennt sich. Ein junges Paar, beide wohl Anfang zwanzig, küsst sich. Zwei Mutige in einer Gemeinschaft, die gerade in sexueller Hinsicht konservative Werte vertritt? Der Ehering der beiden blitzt erst auf, als sie das Gesangbuch zur Hand nehmen.

Als ein Assistent von Bischof Walter Huwiler das Wort ergreift, wird es ruhiger. Ganz still ist es während der gesamten Messe aber nie – zu viele Kinder und Jugendliche sind anwesend. Mitgliederschwund und Desinteresse der Jugend? Nicht bei den Mormonen. «Wir haben die Anzahl der Gemeindemitglieder nicht zuletzt dank des Zustroms von ausländischen Arbeitskräften in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt», sagt der Medienbeauftragte Christian Gräub.

Göttliche Gefällt-mir-Taste

Man hört Sätze, die man auch in einer Landeskirche hören könnte. Die Bedürfnisse der zahlreich anwesenden Jugendlichen werden aber direkter angesprochen («Die einzige Gefällt-mir-Taste, die es zu wählen gilt, ist diejenige von Gott») und die ganze Predigt wird simultan ins Englische übersetzt. «In unserer Gemeinde sind vierzehn Nationen vertreten», sagt Aktivmitglied Markus Aeschbacher, «neben den Schweizern sind die Amerikaner mit Abstand die grösste Gruppe».

Tyler Deans ist einer davon: «Romney oder Obama? Keiner von beiden», sagt der gebürtige Kalifornier. Deans wird seine Stimme einem chancenlosen Kandidaten einer dritten Partei geben. «Ich will meinen Wahlzettel nicht aufgrund von religiösen Gesichtspunkten ausfüllen», sagt der Anwalt, der seine Stimme als Statement für ein pluraleres Parteiensystem versteht.

Keine Wahlempfehlung

Landsmann Brady Millerberg wird Romney wählen. Der leitende Angestellte eines börsenkotierten Unternehmens gibt aber hauptsächlich wirtschaftliche Gründe an, die ihn dazu bewegen. Die Religion sei nebensächlich. Mehrere Gemeindemitglieder werden ihre Stimme denn auch Präsident Obama geben: «Das ist kein Problem. Die Kirche soll ein politikfreier Raum sein», sagt Millerberg.

«Das muss so sein», sagt Bischof Huwiler und ergreift im Bücherregal ein gebundenes Heft. «Die Kirche ist neutral […] und stellt sich nicht auf die Seite bestimmter Parteien oder Kandidaten», heisst es im «Handbuch der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage». Folgerichtig gebe man keine Wahlempfehlung ab. «Aber natürlich begrüssen wir es, dass dank Romneys Kandidatur der Name der Kirche häufiger fällt als früher», so Huwiler. Es gebe innerhalb der Gemeinde allerdings auch Stimmen, die befürchteten, dass sich Fehlleistungen eines allfälligen Präsidenten Romney negativ auf das gesellschaftliche Image der Glaubensgemeinschaft auswirke.

Alkoholverbot und Keuschheit

Dieses sei ohnehin schon mit Klischees behaftet. Bischof Huwiler und Ratgeber Aeschbacher sind denn auch bemüht, diese abzuschwächen oder zu widerlegen. Vielweiberei? «Schon seit über einem Jahrhundert kein Thema mehr.» Missionierungsspflicht für junge Männer? «Das beruht auf Freiwilligkeit.» Alkoholverbot, Keuschheit vor der Ehe, Abgabepflicht eines Zehntels des Einkommens? «Das ist die persönliche Entscheidung jedes Einzelnen. Wir verstossen niemanden, der die Gebote nicht einhält», so Aeschbacher. Man verwirke sich höchstens den Zugang zum heiligen Tempel im bernischen Zollikofen, dem einzigen der Schweiz.

Der Schnee hüllt das moderne Gotteshaus mittlerweile in einen weissen Mantel, es herrscht beinahe eine weihnachtliche Stimmung. Im Inneren haben sich die Mormonen nach Geschlecht und Alter getrennt und besprechen in der «Sonntagsschule» religiöse Texte - Politik hat da keinen Platz. Im prall gefüllten Aktivitätenkalender der Gemeinde ist das Datum der US-Wahlen nicht einmal eingetragen.

Die Mormonen

Die Mitglieder der Kirche «Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage», besser bekannt als Mormonen, berufen sich neben der Bibel auch auf das Buch Mormon. Der Prophet Joseph Smith Jr. soll es im Jahr 1823 von dem ihm erschienenen Engel Moroni im Staat New York erhalten haben – auf Goldplatten eingeritzt.

Smith gründete eine Religionsgemeinschaft, die aber in der amerikanischen Gesellschaft auf starken Widerstand stiess und immer wieder umsiedeln musste. Mitte des 19. Jahrhunderts gründete sie schliesslich die Stadt Salt Lake City, die noch heute als Hauptstadt der Mormonen gilt.

Die Mormonen bezeichnen sich selbst als Christen. Ihr Buch Mormon beschreibt die Besiedlung Amerikas durch Stämme, die aus Palästina kamen. Dort habe Christus sie kurz nach seiner Auferstehung besucht und ihnen den Kern des Evangeliums vermittelt.

Nach eigenen Angaben gibt es weltweit über 13 Millionen getaufte Mormonen, rund die Hälfte davon lebt in den USA. In der Schweiz zählt die Gemeinschaft rund 7000 Mitglieder. Sektenexperte Hugo Stamm bezeichnete die Mormonen gegenüber dem «Tages-Anzeiger» als «neureligiöse Bewegung mit sektenhaftem Charakter». (fum)

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